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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-12 · Heft 46 (12.11.1909) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 sich herausstellte, aus verkleideten jüdischen Studenten. Blei wurde vor das Gericht geladen, erklärte jedoch, daß die Entführung ohne sein Zutun und Wissen erfolgt sei. ' Das Mädchen selbst erklärte, daß es sich überlegt habe, sich taufen zu lassen und froh sei, wieder bei ihrer Familie zu sein, um im Glauben ihrer Väter leben zu können. ÄusMnd. J. K. Petersburg, 26. Oktober. Der „schwarze" Kultusminister zeigt, daß er in der Erfindung von neuen Beschränkungen für die Inden unerschöpfliche ist. Bisher waren die berüchtigten Prozentnormen für Juden in den Künstinstituten nicht eingeführt, so daß dort Juden ohne größere Schwierigkeiten Aufnahme fanden. Eine gewisse Pietät vor der Kunst hielt hier die Brutalität zurück. Der Minister Schwarz weiß sich jedoch von solchen „Vorurteilen" frei. Warum soll denn die Kunst anders eingeschätzt werden als die Bildung und Wissenschaft, die den Juden nach Möglichkeit verschlossen bleiben müssen? Und so hat er in der Petersburger Kunstakademie eine dreiprozentige Norm festgesetzt. Die Zahl der Studierenden an dieser Akademie beträgt durchschnittlich 50 — so , daß an dieser Anstalt jetzt ein und ein halber Jude Aufnahme finden können! Das ist der Lohn für die großen Leistungen jüdischer Künstler wie Ankokolskh und anderer auf dem Gebiete der nationalen russischen Kunst! Von der Erfindungsgabe des Bildungsministers zeugt auch folgender Fall: Der jüdische Duma-Abgeordnete Nisselowitsch hat. sich an ihn mit dem Ersuchen gewendet, die Aufnahme von jüdischen Schülern in die Mittelschulen von Marjubol, Mirgorod, Kremenczug und anderen Städten, in denen die Schulleitungen besonders rigoros gegen die Juden verfahren, zu veranlassen. Der Minister erwiderte, die Eltern der Kinder müßten sich selber an ihn wenden, und zwar jeder in einer besonderen Eingabe. Kollektivgesuche würden unberücksichtigt bleiben! Mit diesem Bescheide der Regierung ist den jüdischen Duma-Abgeordneten jede Möglichkeit genommen, bei der Regierung irgendwelche Schritte zugunsten ihrer .bildungsuchenden, zurückgesetzten Brüder zu unternehmen. Amerika. . . 2. New Aork, 22. Oktober. Das Montefiore-Heim feierte vor kurzem den 25. Jahrestag seines Bestehens. Aus kleinen Anfängen (die Anstalt wurde im Jahre 1884 mit fünf Insassen eröffnet) hat. sie sich zu einer der größten jüdischen Siechen- und Altersanstalten entwickelt. In dem Institut und in dem mit demselben im Zusammenhang stehenden Sanatorium fanden im letzten Jahre 1037 sieche Glaubensgenossen Aufnahme. Der Vorstand dieser Anstalt setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Vorsitzender Herr Jacob H. Schiss, stellvertretende Vorsitzende sind die Herren Henry Salomon und Leopold Stern; Herr K. I. Greenhut ist Schatzmeister, und das Ehrenamt des Schriftführers versieht Herr Arthur D. Wolf. — Am 9. November wird unter dem Vorsitz von Herrn Dr. Schulmann die Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner eröffnet werden. Auf dieser Konferenz, die im Savoh-Hotel tagen wird, werden verschiedene wichtige Fragen, wie z. B. die religiöse Jugenderziehung und die Mischehen, zur Sprache kommen. Im Anschluß an diese Zusammenkunft wird der hundertjährige Geburtstag von David Einhorn und Samuel Adler festlich begangen werden. Die Gedächtnisrede für Dr. Einhorn wird Herr Rabbiner Dr. Hirsch aus Chicago, im Tempel Beth-El halten, als dessen erster Rabbiner der Verblichene seinerzeit fungiert hatte. Die Gedächtnisfeier für Samuel Adler wird im Tempel Emanuel von Herrn Rabbiner Dr. Silbermann eingeleitet werden, da Samuel Adler an dieser Synagoge früher als Seelsorger gewirkt, hat. Von Ksh und Mn. — Der antisemitische Abg. Bruhn, der Verleger der, „Wahrheit", dementiert die Meldung, daß er sein Hospitanten-^ Verhältnis zur Deutschen Reformpartei gelöst habe, und daß die Abgeordneten Gäbel und Bindewald wegen der Zugehörigkeit Bruhns zu dieser Partei aus ihr ausgetreten seien. — Dann darf man wenigstens erwarten, daß die Resormpartei selber baldigst Herrn' Bruhn den Stuhl vor die Tür fetzt. — Die jüdische Gemeinde in Reisen, in Posen hat sich aufgelöst; sie hatte zuletzt nur noch zwei Mitglieder, ebenso die Gemeinde Sändberg. — In Neustadt in Oberschlesien ist der Königliche Kommerzienrat, Fabrikbesitzer Albert Fränkel im Alter von 72 Jahren verschieden. Der Verstorbene bekundete stets reges Interesse für alle jüdischen Angelegenheiten; er gehörte eine Reihe von Jahren dem Repräsentantenkollegium an, war seit fünf Jahren Vorsitzender des Vorstandes und noch länger Ehrenvorsitzender des Wohltätigkeitsvereins. Die Gemeinde verliert in dem Entschlafenen einen treuen Führer und Berater. Ehre seinem Andenken. — In Gleiwitz wurde am 28. v. M. unter dem Protektorate des Herrn Rabbiner Dr. Münz ein jüdischer Jugendvecein gegründet, dem sogleich 39 Mitglieder beitraten. Neben Vorträgen und Diskussionen sind gesellschaftliche, auch sportliche Veranstaltungen vorgesehen. — Herr Moritz Wagner in Münsterberg wurde für die Stadt und den Kreis Münsterberg als Mitglied der Handelskammer zu Schweidnitz gewählt. Es ist seit mehr als 20 Jahren kein Jude in diese Handelskammer gewählt worden. — Bei der Aufstellung der Liste für die Schöffen und Geschworenen in,Arnstadt in Thüringen sind zum erstenmal seit zwanzig Jahren auch zwei Juden gewählt worden, und zwar Herr Max Ledermann als Geschworener und. Herr Siegmund Müller als Schöffe. — Nach einer Meldung des „Landkorr." sind auf dem israelitischen Friedhof in Obernzenn in den letzten Tagen die beiden Tore gewaltsam aufgebrochen sowie eine größere Anzahl Grabsteine umgeworfen und zum groben Teil ganz zerstört worden. Von den Tätern - hat man noch reine Spur. — Das israelitische Konsistorium in Lothringen hat beschlossen, je ein neues Rabbinat in Diedenhofen und in Mörchingen zu gründen. — Der Lehrers Jacob in Rerchshofen erhielt anläßlich seines 50jährigen Dienstjubiläüms den Kronenorden IV. Klasse. — Am 30. v. M. fand für die jüdischen Soldaten Prags in der Meisel-Synagoge ein Festgottesdienst statt, bei welchem der Feldrabbiner Dr. A. Kisch eine patriotische Rede hielt. Im Chore wirkte die Kapelle des 11. Infanterieregiments, welche zwei Choräle und die Volkshhmne zur Aufführung brachte. — Das in Pisek erscheinende Blatt „Ostavan" meldet, daß der Advokat Dr. Aurednicek, der Verteidiger Hülsners, daselbst weilt, um beim Kreisgerichte die den seinerzeitigen Ritualmordprozeß Hülsner betreffenden Akten zu studieren. Angeblich soll es sich um die Vorarbeiten für ein Gesuch betreffend die Wiederaufnahme des Prozesses handeln. — Dem Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Ad. Stein in Wien ist der Orden der eisernen Krone III. Klasse verliehen worden. — Der in Florenz lebende deutsche Historiker Dr. Robert Davidsohn erhielt in Anerkennung seines hervorragenden Werkes „Die Geschichte von Florenz" die Würde eines Kommendatore der italienischen Krone. — Die Pariser Zeitschrift „B'Intermsdlaire" veranstaltet folgende Rundfrage an ihre Leser und Mitarbeiter: Unter den großen Musikern der jüdischen Rasse werdur gewöhnlich Mendelssohn, Halevy und Meyer beer angeführt. Kann man aus diesen Beispielen schließen, daß die Semiten eine außergewöhnliche Eignung für die Musik haben? Und wie kann das erklärt werden? Man darf aus die einlaufenden Antworten gespannt sein. — Aus London wird gemeldet-' Im Alter von 47 Jahren ist Adolph Engländer, Präsident der Ostend-Hilfsgesellschaft des Jewish Board of Guardians, Präsident der Vine Court - Synagoge usw., gestorben. Engländer hat die Bambusindustrie in England eingesührt. — In Liverpool^hat I. H. Amsche Witz in seinen Wandgemälden für die Stadthalle hervorragende Meisterwerke geschaffen. — In der russischen Stadt Turan ist das Judenviertel, in dem sich zahlreiche Warenhäuser befinden, zum größten Teil ein Raub der Flammen geworden. Der durch die Feuersbrunst verursachte Schaden wird auf eine Million Rubel geschätzt. — In Hebron ist ein jüdischer Pilger, als er sich den Patriarchengräbern näherte, was bekanntlich den Juden verboten ist, von fanatischen Arabern gelyncht worden. Da die irdischen Üeberreste dieses Unglücklichen bis jetzt von seinen Glaubensgenossen noch nicht entdeckt worden sind; hat der Großrabbiner der Türkei den Minister des Innern aufgefordert, eine Untersuchung in dieser Angelegenheit zu veranlassen und die Abschaffung des Verbotes, das Juden vom Besuch der Patriarchengräber ausschließt, zu bewsrksteüigen. > ,; , . , Redakteur: Albert Katz in Berlin.Pankow, Florästr. SS. .

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