Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Me Wochr. Berlin, 10. November. rotf) immer tobt der Kampf um das Heine-Denkmal. In Hamburg hat eine Antisemitenversammlung stattgesunden, in der Heine als Revolverjournalist gekennzeichnet und jeder Ehrung für unwürdig erklärt wurde. Auch eine sonst angesehene Zeitung, die „Hamburger Nachrichten", brachte errM furchtbaren Artikel gegen den Dichter, den die „Kreuz- Zeitung" schmunzelnd abgedruckt hat. Man brauchte von ihm keine Notiz zu nehmen, wenn er bloß Heines französische Sympathien ins Feld führte, um aus ihnen die Unmöglichkeit abzuleiten, dem Dichter in einer deutschen Stadt ein Denkmal zu errichten; man muß ihn jedoch erwähnen, da er B. Auerbachs und G. Rießers oft angeführte Stellen wiederholt, zum Beweis, daß die Juden den Dichter verleugnen. Denn bei aller Hochachtung für diese hochstehenden Männer, bei aller Unlust vieler Juden, Heine als Juden besonders in Schutz zu nehmen, müssen wir es doch ablehnen, als Kronzeugen gegen Heine aufgeführt zu werden. Man kann über den Menschen und Religionsspötter denken wie man will, den deutschen Dichter wollen wir deutsche Juden uns nicht nehmen lassen. Ob er ein Denkmal braucht, da er ein Monument in dem Herzen Tausender besitzt, ist eine andere Frage; ehrt man einen Dichter nur dadurch, so verdient und verlangt auch Heine fein Standbild. Darum ist es hoch erfreulich, den Bescheid des Hamburger Senats zu registrieren, er werde einen Platz bewilligen, wenn von dem vereinigten Komitee „ein hervorragendes und geeignetes Kunstwerk angeboten werde." ... Daß man nicht bloß den toten Heine verfolgt, sondern auch die Seinen im Grabe schändet, lehrt eine merkwürdige Notiz der „B. Z. am Mittag". Sie lautet: „Auf dem Friedhöfe Saint Jean in Beycheveüe bei Bordeaux wurde die Familengruft einer Seitenlinie der Familie Heine geschändet. Unbekannte Missetäter erbrachen die Gruft, lösten den Sargdeckel, in dem sich die Reste einer Frau Heine befinden, um darin nach Schmucksachen und sonstigen Wertobjekten zu forschen. Die in dem Sarg liegende Frau war die Schwiegermutter des ehemaligen Abgeordneten Achille Fould, Sohn des bekannten Finanzministers Napoleons III. Die Polizei forscht eifrig nach den Tätern". Man braucht sich nicht zu entrüsten, wenn Heine den Juden zugesprochen wird, in dem Falle, wenn es gilt, ihm alles Schlechte nachzusagen; lächeln kann man nur, wenn der Abgeordnete Erzberger den Versuch macht, auch den Märtyrer der Freiheit, den kühnen F er rer, als Juden zu entlarven. Denn es ist wirklich unerfindlich, warum nicht seine Feinde und Henker, wenn nur ein Fünkchen Wahrheit an diesem albernen Märchen gewesen wäre, nicht zu allererst in Spanien dieses Verbrechen enthüllt hätten. Emen jüdischen Dichter hat man nach feinem Tode geehrt. Am 22. Oktober meldete die „Frankfurter Zeitung" aus New Aork vom 10. Oktober: Zehntausend Leidtragende haben gestern Naphtali Herz Jmber, eine'pittoreske Figur in der jüdischen Boheme, zu'Grabe geleitet. Er ist durch seine Gedichte weit über die Grenze der hiesigen Ostseite bekannt geworden, namentlich hat sein Lied „Hatikwah" als das Bekennerlied der Zionisten Berühmtheit erlangt. Jmber war auch das Urbild des Melchisedech Pinkus in Zangwills „Ghettokinder". - Er war im Jahre 1856 in Galizien geboren und für den Rabbiner- ' beruß ausgsbildet worden. Sein Hang zu einem Wanderleben trieb l ihwMer ganz Europa, er hat dort in allen größeren Städten gelebt 'Und'ist'mit hervorragenden Vertretern des geistigen Lebens der alten Welt in Berührung gekommen. Vor sechzehn Jahren langte er hier an und wurde bald eine ständige Figur in den Cafös der unteren Ostseite. Seinen Unterhalt erwarb er sich durch Beiträge für jüdische Blätter; namentlich schrieb er viele Gedichte, in reinem Hebräisch wie auch im Jargon. ' Einem anderin längst Verstorbenen ist eine literarische Ehrung zuteil geworden, Jaques Offenbach, den wir zu den unserigen rechnen dürfen. Er war keim großer, aber ein tüchtiger Mensch, und Millionen in ernster Zeit erheitert zu haben, ist kein kleines Verdienst. Ein eben erschienenes Buch von Paul Becker (in der Sammlung: Die Musik, herausgegeben von Richard Strauß) zeigt, wie er sich aus kleinen Anfängen herausgearbeitet, und gibt außer lehrreichen Betrachtungen über seine Werke auch anziehende Mitteilungen über sein Leben. Wendet man sich von dem literarischen zu, dem p olitischen Gebiete, so ist leider zu konstatieren, daß trotz der Selbstvernichtung der antisemitischen. Führer die Partei keineswegs erloschen ist. Wie das „Berliner Tageblatt" meldet, will Herr Brüh ».eine neue antisemitische Partei begründen. Wie Bruhn am. Mittwoch in der Versammlung der „Deutsch-nationalen Vereinigung" .mitteilte, würde es ihm durch die Lösung seines Verhältnisses als Hospitant der deutschen Reformpartei in Zukunft möglich sein, eine volkstümliche Politik zu betätigen. Dies solle geschehen durch „Vertretung des nationalen Gedankens (!) und durch „gemäßigte Bekämpfung des jüdischen Einflusses in Stadt und Kommune"'. Die Herren Dr. phil. Pflug, Dr. jur. Goers Und Kammer bezeichneten diesen Entschluß als „ lobenswert". Eine prinzipielle Bekämpfung des Judentums sei heute nicht mehr angebracht. Das Volk wolle von seinen Abgeordneten auch praktische Erfolge in der Politik sehen. Die „Neue antisemitische Partei" will fortan mit der Einberufung von Wanderversammlungen beginnen, um „die Pläne zu zeichnen für den Kriegsschauplatz, der spätestens in einigen Jahren in allen Gegenden des Reiches bezogen werden muß". — Der durch Herrn Bruhn und seine Freunde von der „Deutsch-nationalen Vereinigung" vertretene „nationale Gedanke" darf sich ja auf die Zukunft freuen. Leider tritt auch jetzt eine christlich soziale Partei in Ungarn hervor. In der „Täglichen Rundschau" liest man folgendes: Es gibt wohl in Ungarn schon seit. vielen Jahren . christlichsoziale Vereinigungen und Genossenschaften, die bereits über 80 000 Mitglieder zählen, aber diese christlichsozialen Vereinigungen haben sich bisher fast tun: auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete betätigt und sind in politischer Beziehung fast gar nicht hervorgetreten. Alle die christlichsozialen Vereinigungen und Genossenschaften in Ungarn bilden zusammen den „Christlichsozialen Landesverband", an dessen Spitze der Reichstagsabgeordnete und Domherr Alexander Gießwein steht. Am nächsten Sonntag will nun dieser Verband hier einen Kongreß abhatten und sich als eine neue politische Landespartei nach dem Muster der österreichischen christlichsozialen Partei konstituieren. Unser „Christlichsozialer Landesverband" huldigt natürlich ebenfalls in erster Linie den antisemitischen Bestrebungen, und sein nunmehriger Beschluß, sich als politische Partei zu konstituieren, verfolgt den Zweck, dem sich in Ungarn von Jahr zu Jahr immer breiter machenden und vorherrschender gebärdenden Judentum energisch entgegenzutreten. Die neue christlichsoFiale Partei Ungarns, deren zweiter Präsident, wie verlautet, Gras Paul Szapary werden soll, wird natürlich keinen leichten Stand haben, wenn man die Tatsache in Betracht zieht, daß es allein hier in der Hauptstadt gegenwärtig schon fast 300 000 Juden gibt! Die Partei beabsichtigt auch, hier eine neue antisemitische Zeitung ins Leben zu rufen, d. h. das bereits bestehende christlichsoziale Wochenblatt. „Das wahre Wort" soll künftig als Tageblatt erscheinen." Es ist nicht nötig, die Betrachtungen zu wiederholen, die das angeführte Organ daran knüpft, wohl aber mag man darauf Hinweisen, daß die liberalen ungarischen Blätter der neuen Partei ein klägliches Fiasko prophezeien, und der