Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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73. Jahrgang Nr. 46. BerHn, 12. November 1909. Detlasr zur „AUgemeinen Leitung deß IuüentumK^. korrrlpondenHM und Kschrichtm. Deutschland. — Berlin, 8. November. In der Aula der Knabenschule, . Große HamburgerStraße27. wurde heute mittag das fünfzigjährige Bestehen der jüdischen Lehrerbildungsanstalt durch einen Festakt gefeiert. Es hatten sich dazu außer dem Lehrkörper und den Zöglingen der -.Lehrerbildungsanstalt, einer großen Korona ehemaliger Zöglinge der Anstalt aus allen Teilen des Reiches das Rabbinat, Mitglieder des Vorstandes und des Repräsentantenkollegiums der Berliner jüdischen Gemeinde sowie auch Vertreter derKöniglichen Staatsregierun g und der Berliner städtischen Körperschaften eingefunden. Vom Königlichen Provinzialschulkollegium waren der Vizepräsident desselben, Provinzialschulrat Dr. Mager und der Dezernent des Provinzialschulkollegiüms Ullmann, von Stadtverordneten die Herren Kommerzienrat Bamberg' und Dr. Jsaack erschienen. Eingeleilet wurde der Festakt durch Beethovens feierliche Hymne: „Die Himmel rühmen". -Dann begrüßte namens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Herr Sanitätsrat Dr. Stern die Festversammlung, besonders die Herren vom Königlichen Provinzialschulkollegium, dessen Wohlwollen er für die Anstalt auch in der Zukunft erbittet. Nach warmer Würdigung der segensreichen Wirksamkeit des Instituts, die ja auch von dev Königlichen Regierung dadurch anerkannt worden sei, daß der Lehranstalt im Dezember 1903 die Ermächtigung zur Ausstellung des Einjährig - Freiwilligen- Zeugnisses erteilt worden sei, dankt er allen, die an dem Gedeihen der Anstalt mitgewirkt haben, und übermittelt die herzlichsten Glückwünsche der Berliner jüdischen Gemeinde. Sodann ergreift der Vizepräsident des Königlichen Provinzialschulkollegiums Herr Dr. Mager das Wort. Er sei beauftragt, die Glückwünsche der Königlichen Staatsregierung zu übermitteln. Er unterziehe sich dieser Aufgabe um so lieber, als er seit drei Jahren durch seine amtlichen Beziehungen die Anstalt und den Geist, der in ihr herrsche, genau kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Von dem Worte Schillers ausgehend: „Das ist's ja, was den Menschen zieret, Und dazu ward ihm der Verstand, Daß er im inner» Herzen spüret, Was er erschafft mit seiner Hand", erblickt er die Bedeutung dieses Jubiläums, wie eines jeden, in dem Bedürfnis des Rückwärtsschauens auf die geleistete Arbeit und ihren Erfolg. Eine solche Rückschau löse vor allem das Gefühl des Dankes gegenüber dem Höchsten aus, mit dessen Hilfe die Anstalt das geworden sei, was sie heute ist. Sie stehe völlig gleichberechtigt neben den königlichen Seminaren und Präparandenanstalten. „Sie steht in ihren Leistungen hinter keiner staatlichen Anstalt zurück." Dank gebühre ferner den Männern, die in diesem und an diesem Hause gearbeitet und so Hervorragendes geleistet hätten^ Dank auch seitens der Behörden und Dank auch jenen, denen der Sonne Licht zu schauen, nicht mehr vergönnt sei. Er bringe zu diesem Jubiläumstage aber auch ein Geschenk der Königlichen Staatsregierung mit. Auf Antrag des Provinzialschulkollegiums habe der Herr Kultusminister genehmigt, daß der jüdischen Lehrerbildungsanstalt das Recht einer eigenen Abgangsprüfung, eine eigene Prüfungskommmission zuerkännt werden. Allerdings handele es sich zunächst um eine widerrufliche Berechtigung . auf zunächst fünf Jahre. Aber er zweifle nicht, daß es sich, da sie sich bewähren werde, um ein dauernde s Geschenk handeln werde. Wie bisher möge die Anstalt ihre Zöglinge zur Vaterlandsliebe, Königstreue und Gottesfurcht erziehen. Auch Se. Majestät der Kaiser haben geruht, als äußere Zeichen seiner Anerkennung Herrn Rabbiner Professor Dr. Mähst au m den Roten Adler orden IV. Klasse und Herrn Direktor Dr. Holzmann, dem Leiter der Anstalt, den Königlichen Kronenorden III. Klasse zu verleihen. Dann folgte die Festrede des Herrn Direktor Dr. Holz mann. Sie entrollte in gedankenreicher Tiefe ein fesselndes Bild des äußeren und geistigen Werdegangs der jüdischen Lehranstalt im inneren Kontakte mit den Verhältnissen und dem Geiste des letzten Halbjahrhunderts. Da die gehaltvolle Rede in ihrem Wortlaute zum Drucke gelangen wird, beschränken wir uns auf diesen Hinweis. Namens der ehemaligen Zöglinge der Anstalt übermittelte Herr Schuldirigent A. Levh in gehaltvoller Rede die besten Glückwünsche. Er wachte zugleich Mitteilung von einer Jubiläumsstiftung der ehemaligen Zöglinge; Ausgabe der Stiftung werde es sein, Lehrern bei. Stellenlosigkeit helfend zur Seite, zu stehen. Als weiteres Geschenk überreichte er namens der dankbaren Zöglinge die Büsten Pestalozzis und Diesterwegs als Schmuck des Lehrsaales. Es sprachen dann noch Herr Professor Philippson, der namens des Gemeindebundes der Anstalt die besten Glückwünsche, insbesondere aber dem verdienten Leiter überbrachte, und Herr Professor Schäfer, der namens des „Hilfsvereins der deutschen Juden" gratulierte und die Bedeutung hervorhob, welche die jüdische Lehrerbildungsanstalt für das jüdische Schulwesen des Hilfsvereins im fernen Orient habe, wo immer mehr, selbst, von sephardischen Gemeinden, deutsche Lehrkräfte erbeten werden. Mit dem prächtigen Chorvortrag des 150. Psalms schloß die erhebende Feier. *** Berlin, 7. November. In dem von dem „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" eröffneten Wettbewerb um eine für das Jahrbuch des Verbandes geeignete Novelle hat Herr Lehrer'Isidor Borchardt mit seiner Novelle „Der Am haarez" den Preis erhalten. Der Verfasser der Novelle „I^ri onauehi" wird . um seine Adresse gebeten, damit ihm sein Manuskript zugesiellt werden kann. *** Berlin, 9. November. Am 3. d. M. ist nach kurzem Leiden Herr O s car B erl i n im Alt« von 53 Jahren verschieden. Der Verstorbene war als Mensch wie als Jude durch vorzügliche Charaktereigenschaften ausgezeichnet, die ihm die Achtung und Liebe weiter Kreise einbrachten. Er gehörte eine Zeitlang der Repräsentanten-Versammlung unserer Gemeinde an und stellte, nachdem er aus derselben ausgeschieden war, seinen Eifer und seine reichen Erfahrungen auf dem Verwaltungsgebiet in den Ehrendienst mannigfacher Vereine und Wohlfahrtseinrichtungen, für deren Förderung und Fortentwicklung er seine ganze Zeit und Arbeitskraft einsetzte. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der Verband der jüdischen Literaturvereine, der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Hilfsverein der deutschen Juden, der Verband der deutschen Juden, viele religiöse und humanitäre Vereine verlieren in dem Heimgegangenen einen opferwilligen Helfer, treuen Anhänger und unermüdlichen Mit arbeiter, der mit Hintansetzung seiner eigenen Interessen stets das Interesse für die Gesamtheit im Auge hatte. Die Beerdigung fand am Sonntag unter großer.Leilnahme auf dem Friedhof der Gemeinde „Adass Jisroel" in Weißensee statt. Nach dem üblichen, vom Kantor der Gemeinde vorgetragenen Sazurtomirn. Gebet zeichnete Rabbiner Dr. Meyer Hildesheimer in einer tiefempfundenen Rede das Leben und Wirken dieses um das Judentum und seine Bestrebungen hochverdienten Mannes, der ein wahrheitsliebender Mensch und ein überzeugungstreuer Jude war. Ehre seinem Andenken! Berlin, 7. November. Der Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Ilmim" (Erziehungsanstalt Berlin-Weißensee) bittet uns um die Veröffentlichung folgenden Aufrufes: „Anläßlich des bevorstehenden Chanuka-Festes und der folgenden Gedenktage erneuern wir unsere alljährliche Bitte, uns auch ferner zu helfen, das ' Los der uns anvertrauten jüdischen taubstummen Kinder zu mildern. Bei der Erziehung der Jugend sollte fort und fort Wert darauf gelegt werden, den Sinn für humanitäre Bestrebungen frühzeitig anzuregen. Deshalb ergeht unsere Bitte an alle edeldenkenden Glaubensgenossen, die Kinder ihrer Gemeinde oder Schule aufzufordern, sei es unter sich oder bei den Gemeindemitgliedern, für uns zu werben, damit wir unser Ziel, allen jüdischen taubstummen