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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-12 · Heft 46 (12.11.1909) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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Ich habe ein doppeltes Persönliches Verhältnis zu ihr, eigentlich ein dreifaches. Zunächst war mein Vater, was wenigen bekannt ist, einige Monate als Mitglied des Schulvorstandes in dem letzten Jahre seines Lebens der Anstalt förderlich. Ich selbst war in zwiefacher Eigenschaft mit ihr verbunden. Ich habe fünf Jahre lang Geschichte, Geographie und Deutsch an ihr unterrichtet; seit 15 Jahren habe ich als Mitglied des Schulvorstandes häufig an Prüfungen teilgenommen und das stetige Fortschreiten der Anstalt mit Freuden beobachtet. Jener Lehrtätigkeit gedenke ich mit großer Freude. Als ich eintrat, war ich nicht viel älter als manche meiner Schüler; einige von ihnen beschämten mich, dem nur die ersten Barthaare keimten, durch ihre stattlichen Bärte. Meine Wirksamkeit steht mir in angenehmster Erinnerung, und ich freue mich jedesmal, wenn ich auf meinen Vortragsreisen ältere Lehrer begrüßen kann, die zu meinen Füßen gesessen haben und mir bezeugen, daß namentlich mein Unterricht im Deutschen nicht ohne gute Folgen geblieben ist. Besonders aber empfinde ich jedesmal, wenn es mir vergönnt ist, einer religionswissenschastlichen Prüfung beizuwohnen, ein Gefühl, das an Bewunderung grenzt. Der unermüdliche Eifer des Leiters und der Lehrer erzwingt die höchste Anerkennung: das Wissen der Schüler im Hebräischen, ihre Kenntnisse der biblischen Geschichte, ihre Belesenheit in der Bibel find aufs höchste anzuerkennen. Wenn man bedenkt, daß diese jungen Leute, die, oft' aus den kleinsten Verhältnissen hervorgegangen, mit der Not des Lebens kämpfen müssen, neben der allgemeinen Bildung, die von ihnen gleich den Besuchern staatlicher Lehrerseminare gefordert wird, das weite Gebiet der biblischen und jüdischen Geschichte, der Religion, der hebräischen Grammatik, Bibelübersetzung und Exegese zu bewältigen haben, so erwecken ihr Eifer, das Geschick und unablässige Streben der Lehrer freudiges Staunen. M. Holzmann, dessen ungewöhnliche pädagogische Begabung, dessen stupendes Wissen, dessen begeisterte Hingabe an seinen Beruf, dessen staunenswerte Arbeitskraft noch übertrofsen wird durch seine geradezu einzig dastehende Bescheidenheit, darf sich seines Werkes freuen. Er hat es verstanden, die drei großen Anstalten, denen er mit beispielloser Energie vorsteht, Knabenschule, Präparande, Lehrerbildungsanstalt, zu Musteranstalten zu erheben. Die Feier der Anstalt ist im wesentlichen seine Feier. Die Schüler drängen sich begeistert um ihren Meister; die Lehrer, jeder trefflich irr seiner Art, bekennen freudig, in ihm als ihren Führer das beste, fast unerreichbare Vorbild zu sehen. Ihm sei an seinem Ehrentage herzlicher Glückwunsch und inniger Dank geweiht. L. G. II. Zur Ergänzung der obigen Bemerkungen seien aus einer uns vorliegenden Skizze von B. Jakobsohn, „Erinnerungen aus 40jähriger Berufstätigkeit", einige Proben mitgeteilt (sie. beziehen sich auf die sechziger Jahre, in denen Jakobsohn die Lehrerbildungsanstalt besuchte) : Ein Schülerstreik. Das Schuljahr begann damals an den preußischen Lehranstalten Michaelis. Die Verlegung desselben auf Ostern fällt in meine Seminarzeit. Die natürliche Folge davon war, daß nicht allein die Aufnahme- und Entlassungsprüfungen, sondern auch die Versetzungen ein halbes Jahr später stattfinden mußten. Diese in die Lebensverhältnisse der Seminarzöglinge tief einschneidende Maßregel hatte begreiflicherweise einen wahren Aufruhr unter ihnen hervorgerufen. Der erwachte Freiheitsdrang der Jugend! Aus naheliegenden Gründen hatten sich die Lehramtskandidaten, welche vor dem Examen standen, wohl oder übel mit einer gewissen Resignation in das Unabänderliche gefügt, nicht aber die Zöglinge der zweiten und dritten Seminarklasse, die sich hierdurch benachteiligt hielten, weil sie ein halbes Jahr länger in der Anstalt verbleiben mußten. — Wie immer, gab es auch hier Rädelsführer, welche die Menge durch hochtönende Phrasen von Ehre, Selbstbewußtsein und Korpsgeist aufwiegelten und ihrem Willen gefügig machten. Da wurden geheime Versammlungen abgehalten, in denen es recht stürmisch herging; denn es fanden sich auch Kleinmütige, vielleicht waren es gerade die Einsichtigen und Besonnenen, die zum ruhigen Ausharren mahnten, die aber niedergeschrien und geradezu verhöhnt wurden, bis sie sich den Revoltierenden anschlossen. Es wurde denn auch nach wiederholten, natürlich wieder geheimen Beratungen der einhellige Beschluß gefaßt, dem Leiter der Anstalt das Mißfallen der Zöglinge über die beabsichtigte Verlegung des Schuljahres zum Ausdruck zu bringen und zu erklären, daß sie, falls der status quo ante nicht aufrecht gehalten werden sollte, fest entschlossen seien, aus der Anstalt auszutreten. Eine dreigliedrige Deputation wurde gewählt, welcher die eben nicht leichte Aufgabe zufiel, diese Willenskundgebung mit der entsprechenden Begründung dem Rektor Horwitz in wohlgesetzten Worten zu unterbreiten. Und so geschah es. Etwas enttäuscht kamen die Deputierten zurück und berichteten, der Rektor habe sie angehört und lächelnd erwidert, er werde die vorgetragene Angelegenheit dem Lehrerkollegiunr unterbreiten und den Beschluß desselben alsdann den H erren Seminaristen kund tun. Inzwischen war das ganze Vorgehen der jugendlichen Schaar den einzelnen Lehrern bekannt geworden, und jeder von ihnen war redlich bemüht, die Hitzköpfe vor dem verhängnisvollen Schritt zu warnen und sie durch mancherlei Versprechungen zu beruhigen. Aber vergebens. Im stillen Kämmerlein mochten sich die meisten von uns die Sache schon überlegt haben und in ihrem Entschluß schwankend geworden sein, jedoch gestand es nienrand ein. Auch als ernste Mahnungen und Warnungen der Eltern eintrafen, die vollends die Heißsporne abkühlten, trug man mit Heuchelei die feste Entschlossenheit zur folgenschweren Tat zur Schau; es wäre ja auch unmännlich und feige gewesen, pater peooavi zu sagen. „Vorwärts mußt du, zurück kannst du nimmermehr," so riesen, mit Wallenstein die Rädelsführer und mahnten ihrerseits, wenigstens den Beschluß der Lehrerkonserenz abzuwarten. Dieser Beschluß ließ nicht lange aus sich warten. Eines Tages wurden wir in die Aula beschieden. Das Lehrerkollegium war vollzählig versammelt. Horwitz, dessen Mund sonst ein sarkastisches Lächeln umspielte, setzte die ernsteste Miene auf, bestieg das Katheder und hielt eine geharnischte Rede an uns, welche unser Unterfangen geißelte. Wahre moralische Keulenschläge sausten auf uns hernieder: Jugendlicher Leichtsinn, Uebermut, Undankbarkeit, Frevel gegen uns selbst und gegen unsere Eltern, ja ein ganzes Sündenregister tönte vernichtend uns entgegen. Nachdem uns noch bedeutet wurde, daß selbstverständlich keiner der Exzedenten aus .irgendeinem deutschen Seminar Ausnahme finden werde, appellierte Horwitz noch an den besseren Sinn der Besonnenen und Vernünftigen und schloß mit den Worten: „Wir wollen niemand halten; darum überlassen wir es Ihnen zu tun, was Sie nicht laffen können!"

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