Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Landesgemeinde. Die finanzielle Tragweite dieser Bestimmungen speziell für die Großgemeinden, denen die Lasten der zahlreichen leistungsschwachen kleinen und mittleren Gemeinden in erheblichem Umsang aufgebürdet werden sollen, wurde von ihm gar nicht berührt. Die in dieser Hinsicht erforderlichen Erhebungen waren eben nicht gemacht worden.. Ein anderer Berichterstatter, Herr Landgerichtsrat Loewe- Berlin, gab zu, daß die Frage der Aufbringung der Mittel die Hauptsache sei, erklärte indessen gleichzeitig, daß man hinsichtlich der Größe der Ausgaben sich noch völlig im dunkeln befinde. „Bisher hat der'Entwurf noch keine Grundlagen nach dieser Richtung; wir hoffen aber, sie bis zur dritten Lesung zu bekommen." Nach unserer Ansicht war beim Fehlen dieser ganz unentbehrlichen Grundlagen der Entwurf überhaupt nicht diskutabel. Auch die nachträglichen Erörterungen in verschiedenen Blättern über die Bedeutung der auf dem Gemeindetage gefaßten Beschlüsse scheinen uns jedenfalls vorerst zwecklos zu sein. 'Wenn man zu praktischen Beschlüssen kommen will, muß man vor allem die tatsächlichen Verhältnisse in sämtlichen Gemeinden genau untersuchen und dann berechnen, welche Summen zu ihrer dem wirklichen Bedürfnis entsprechenden Verbesserung erforderlich sind. Diese Feststellung wird, als im allseitigen Interesse liegend, von keiner Partei beanstandet werden. In dem erwähnten Artikel ist unterstellt, daß die den Großgemeinden erwachsende Mehrbelastung außerordentlich hoch, ihrer eigenen Entwicklung abträglich und darum für den Fortschritt des Judentums im ganzen nachteilig sein werde. Auch ein erhöhter Einfluß der Judenheit nach außen sei von einer solchen Gesamtorganisation kaum zu erwarten. Man mag sich zu diesen Annahmen stellen, wie man will — eines wird man bei nüchterner Prüfung dem Verfasser jenes Artikels zugeben müssen, daß der praktische Weg, den er weist, sicherer und rascher zum Ziele führt. Nach seinem Vorschlag sollen die größeren jüdischen Gemeinden bei voller Währung ihrer Selbständigkeit einen auf Freiwilligkeit b eruhenden Verband zur Pflege ihrer gemeinsamen Interessen bilden, zu denen auch die tunlichste Unterstützung der kleinen Gemeinden zu rechnen wäre. Hierzu möchten wir unserseits bemerken, daß die kleinen Gemeinden mindestens das gleiche Interesse, wie an ihren eigenen Kultuseinrichtungen, an denen der Großgemeinden haben. Denn nach diesen fließt der größte Teil ihrer Jugend ab. Was nützen schließlich der „geordnete" Gottesdienst und Religionsunterricht.in der kleinen Gemeinde, wenn deren jüngere Generation gar bald in der Großstadt der religiösen Verwahrlosung oder doch Gleichgültigkeit anheimsällt? Gerade in bezug auf die zu Bildungs- und Erwerbszwecken aus kleineren Gemeinden zuströmeude männliche und weibliche Jugend erwachsen den Großgemeinden wichtige Aufgaben (wie Veranstaltung geeigneter Gottesdienste, Anstellung tüchtiger Religionslehrer, Einrichtung von Heimen, Lesehallen usw.), die bis jetzt noch nicht oder nicht in ausreichender Weise in Angriff genommen sind?) Die richtigen *) Oder können vielleicht die gottesdienstlichen Einrichtungen in Berlin an den höchsten Feiertagen als befriedigend angesehen werden? Hat hier jeder junge Mann, jedes junge Mädchen Gelegenheit, wenigstens zu Neujahr und am Versöhnungstage ohne Geldopfer einem erhebenden, auf der Höhe der Zeit stehenden Gottesdienst beizuwohnen? Ist das . Fehlen dieser Gelegenheit nicht mindestens ebenso schädlich, als wenn in einer Anzahl von Duodezgemeinden für den elementaren Religionsunterricht und den üblichen Gottesdienst nicht ausreichend gesorgt ist? Und wie steht eß mit der erwähnten Gelegenheit zum Gottesdienst-, besuch an den höchsten Festtagen in so manchen anderen Großgemeinden, denen die jüngere' Generation des glatten Landes zuströmt? Mittel und Wege zu solcher Betätigung würden im Verbände der Stadtgemeinden zu erörtern sein. Außerdem würde der Verband auf die Anstalten zur Ausbildung der Rabbiner- und Lehrer Einfluß zu nehmen haben, damit diese mehr als bisher den modernen Anforderungen entsprechen. Auch auf die Verhältnisse der kleinen Gemeinden selbst würde der Verband günstig einwirken können, indem er nur solcher Kleingemeinden sich annähme, die tüchtige Beamte anstellen. Wenn die Stadtgemeinden aus solche Weise Ersprießliches leisten, wird ihr Verband nach innen und außen Ansehen gewinnen, und wenn sie diesen alsdann — unter Verwertung der gemachten Erfahrungen — zu einer gesetzlichen Gesamtorganisation ausbauen wollen, werden sie sicherlich eher auf die Zustimmung der großen Mehrheit der Religionsgenossen und auf günstige Ausnahme ' ihres Vorhabens bei den gesetzgebenden Faktoren rechnendürfen. Die jüdische Lehrerbildungsanstalt in Lerlm. I. on dem Feste, das die in der Ueberschrist genannte Anstalt am 8. November gefeiert hat, ist an einer anderen Stelle dieses Blattes die Rede. An dieser sei der Jubilarin nur ein herzlicher Gruß gesagt. In dem neuen herrlichen Gebäude, unter ihrem trefflichen Direktor, der von vorzüglichen Lehrern unterstützt wird, möge sie ihres hohen Amtes weiter walten, tüchtige Jugendbildner auszusenden, und ihrer doppelten Aufgabe gerecht werden, jüdisches Wissen und deutsches Wesen zu fördern und zu verbreiten. Die Geschichte der Anstalt ist von M. Holzmann geschrieben worden und soll in diesen Blättern noch erwähnt werden. Hatten zur Errichtung der Knabenschule in erster Linie humanitäre Gründe geführt, so waren es ideale und praktische, die die Errichtung des Lehrerseminars bestimmten. Schon 1823 war der Gedanke ausgetaucht, ein neues Geschlecht von Jugendbildnern zu schaffen, die den Religionsunterricht der Heranwachsenden Jugend zu leiten berufen wären. 1840 wurde der Gedanke ausgeführt. Zwei Männer haben sich um die Begründung dieses Seminars hoch verdient gemacht, L. Zunz und M. Veit. Der letztere, der mit weitem Blick über die. Bedürfnisse des Augenblicks hinaus nach der fernen Zukunft hinsah, war, wiewohl vergeblich, bemüht, die größeren Gemeinden Deutschlands zur Unterstützung dieses dem ganzen Vaterlande nötigen Kulturwerks aufzurufen; der erstere weihte seine Gelehrsamkeit und seine pädagogische Befähigung der jungen Anstalt. Sie bestand nicht lange. Sie ging vielmehr, wie Zunz in einer ungemein wichtigen Denkschrift gesagt hat, die ich gleichsam zur Feier dieses Jubiläums an anderem Orte' veröffentlicht habe, „an der Hitze der Feinde und an dem Frost der Freunde" zugrunde. Fast 20 Jahre später (1859) würde wiederum mit des tatkräftigen M. Veit mächtiger Unterstützung durch den genialen A. Hörwitz die neue Anstalt begründet. Michael Sachs war eine Zeitlang ihr geistiger Berater. Hervorragende Lehrer unterstützten sie: David Cassel, unterrichtet aus allen Gebieten; David Rosin, ein Meister der jüdischen Religionsphilosophie;' S. Pieck, M. Simon, Raphael Cohn, in seiner Schlichtheit ein vorbildlicher Mensch, ein pädagogisches Genie. Sie hat Segen gespendet. Ausgezeichnetes geleistet, sich immer schöner ent-' wickelt und steht nach 50 Jähren jugendkräftig da.' ' J