Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hm ,,St. Petersburger Herold" wird von einer Umfrage über die polnisch-jüdischen Beziehungen berichtet, in der es heißt: „Die jüdische Zeitung „Hajnt" veranstaltete eine Umfrage betreffs der polnisch-jüdischen Beziehungen. Interessant sind die Antworten der befragten Personen betreffs der zu erwartenden Einschränkung der Zahl der Juden in den Stadtverwaltungen Polens. Der bekannte Schriftsteller Bruß antwortete: „Kann man die Rechte eines Menschen beschränken, der weder gestohlen noch geraubt hat, sondern sein Geschäft betreibt zum Nutzen des Landes? Warum soll das geschehen? Wer hat das Recht, die Rechte des anderen zu beschränken?" Der Soziologe Krshiwizki antwortete: „Es gibt viele Polen, die die Juden in der Selbstverwaltung beschränken möchten, weil nämlich die sogenannten „litauischen Juden" das Land russifizieren. Ich habe mich aber in. Amerika davon überzeugt, daß man nur von Menschen, die das volle Bürgerrecht haben, die Erfüllung aller öffentlichen Pflichten fordern darf." Der Publizist und Führer der Realistenpartei Straschewitsch: „Für Personen jüdischen Bekenntnisses ist eine Beschränkung nicht nötig. Es wäre für uns ein Unglück, wenn das Land und die Behörden der Selbstverwaltung in die Hände von Leuten fielen, die nicht eins sind mit dem polnischen Volke. Dessenungeachtet dürfen wir Polen im Hinblick auf die schweren Lebensbedingungen in diesem Lande das Prinzip der Gleichberechtigung der Juden nicht verwerfen." * Aus Petersburg wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: „Der sozialdemokratische Duma-Abgeordnete Beleussow sammelt zum Zwecke einer Interpellation an den Kultusminister Material über die gegenwärtige Lage des jüdischen Bildungswesens im ganzen Reiche. Ueber die jüdischen Gewerbeschulen sind ihm nun folgende interessante Angaben zugestellt worden: Die Zahl dieser Schulen ist in steter Zunahme begriffen; sie stieg von 6 im Jahre- 1903 auf 25 im Jahre 1907. Demensprechend stiegen auch die Ausgaben für diese Schulen von 144 500 Rubel im Jahre 1905 aus 215 500 Rubel im Jahre 1907. Dagegen sank die Zahl der Zöglinge in diesen Schulen. Im Jahre 1905 betrug sie durchschnittlich 80 in jeder Schule, im Jahre 1906 75 und im Jahre 1907 nur 66 pro Schule. Die Gesamtzahl der Schüler betrug im Jahre 1906 1422. im Jahre 1907 1311. Das erklärt sich ganz offenbar durch die Verschlechterung der ökonomischen Lage der jüdischen Massen und durch die infolge der Pogrome hervorgerufenen Massenauswanderung von Juden aus Rußland. Viele Zöglinge mußten die Schulen verlassen, weil ihre Eltern selbst das geringe Schulgeld von fünf bis zehn Rubeln jährlich nicht entrichten konnten. Außer den Fachabteilungen, von denen die fabrikmäßigen Fächer, wie Schlosserei, Weberei usw., die stärkste Frequenz aufweisen, befindet sich in jeder Schule auch eine Abteilung für allgemeine Bildung. 65 bis 75 Prozent von den Absolventen der Schulen haben im ersten halben Jahre nach Beendigung der Kurse Beschäftigung gefunden. Es ist in Rußland selbstverständlich, soll aber für den ausländischen Leser doch hervorgehoben werden, daß diese Schulen nicht etwa von der Regierung, sondern von den Juden selbst, den jüdischen Korporationen usw. unterhalten werden, und ihnen die Regierung lediglich — Schikanen und Schwierigkeiten mit auf den Weg gibt." ' * Sonst kommt aus Rußland trübe Kunde. Aus Petersburg wird geschrieben: „Durch unwesentliche Konzessionen auf allgemein-politischem Gebiete hofft die Regierung die „unzufriedenen Elemente" zu besänftigen; um nun aber dadurch die „Patrioten" nicht aufzuregen, will sie ihnen in den nationalen Fragen weit entgegenkommen. Unter „nationale Fragen" versteht man hierzulande die Unterdrückungsmaßregel gegen die „Nicht-Russen". Der inaugurierte Kurs, dem auch die Dumamehrheit folgen wird, ist also „patriotisch" und „national". Den ersten Schritt dazu hat die Regierung bereits getan sie hat einen von ihr während der verflossenen Tagung in der Duma eingebrachten Gesetzentwurf über die Glaubensfreiheit inzwischen zurückgezogen! Von drei die Glaubensfreiheit betreffenden Spezialentwürfen, welche die Regierung in der Duma eingebracht hätte, war nämlich einer am Schluß der zweiten Session unerledigt geblieben — und diesen hat die Regierung vor Beginn der jetzigen Tagung zurückgezogen. Sie ist damit den Wünschen des heiligen Shnods entgegengekommen, der bei der Abfassung von Gesetzesvorlagen in Glaubenssachen seinen Einfluß in entscheidender Weise gelten machen will. Vor Schluß der zweiten Dumasession wurden diese Wünsche bei der Abfassung der genannten Entwürfe nicht berücksichtigt, was in den unterdrückten nicht-russischen Nationalitäten gewisse Hoffnungen hervorrief. Es waren aber eitle Hoffnungen! Der heilige Shnod und die echt-russischen Patrioten beherrschen jetzt die Lage. Die Regierung und die „Regierungspartei" — die Oktobristen — sind die willigen Vollstrecker ihrer Forderungen. Die unterdrückten, nichtrussischen Nationalitäten, darunter insbesondere - die Juden, haben für jetzt nichts zu erhofien — aber alles zu befürchten!" : ■ - * Ja, noch schlimmer sieht es in jenem Lande aus, in dem man auf alles gefaßt sein muß, wenn folgende Nachricht aus Mohilew sich bewahrheitet, die in der „N.J. K." zu. lesen ist: Auf Grund einer böswilligen Denunziation wurden in Litauen nicht weniger als sechzehn Rabbiner, darunter auch der hiesige Rabbiner Kahn, wegen angeblicher Zugehörigkeit zu einer Organisation zur Befreiung jüdischer Jünglinge vom Militärdienste,: verhaftet und nach Jekäterinoslaw zur Internierung im dortigen Gefängnis transportiert. Nach der Untersuchung wurden bisher nur die Rabbiner Rainer-Dwinsk und Polak-Reschitza sreigelassen. Diese Verhaftungen haben in der gesamten russischen Judenheit tiefgehende Erregung hervorgerufen, um so mehr, als man von der absoluten Unschuld der Rabbiner und der Haltlosigkeit der ganzen Anklage fest überzeugt ist. Tatsache ist, daß viele Rabbiner in letzter» Zeit Anfragen und Offerten betreffs Militärbefreiung erhalten haben, die aber sämtlich unbeachtet und unbeantwortet blieben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß jene Briefe von Berbändlern zum Zwecke der Anschuldigung fingiert wurden, wofür auch die festgestellte Tatsache spricht, daß sowohl die Namen der Briefschreiber wie die in den. Briefen Erwähnten in Wirklichkeit gar nicht existieren'. .Diese Briefe oder deren Reste, die man in den Papierkörben der Rabbiner fand, dienen nun als die einzigen Indizienbeweise zur Aufrecht^ Haltung ihrer Untersuchungshaft. Unter den Verhafteten befinden sich solche, die zu den angesehensten Rabbinern in ganz Rußland gehören. Dem Ausgang dieser unerhörten und empörenden Affäre sieht man mit großer Besorgnis entgegen. Kochmsls die Lrgsnilstirmskrage. 3N Nummer 20 dieser Zeitung vom 14. Mai d. I. hat „ein süddeutscher Organisierter" mit gutem Grund als den Angelpunkt der für die preußischen Juden geplanten gesetzlichen- Gesamtorganisation die Finanz frage bezeichnet und der Erwartung Ausdruck gegeben, daß die Begründung des Gesetzentwurfs die erforderlichen eingehenden, aus umfassenden Erhebungen beruhenden Berechnungen bringen werde. Dieser Erwartung ist weder durch die mündlichen Ausführungen der Berichterstatter auf dem letzten Gemeindetage noch durch die jüngst erschienene gedruckte Berichterstattung über diesen entsprochen worden. Das Referat über die Finanzfrage hatte Herr Emil Cohn-Berlin. Er beschränkte sich aus eine Erläuterung der Bestimmungen des Entwurfs über die Art der Besteuerung für die Bedürfnisse der einzelnen Synagogengemeinden, der Provinzialgemeinden und der