Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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MisrrlltN Die Glocken in der Synagoge. Der Senior der .nglisch jüdischen Rabbiner ist heute nach dem vor kurzem erfolgten Ableben des Professors Marks, der 85 jährige Rabbiner von Hüll Jsr^l Aaron Levh. In einer früheren Nummer des ^ewish IVorlä" werden nun einige interessante Reminiszenzen aus dem erfahrungsreichen Leben des jüdischen Seelsorgers aufgefrischt, von denen die folgende besonders charakteristisch ist. In einem Gespräche mit dem ehemaligen Erzbischof von York, fragte der Erzbischof, weshalb die Juden nicht das Glockenläuten in der Synagoge einführen. „Haben Sie nicht bemerkt, daß ärmliche Wirtshäuser stets einen Fiedler anstellen, um die Gäste heranzulocken?' fragte Rabbi Levy zurück. „Ganz richtig!" meinte Se. Eminenz. „Und ist es Ihnen nicht ebenso aufgefallen, daß in einem erstklassigen Etablissement solche Reklamemusik stets fehlt?" „Äha, ich sehe schon." sagte der Erzbischof, „wo Sie hinauswollen. Ein guter Wein braucht kein Aushängeschild. Sie mögen recht haben!..." * Namensänderung. Ein Israelit namens Abraham bat einmal den Siegelbewahrer zu Paris um die Erlaubnis, seinen Namen, der ihn als einen Anhänger der jüdischen Religion bezeichnete. ändern zu dürfen. Der Minister antwortete, daß er die verlangte Erlaubnis, wenn er nichts zu ihrer Rechtfertigung vorbringe, nicht gewähren könne: erstens, weil ein allgemein hochgeachteter Patriarch den Namen Abraham führte; zweitens, weil der Israelit, der gleich seinen Mitbürgern Franzose ist, kein Interesse haben kann, die Religion, welcher er angehört, zu verbergen. Literarische MtteUungrn. Zwei wertvolle durch Gründlichkeit des Quellenstudiums ausgezeichnete Arbeiten, welche als Beiträge zur Geschichte der Juden in Ba yern fast gleichzeitig im Buchhandel erschienen sind, verdienen es, daß auf sie die Aufmerksamkeit all derjenigen gelenkt werde, welche trotz des Geredes von dem Minderwerte der Detailarbeit im wissenschaftlichen Betriebe die Ueberzeugung sich nicht wegstreiten lassen, daß zuerst der solide Untergründ eines gesicherten Tatsachenmaterials gelegt werden müsse und dann erst auf demselben die Konstruktion von allgemeinen Begriffen und Urteilen aufgerichtet werden dürfe. Die Geschichte der Juden in Deutschland wird immer der Wald sein, der aus lauter einzelnen Bäumen besteht, und darum in der Hauptsache Darstellung der Einzelgemeinden bleiben, ihrer äußeren Schicksale und ihrer geistigen Entwicklung. Alle solche Darstellungen, die mit dem unentbehrlichen Verständnis für das Ganze der Geschichte in einem begrenzten Ausschnitt des allumfassenden Kreises sich bewegen, haben neben ihrem selbständigen Werte, den sie beanspruchen können, die Bedeutung von dankenswerten Vorarbeiten für einen auf den Schultern des früheren stehenden Graetz der Zukunft, den wir mit Ungeduld erwarten. Nirgends hat es mehr verstreute.Kolonien von Kleingemein dsn gegeben als in den ehemals fränkischen Ländern, wo jeder ritterschaftliche Grundbesitzer zum Aerger der ihm benachbarten Fürsten und Städte sich sein Häuflein Juden wie eine milchende Kuh gehalten hat. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat es infolge von Verhältnissen, die hier nicht geschildert werden können, in ganz Bayern nur eine Großgemeinde gegeben und das war die von Fürth, die man darum die Metropole der bayerischen Judenheit genannt hat. Mit den Rabbinern von Fürth beschäftigt sich eine höchstverdienstliche Studie des gelehrten Dr. Löwenstein.*) Ehrwürdige Gestalten von Trägern talmudischen Wissens ziehen an uns vorüber und reichen sich die Hand zu einer Kette von durch Frömmigkeit und Scharfsinn ausgezeichneten Gelehrten, welche durch länger als zwei Jahrhunderte (von 1607—1830) sich hinzieht, im i) Zur Geschichte der Juden in Fürth, I. Teil. Das Rabbinat. Frankfurt a. M. Verlag von Sänger & Friedberg. 1909, (ganzen 16 Bilder von Charakterköpfen, die im' Halbdunkel ihrer Erscheinung an Typen von Rembrandt erinnern. Gelehrtengeschichte ist Geistes geschichte, und mit Rücksicht darauf wollen wir dem Verfasser, der in der Kenntnis von Personalien und Familienzusammen- " hängen bewandert ist wie nur wenige, keinen Vorwurf daraus machen, daß er uns zuerst eine Serie von Bildern zeichnet und den Rahmen der Gemeinde, aus welchem diese Bilder uns anblicken, erst in einem zweiten Teile feiner Untersuchungen nachzuliefern in Aussicht stellt. Je näher wir der Gegenwart kommen, desto bekannter und vertrauter werden uns die Gestalten der Rabbiner von Fürth deren letzter aus der alten Schule, R. Wolf-Hamburg, der bekannte Antipode des Dr. Löwi, des ersten neumodischen Rabbiners von Fürth, nach der den Stempel feiner Ueberzeugung nicht verleugenden Darstellung Löwensteins geradezu ein Opfer des in seiner- Zeit entbrannten Kulturkampfes geworden sein soll. Und daß dieser Kulturkampf noch ganz andere Dimensionen erlangt hätte, wenn eine Persönlichkeit wie R- Moses Sofer aus Preßburg das ihm 1821 angetragene Rabbinat von Fürth angenommen hätte, liegt ebenso auf der Hand wie die Voraussicht, daß es auch diesem Gaon aus Ungarn nicht gelungen wäre, die „neue Aera" in Deutschland auch nur um Tagesdauer aufzuhalten. Aus einem von der Heerstraße abseits liegenden Schauplatz, in einem Distrikt von altbayerischen Gemeinden, welche ehemals Sammelpunkte und Mittelpunkte jüdischen Lebens gewesen, führt uns die andere Arbeit, auf welche wir eingangs aufmerksam gemacht, eine Geschichte der Juden von Schmittach und Tochtergemeinden,I1) welche mit einer Fülle von aus fast noch unberührten Archiven stammenden Mitteilungen die Lücken unserer Kenntnis der Vergangenheit ausfüllt. Die Veröffentlichung ist trotz Ueberschätzung des historischen Wertes von untergeordneten Kleinigkeiten in mancherlei Beziehung sehr interessant, weil sie uns die unergründlichen Wege der bayerischen Politik zeigt, welche im eigenen Stammlande die Juden ausgetrieben und im später erworbenen Gebietsteile sie duldete öder gar sie kräftig und ehrlich schützte. Immer wieder zum Staunen herausfordernd ist die Lebenskraft und die unbegrenzte Leistungsfähigkeit dieser ländlichen Miniaturjudengemeinden. Man höre nur: „Ein kunstvolles Netz von allerhayd Sporteln und Abgaben war gesponnen. Jeder wollte seinen Anteil, die Pfarrer, die Lehrer, der Magistrat, der Burggraf, Burgvogt, Gerichtsfchreiber, Büchsenmacher usw. Was sollten die Juden tun? Auswandern? Doch wohin? Ueberall waren ihnen die Tore verschlossen, oft durch die Glaubensgenossen selbst, die in ihrem engbegrenzten Erwerbsgebiet keine neue Konkurrenz wünschten." Oft genug drehten die Juden den Spieß herum und drohten ihrerseits mit Auswanderung.. Und diese Drohung war oft aufrichtiger gemeint als die von dem Landesherrn angedrohte Ausweisung. Denn oft genug erließ man, statt diese wahrzünehmen, den Juden, um sie zu halten, noch einen Teil ihrer Abgaben." — Auch in diesem Werke nimmt die Rabbinergeschichte einen breiten Raum ein, aber auf dem Hintergründe der Lokalgeschichte. Dr. A. Eckstein. *) Geschichte der Juden in der Oberpfalz von Dr. Weinberg. III. Der Bezirk Rothenberg. Salzburg, Selbstverlag. 1909. Sprechsasl. Einer verehrlichen Redaktion der . „Allgemeinen Zeitung des Judentums", beehren wir uns .auf die geschätzte Notiz auf Seite 530 in der.letzten Nummer ergebenst mitzuteilen, daß wir sofort nach Bekanntwerden der Entscheidung der sechsten Kammer für Handelssachen des Landgerichts Dresden Beschwerde beim Kgl. Sächsischen Justizministerium über die ungeheuerliche das Judentum beschimpfende Aeußerung des Landgerichtsdirektors Menz geführt haben. Mit vorzüglicher Hochachtung Central-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens J.A.: Dr.L. Holländer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlt».