Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228899--66002-3278159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kaum war das letzte'Wort gesprochen, als schön dielautesten Schreier und mutigsten Anführer vortraten und in beweglichen Worten um Verzeihung baten, den leichtsinnigen Streich aufs. tiefste bedauernd. Sie fügten noch die BittL hinzu, auch fernerhin der Wohltaten der Anstalt für wert gehalten zu werden. Und wir anderen schlossen uns ihnen reumütig an. Damit war der Streik glücklich beendet- und wir nahmen^ mit verdoppeltem Eifer unsere Arbeiten wieder auf. Als Entschädigung für das vermeintlich verlorene Semester erhielten wir von Horwitz einige Stunden wöchentlich Unterricht in der französischen Sprache, die er meisterhaft beherrschte, da er mehrere Jahre in Paris gelebt und, wenn ich nicht irre, auch die Sorbonne besucht hatte. 1866. Das Jahr 1866 ist eines der denkwürdigsten meines Lebens. Ich war damals Lehramtskandidat und unterrichtete bereits viel in den verschiedenen Klassen der Gemeinde- Knabenschule, zuweilen auch vertretungsweise in der Mädchenschule, unter der Aegide des Rektors Engelmann, dessen stoische. Ruhe und zarte, weiche Ausdrucksweise ihn zum Mädchenlehrer geradezu prädestinierten. Diese praktischen Uebungen, welche sich auf alle Lehrfächer der Volksschule erstreckten, waren für den angehenden Lehrer um so wertvoller, als die jungen Probanden dabei durch Winke der älteren und erfahrenen Pädagogen an der Schule unterstützt und gefördert wurden. Nebenher gingen die theoretischen Vorbereitungen zu dem Lehrerexamen, voran die Prüfung in den religionswissenschaftlichen Disziplinen, denn von dem Ausfall dieser hing die Zulassung zur staatlichen ab. Es wurde redlich und. fleißig gearbeitet. Da brach im Juni desselben Jahres der Krieg zwischen Preußen und Oesterreich aus, dessen kurze Dauer zwar keinen störenden Einfluß auf unsere Studien übte, obgleich wir seine Bedeutung schon damals erkannten und demzufolge die Nach- - richten über die kriegerischen Operationen mit fieberhaftem Eifer verfolgten. Einer Erinnerung an jene Zeit sei doch Erwähnung getan. Als gute Preußen gaben wir im Verein, mit der gesamten Schuljugend bei jeder eingetroffenen. Siegesnachricht während der Schulpausen der patriotischen Begeisterung durch Hurrarufen freudigen Ausdruck. Dies geschah, und zwar mit einer gewissen Ostentation auf Anregung^ des damaligen Lehrers der Gemeinde-Knabenschule Aron, einer hohen kraftvollen Gestalt mit einem aus strengem Pflichtgefühl und gediegenem pädagogischen Können hervorgegangenen männlichen Selbstbewußtsein. Mit diesem Lehrer, stand Horwitz auch in Friedenszeiten auf dem Kriegsfüße.' Die lauten patriotischen Kundgebungen auf dem Schulhofe konnte er selbstverständlich nicht verhindern, aber er hielt seinen Groll darüber nicht zurück. Bei einem Manne von so freiem Geiste und echt demokratischer Gesinnung war diese Auffassung weiter nicht zu verwundern. Horwitz besaß eine freie dichterische Seele, die jeder Schablone abhold war. Die bekannten und berüchtigten „Stiehlschen Regulative" aus der Zeit der politischen Reaktion in Preußen, die von dem damaligen Unterrichtsminister v.Mühler mit aller Strenge durchgeführt wurdenwaren ihm ein Dorn im Auge, und denen er im Schulbetriebe nur wenig oder gar keine Beachtung schenkte. Besonders machte sich dies bei der Vorbildung der jungen Lehrer geltend. Dieser geniale Pädagoge konnte ihnen nicht genug Kenntniffe, Fertigkeiten und nicht zuletzt Lebensweisheit mit auf den Weg geben. . Feind. jeder Pedanterie richtete er sein Augenmerk auf bte Erweckung der in den einzelnen seiner Jünger schlummernden Geisteskräfte. Nicht auf die Anhäufung trocknen. Wissensstoffs kam es ihm an, als vielmehr auf die Verinnerlichung. Vergeistigung und Verlebendigung des Gelernten und nicht minder auf die Form der mündlichen und schriftlichen Darstellung, denn Horowitz war vorwiegend Aesthetiker. Eine Lektion Pädagogik bei diesem begnadeten Schulmann war eine Stunde geistiger Erhebung und seelischer Erquickung. Dem von ihm zitierten alten Ausspruch: „Laeti tirones, laeti magistri" getreu, herrschte in seinem Unterricht «meist eine fröhliche Stimmung, wie beim Meister, so auch bei seinen Jüngern. Selbstverständlich litt der Ernst des Gegenstandes nicht darunter; er wurde durch die temperamentvolle Art der Behandlung nur noch belebt und — interessanter. Scherzhaft bemerkte er einmal: „Der Lehrer muß ein wahrer Herrgott sein, denn auch er muß in der Schule auf Sonnenschein Regen, wenn nötig, sogar ein Donnerwetter folgen lassen." — Und Horwitz donnerte manchmal recht vernehmlich. Aber er verstand es, Milde mit Strenge zu paaren, und wurde von uns, verehrt und geliebt. Er weckte die Geister zu freiem, selbständigem Denken und erfüllte sie mit Begeisterung für den idealen Beruf des Lehrers. Nicht allein enthüllte er uns die Schätze der deutschen Dichter (bekanntlich hatten die Stiehlschen Regulative das Lesen der „sogenannten Klassiker" in den Lehrerserninarien verboten), auch Rousseau, Moliöre, Voltaire u. a. lernten wir kennen. Ja, was hätte wohl der pietistische Mühler dazu gesagt, wenn es eines Tages zu seinen Ohren gekommen wäre, daß wir in der Schulstunde sogar „Philosophische Propädeutik" trieben! — Es ist nicht auszudenken. Aber daß so mancher Seminarzögling aus diesem Unterricht den kräftigsten Impuls zum Weiterstudium empfangen hat, ist zweifellos. Nicht wenige von ihnen stehen heute auf der jüdischen Kanzel und predigen das Gotteswort in ihrem „lieben; Deutsch", das sie von Horwitz gelernt. — Ob diese Männer sich dessen immer bewußt sind und der Stätte, wo sie den festen Grundstein zu ihrer Bildung gelegt, die rechte Dankbarkeit bewahren, mag dahingestellt bleiben. Soviel steht jedoch fest, daß ihre pädagogische Vorbildung der jüdischen Religionsschule zugute kommt. Auf den mündlichen und schriftlichen Gedankenausdruck legte Horwitz den größten Wert. Reines d. h. dialektfreies Hochdeutsch war die unerläßliche Forderung, die er an seine Zöglinge stellte. Und wehe dem, der sich beim Vortrag oder in der schriftlichen Arbeit hatte gehen lassen! Die Mittel, die er anwandte, waren eigenartig, einzig. Ernst, Scherz und Satire wechselten dabei, häufig ganz unvermittelt, ab, und nicht selten griff er nach den ihm jederzeit zu Gebote stehenden Waffen des Witzes. Eine wahrhaft Heinesche Natur — auch hinsichtlich der Tiefe des poetischen Empfindens. Die Zielscheibe seines Spotts wahrer Belustigung bildeten die „Posenschen Jünglinge",, deren äußere Haltung und Sprechweise, der singende Akzent, der spezifisch jüdische Unterton ihm gründlich verhaßt waren. Für die äußere geschlossene, ja militärisch stramme Haltung sorgte der ausgezeichnete Unterricht des Turnrats Dr. Angerstein, dessen systematische Leibesübungen, die er mit uns einigemal wöchentlich vornahm, und dessen theoretische Anleitung uns in der Schulpraxis von nicht geringem Nutzen waren. Aber die eigentliche Kulturarbeit lag doch wesentlich Horwitz ob, natürlich unter stetiger Mitwirkung der anderen Lehrer, von denen besonders H. Berwald genannt sei.