Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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550 durch ihre Adern krochen, die ihr Furcht und Grauen einflößten und von denen sie sich gar keine Rechenschaft zu geben wagte. Ihre Wünsche und Hoffnungen schienen ihr wie erstorben. Warum war er nur so grausam und hart gegen sie, sobald sie versuchte, sie neu zu beleben? Vielleicht war es nur vorübergehende Laune, er war so sehr in. Anspruch genommen, soviel beschäftigt-mit diesem armseligen Tröste hielt sie sich schon seit Wochen aufrecht, seit Beginn des Frühlings, der aller Welt so hell und froh ins Herz schien. — Oftmals, wenn sie von seiner Tür fortschlich, ohne Einlaß gefunden zu haben — o, der Demütigung, des Leids. . . war sie der Verzweiflung nahe. Wie in einem dunkeln, froststarrenden Abgrund hinab gestürzt, erschien sie sich dann trotz des warmen Sonnenlichtes, in das. sie hinaustrat . . . aber immer wieder erstand die Hoffnung, die rastlose nimmermüde ... bis heute vormittag — sie hatte ihn aufgesucht, um ihn miteiner ihr ganz fremden Energie zu bitten, nun mit diesem Geheimtun ein Ende zu machen. Es wäre erforderlich über ihre Heirat . . . da hatte er sie so kühl, so merkwürdig fremd, so zwischen Mitleid und leichtem Spott angeblickt, daß das Wort ihr in der Kehle stecken geblieben war und es eisigkalt, wie in Todesfchauern durch ihr Inneres zog. Er sprach allerlei von Rücksichten, von gesellschaftlichen Pflichten, von materieller Notwendigkeit -von Vernunft und Klugheit, die sie annehmen müßten, von den konventionellen Fesseln, die jeder Mensch tragen muß-alles, alles, nur das letzte entscheidende, erlösende Wort nicht! Da war sie fortgeeilt, ohne ihm Lebewohl zu sagen. — So war sie nach Hause zurückgekehrt zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen Empörung und Verzweiflung schwankend. Vergebens suchte sie den dunkeln Rätseln seiner Worte nachzuspüren, bis sie die Deutung derselben empfangen . . . grauenvoll, fürchterlich, unentrinnbar! Das also war's? Er hatte eine andere gewählt und sie verlassen in Schande und Not! Else brach in ihrem schmerzerfüllten Sinnen an diesem Punkte angelangt in konvulsivisches Schluchzen aus. Unbekümmert und ungeniert, daß sie vielleicht beobachtet werden könnte, ließ sie ihren Tränen freien Lauf, das Weinen erleichterte ihr Herz. Sie wurde allgemach ruhiger, und so nochmals ihre Lage überdenkend, sagte sie sich, daß sie sterben müsse! Nur der Tod konnte ihre Schande sühnen, nur der Tod konnte ihre Leiden enden . . . und eigentümlich, dieser Gedanke erschreckte sie nicht, erfüllte sie nicht mit Furcht und Zagen, sondern schien sie zu befreien, zu trösten. Es gab also eine Sühne! Das Sterben kann nicht schwer sein nach solchen Leiden! Sie befreite andere von ihrer unwürdigen Gegenwart, sie erlöste sich selbst! So sollte es fein! Und wie einem festen, klaren Entschlüsse immer die Kraft und der Wille der Ausführung folgt, wie er stählt und ermutigt, so überdachte sie auch sofort im Flug, wie sie ihren Plan ausführen, das über sich selbst gefällte Todesurteil vollstrecken könne. Sie erhob sich, ordnete ihre Kleidung, suchte die Spuren ihrer Aufregung zu verwischen und schritt dem Neuen See zu. Still und einsam lag er in dem heißen Sonnenlicht des Mittags da. Der Abglanz des Lenzes ruhte über dem Park, dessen junges Grün ihn festlich schmückte. Und das alles sieht sie heute zum letztenmal — die schöne Welt zum letztenmal! Nur eine kurze Spanne Zeit, und ihre Augen haben sich für immer geschloffen. Für immer! Als wolle sie noch einmal die Herrlichkeit der Erde in sich ausnehmen, aufsaugen, schaut sie mit weiten Blicken um sich ... wie bekannt ihr alles erscheint, oft hatte sie es in ihrem jungen Liebesglück, mit vollem Entzücken ausgenommen in ihre Seele! Dätnals! Als sie feinem Liebesgeflüster in seligen Schauern aetArW/'^Wd heute ... jetzt... hier? Langsam schreitet sie ganz dicht an der Böschung entlang, bis dicht an ein-überhängendes Gezweig, und weiter führt sie der Fuß nach einer Stelle, die besonders dunkel und tief erscheint, vorwärts . .. immer vorwärts, ganz nahe heran, wie in halber Bewußtlosigkeit, und doch planvoll und sicher ... noch ein Schritt, und plötzlich ist es ihr, als vernähme sie feine Stimme, die ihr einmal zugemfen: „Dieses all Ewige, das nichts anderes ist als die unermüdliche Wiedergeburt der — Liebe!" Ein Sprung, ein Aufschrei. . . es war vollbracht. In dem säulengeschmückten Vorraum der Börse stand eine Gruppe von Herren, die das neueste Ereignis der Berliner Börsenkreise besprach, die Verlobung von Doktor Saulmann mit Fräulein Luise Hausdorf, der Schwägerin von Edmund Grosser, die heute abend mit einer großen Festlichkeit gefeiert werden sollte. „Nu, Feilchenfeld, was sagen Sie dazu? Habe ich Jhneu nicht immer gesagt, Sie sollen sich ranhalten?" „Danke für Kuchen! Wer's ihm nicht gönnt, soll's nicht haben." „Der Saulmann ist aber doch ein verfluchter Kerl!" „Na, mit dem Herzen wird diese Spekulation nicht viel zu schaffen haben."' „Das ist in Pinne auch nicht der Brauch..." „Stammt er denn aus Pinne?" „Was denn meinen Sie? Aus Potsdam etwa?" „Na, da kann ja ganz Pinne wieder mal „aha" machen." Alle lachten. „Jedenfalls an der Börse wird die neue Schwagerschaft Saulmann-Grosser noch manchmal zu denken geben. Die sind einander wert." In diesem Augenblicke näherte sich Saulmann der Gruppe.' Er wurde mit Zurufen und Glückwünschen von den Herren begrüßt. Fast gleichzeitig trat Sievers an die Versammelten heran. Er sah sehr ernst und verstimmt aus. „Morgen, Doktor Sievers!" „Was gibts neues? Sie sehen ja ganz verstört ausl" „Nichts meine Herren, was Sie zu erregen braucht, nichts, was auf die Bewegung der Kurse den leisesten Einfluß nehmen wird," erwiderte er abwehrend, „ich komme soeben aus einer mir befreundeten Familie, wo sich eine erschütternde Tragödie abgespielt hat. Denken Sie sich, ein junges, liebreizendes Mädchen hat gestern im Neuen See seinen Tod gesucht. Die Angehörigen haben vergebens aus die Heimkehr des unglücklichen Geschöpfes gewartet, das sich in der Mittags-' stunde entfernt hatte. Gegen abend erstatteten sie Anzeige bei der Polizei, und heute vormittag wurden sie nach der Morgue beschieden, wo sie in einer, heute in den ersten Morgenstunden am Neuen See angeschwemmten Leiche das" arme Mädchen wiederfanden." Er hielt einen Moment inne und wandte sich dann plötzlich etwas brüsk zu Saulmann, der sehr bleich geworden war: „Eine famose Notiz für Ihre Zeitung". „Und wer sind die Betroffenen?" fragte einer der um»' stehenden Herren. „Das Mädchen ist die verwaiste Tochter des verstorbenen Sanitätsrats Friedsohn aus Liffa..." „So was kam früher in der Khille doch nicht vor . .." seufzte ein alter Bankier, „ich kannte Friedsohn sehr gut, ein feiner, edler Mann, mit einem echt jüdischen Herzen. Das ist die Großstadt, dieses Berlin, das alle Tradition verschlingt... alle Pietät... die Grundpfeiler' des jüdischen Familienlebens und Familienglücks... wohl ihm, daß er das nicht erlebt hat. —"