Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 549 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Schluß sei ein kleiner Abschnitt über einen anderen Lehrer, über .den Musikdirektor Lewandowski mitgeteilt: „Wie Horwitz >bie Geister zu freiem Denken löste, so griff Lewandowski mit seinem Unterricht tief in die Seele seiner Schüler ein. Ich persönlich habe ihm ein wesentliches Stück meines Innenlebens zu danken. Die joviale Art seines Umganges mit den intensiv arbeitenden Schülern und sein Bestreben, diese zu sich heraufzuziehen, sie mit den Idealen seiner Kunst zu erfüllen, alles das hat auf die tiefer empfindenden Gemüter in mehr als einer Beziehung wohltätig eingewirkt, bei München sind sie fürs ganze Leben von höchster Bedeutung geblieben. Dabei war dieser. Künstler durchaus kein idealer Träumer, sondern eine praktische Natur und ein kluger Kopf. Er wies uns darauf hin, daß man die Kunst in erster Reihe der Kunst wegen Pflegen solle, aber sie müsse auch im Leben verwertet werden. Wenn einer seiner fortgeschritteneren Schüler ihm erzählte, er habe in der Familie 36. musiziert, aufmerksame Zuhörer und Beifall gefunden, so Pflegte er ihn zu fragen: „Und was hat es Ihnen eingebracht?" Antwortete man: „Nichts", so meinte er ernsthaft: „Sie sind nicht dazu da, die Leute zu unterhalten. Will jemand von Ihnen etwas vorgespielt haben, so muß er es bezahlen." Uns jungen Idealisten war natürlich diese Auffassung damals noch unverständlich. Erst in der Berufstätigkeit mag sich mancher von uns auf den praktischen Standpunkt des Meisters vielleicht zu spät besonnen haben. Uns Schülern zeigte sich Lewandowski stets hilfreich. Meine Dankbarkeit gegen diesen Meister wird bis zum letzten Atemzuge in meinem Herzen nicht verlöschen." Dir Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. XVIII. Inzwischen hatte Else unbemerkt, wie sie gekommen war, das Haus wieder verlassen. Als der Name Saulmann an ihr Ohr schlug, war es, als sollten ihr die Sinne vergehen. Krampfhaft hielt sie sich am Thürpfosten fest, den lauten Schmerzensschrei, der sich ihrem qualersüllten Herzen zu entringen drohte, mit übermenschlicher Kraft zurückdrängend. Sie hörte nichts mehr von dem, was weiter da nebenan gesprochen wurde, was konnte es auch für Wert und Interesse für sie haben, nachdem die grausame, herzlose Frau mit kaltem Munde ihr Unglück enthüllt hatte. Also das war es? Das hatte seit einiger Zeit so trüb und unheilvoll auf ihr gelastet, Treubruch, Verrat, Schurkerei, Tod? Und wie in wildem, plötzlichem Entschluffe raffte sie sich auf und stürzte auf die Straße hinaus! Fort von hier, fort, weit fort! Sie mußte fliehen, sie hatte kein Recht mehr, hier zu weilen, hier in der Nähe der Reinen und Guten. Sie kam sich wie ausgestoßen, wie verfernt vor. Wie hätte sie ihrer Schwester, ihrem Schwager jemals wieder unter die Augen treten, wie hätte sie die süßen Kleinen jemals noch herzen können, diese unschuldsreinen Wesen, die durch ihre Nähe schon befleckt wurden! Sie, die Verführte, die Verlorene, die Verlassene! Welcher Jammer, welche Schande, welches Elend! Sie eine Ehrvergessene! Sie hätte laut ausschreien mögen vor Qual und Jammer ... Zeigten nicht alle diese Leute dort, an denen sie-,vorüberkam, mit Fingern auf sie.;. Höhnten nicht tausend Stimmen hinter.ihr her: verführt, verlassen! O, wie sie sich schämte, wie ihre Augen brannten und ihr Gesicht .. . ob die Leute ihr wohl die Schande.ansahen, die auf ihr lastete? Es war ihr, als müsste sie sich in sich selbst verkriechen, sie zerrte an. dem leichten Sommerkleide, das sie trug, als wollte sie sich in demselben verstecken, und den Hut, den sie bei ihrer Flucht bewußtlos auf den Kopf gestülpt hatte, zog sie tief in die Stirn herab, als könne sie so das Brandmal der Schande verbergen, das sie sich aufgedrückt fühlte. Wenn doch die Erde sich auftäte, um sie zu verschlingen! Planlos eilte sie die * Straße entlang in ratloser Angst und Verzweiflung, und. plötzlich fand sie sich im Tiergarten wieder. Erschöpft sank sie auf eine Bank und schaute um sich, hier, ja hier war es, wo er in den traulichen Morgenstunden des vergangenen Sommers sein Liebeswerben begonnen. Trotz der warmen Lenzesluft kroch ein eisiger Schauer durch ihre Glieder .., Sie schloß die Augen, und nun durchlebte sie im Geiste noch einmal all die Zeit voll Lust und Qual. Von jenen ersten Augenblicken seines zärtlichen Flüsterns, von der Beseitigung des ersten Kusses an, jede einzelne Phase ihres Liebeslebens bis zu dieser fürchterlichen Stunde des Erkennens, bis zu dieser schmacherfüllten Gewißheit seines Verrates. Der Platz, auf dem sie saß, war ganz einsam. In den frühen Nachmittagsstunden war der Tiergarten wenig, besucht, und außer einem leise durch die Büsche streichenden Parkaufseher befand sich niemand in ihrer Nähe. Sie barg ihr Antlitz in den Händen, als könne sie das Licht der Sonne nicht vertragen, das durch das Geäst der im hellen Grün prangenden Bäume huschte und in vereinzelten Strahlen sich durchbrach. War es denn, wirklich wahr, was sie durchlebt, oder äffte sie nur ein wüster, wilder Traum? Konnte es denn möglich sein? Er, den sie so heiß, so innig liebte, der so voll. Zärtlichkeit und Güte für sie schien, hatte sie verraten? Er, der Kluge, Liebenswürdige, Starke? Der Heißgeliebte? War es denn möglich? Trostlos und schaurig überschlich sie die Gewißheit, daß es dennoch so sei, daß er sie verlassen habe . . . Aber wie'war es doch? Hatte er ihr nicht mit tausend Eiden gelobt, daß sie die Seine werden solle. An jenem Nachmittage im Herbst, als sie bei ihm gewesen war und damals.... Wie war es nur möglich, daß die Stimme der Schwester, diese gute, liebe Stimme sie nicht erweckt, dieser treue, warme Klang, der an ihr Ohr schlug, sie nicht vom drohenden Abgrund zurückgerufen? Damals, ja damals!... Sie blickte scheu um sich, als wolle sie sich vergewissern, daß keines Menschen Auge sie sah in ihrem Elend und ihrer Schande... Und dann? O, er war gut und liebevoll mit ihr, so oft sie sich sahen, nur eines fiel ihr auf, daß er inuner so entschieden und hastig es ablehnte, ihre Schwester endlich in das Geheimnis ihrer Liebe einzuweihen. Er wußte so herzlich und überzeugend zureden und sie auf andere Gedanken zu bringen. „Es hat Zeit, mein Lieb, weshalb verfrüht aus dem süßen Zauber, aus dem seligen Schweigen unserer Liebeseinsamkeit in das Allerweltsleben, in das Alltagstreiben hinaus? Sind wir nicht glücklich? Sind wir wie jedermann? Sollen wir mit Verbeugungen und zierlichen Redensarten uns als Verlobte aufspielen?" Es war ihr, als höre sie plötzlich den melodischen faszinierenden Tonseiner Schmeichelworte, als empfände sie seine Küsse und Liebkosungen. — Allmählich aber kam^s anders. Er wurde zerstreut, einsilbig, oft rauh und ungeduldig. Sie weinte viel, und das verbesserte seine Laune nicht. Er wies ihre Bitten, Agathe , endlich in ihr Verhältnis einweihen zu dürfen, schroff zurück — er machte so eigentümliche Redensarten und Ausflüchte, dje sie nicht verstand, äb?r die nfie ein seines, fressendes Gj )