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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-12 · Heft 46 (12.11.1909) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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542 noch mehr leisten, wenn sie sich von jedem alten Zopfe-befreien und jeden schwerfälligen Apparat abschaffen würden. Jede Zersplitterung der Mittel und der Kräfte muß vermieden werden. Eine Vereinsmeierei, um nur ein Asyl für obdachlose Vorstandsmitglieder zu schaffen, ist Philisterhaft und unjüdisch. Aber hier müssen die Mitglieder zum Verständnis der Ausgaben und zur Mitarbeit erzogen werden. Die Vereine müssen dafür sorgen, daß ihre Ziele und ihre Tätigkeit allgemein bekannt werden. Sie müssen nicht nur materiell Helsen, sondern auch ausklärend und belehrend wirken. Es würde den Rahmen eines Artikels weit überschreiten, wenn wir hier die Ziele und Wege der jüdisch-sozialen Tätigkeit schildern wollten. Aber jeder wird bei genauer Prüfung finden, daß hier manches besser werden könnte. Vor allem scheint uns die Art, wie man in den meisten Gemeinden den ausländischen Brüdern, die in unserer Mitte weilen, hilft, sehr reformbedürftig zu sein. Man muß suchen, diese Leute immer mehr sozial- und kulturell zu heben, sie zu einem homogenen Teil der Gemeinde zu machen, damit sie weiter kommen und ihre junge Generation befähigt werde, durch Arbeit sich zu ernähren und nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden. In den wissenschaftlichen Vereinen nehmen die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur qualitativ Und quantitativ den ersten Rang ein. Doch wäre es Vogel Strauß-Politik, sich nicht eingestehen zu wollen, daß diese Vereine in vielen großen Gemeinden immer mehr an Kraft und Bedeutung verlieren. Zum Teil mag der Rückgang des Radau-Antisemitismus daran schuld sein, denn bei vielen Juden ist das Judentum nur eine Art Anti-Antisemitismus, und sobald der Lärm des Judenhasses verstummt, kehren sie zu ihrem seligen Schlafe zurück. Aber gewiß haben diese Vereine auch selber gesündigt. Sie haben nicht immer gesucht, mit der Zeit fortzuschreiten und so hat ihr Leben stagniert. Stillstand ist im Vereinsleben immer Rückstand. Die Wahl der Redner und der Themata ist in vielen Vereinen herzlich unglücklich. Viele Redner brachten außer ihrem Titel weder den Beruf noch den Willen, etwas zu leisten. Man degradierte so die Stätte der Belehrung zu einer hohlen Parade. Das war unjüdisch und unmodern zugleich. Und auch die Themata waren nicht immer die richtigen. Das soziale Leben, das ganze Gebiet der modernen jüdischen Kultur wurde bis jetzt weniger herangezogen. Das war falsch, denn im Mittelpunkt unseres Interesses steht immer das Leben der Gegenwart mit seinen mannigfaltigen Erscheinungen. Man muß den Mitgliedern zeigen, daß die Judenheit nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft hat. Bei gutem Willen und energischer rationeller Arbeit muß es gelingen, diese Fehler zu beseitigen und das Niveau und auch die Frequenz der Vereine zu heben. Daß die Jugendvereine in keiner Bevölkerungsklasse so notwendig sind, wie bei uns Juden, diese Wahrheit ringt sich allmählich durch. Wer die Zukunft für seine Ideen gewinnen will, der muß danach streben, die Jugend zu erobern. Sie ist nicht schwer zu erobern, denn sie ist begeisterungssähig und begeisterungsbedürftig. Sie hat einen natürlichen Drang zur Betätigung ihrer überschüssigen Kraft und ihres Temperaments. Nur muß man diese Triebe, die die Grundlage für alles Gute über auch für alles Böse bilden können, in gesunde Bahnen lenken. Aus dieser Erkenntnis heraus entstanden in jüngster Zeit in vielen größeren Gemeinden Jugendvereine, und der Freund des Judentums begrüßt diese Erscheinung mit Freuden. Der vor kurzem gegründete Verband der Jugendvereine ist ein weiterer Schritt aus dieser sozial-ethischen Bahn. Der Verband kann den Vereinen gute Dienste leisten. Wir meinen aber, daß das eigentliche Ziel erst dann erreicht wird, wenn wir jüdische Volkshallen bekommen, in denen man an jedem Abend Unterhaltung, Anregung und Belehrung findet. Es genügt nicht, daß man einmal wöchentlich zusammen kommt, da der Eindruck des gehörten Vortrages sich bald verflüchtigt. Es muß eine Stätte geben, die ganz der jüdischen Jugend gehört, die ganz dem jüdischen Ideale geweiht ist, und in der sich jeder Jude heimisch fühlt. Hier können wir von den Katholiken viel lernen. Die katholischen Vereine und die Jugend-, Mädchen- und Gesellenheime sind es, die dem Katholizismus vielleicht bessere Dienste geleistet haben, als die katholische Kirche selbst. Warum sollen wir mit unserer Intelligenz und mit unseren relativ günstigen Mitteln nicht das gleiche erreichen können? Mau spreche nicht von den Hindernissen. Gewiß, sie sind vorhanden, aber sie können überwunden werden. Man muß nur nicht gleich zu groß anfangen wollen. Vom Kleinen zum Großen ist die natürliche Entwicklungsskala. Fürs erste würde eine Wohnung von drei bis vier Zimmern, verbunden mit Zeitungen und einer kleinen Bibliothek und womöglich auch mit dem Ausschank alkoholfreier Getränke vollkommen genügen. Diese Stätte würde sich allmählich zu einem echten jüdischen Jugendheim auswachsen. Der junge Mann würde das Gafthausleben gern meiden und würde sich hier in guter, anregender Gesellschaft sehr wohl fühlen. Hier könnten musikalische Unterhaltungen, Lesekränzchen, Diskussionen und kleine Vorträge abgehalten werden. Das intime jüdische Leben, das hier ausgestrahlt wird, würde von ungemein großem Segen werden. Die Ersetzung des jüdischen Heims ist ein Ideal, das zu erstreben wäre. Auch hier wollen wir kein ausführliches Programm geben. Das muß sich den Bedürfnissen und Verhältnissen anpassen. Es soll hier nur die Anregung gegeben werden, und wir sind überzeugt, daß die Sache in jeder großen Gemeinde zur Wirklichkeit werden kann, wenn die richtigen Männer sie in die Hand nehmen. Hier ist ein Feld, wo alle, denen die Zukunft Israels an Herzen liegt, Zusammenarbeiten könnten. Man muß nur stark wollen, dann kann man auch. In den letzten Jahren entstanden in Deutschland durch die Initiative der Logen in einigen großen Gemeinden unter dem Namen derToynbeehallen Stätten für Volksaufklärung und Unterhaltung, die haben sich überall ausgezeichnet bewährt und stiften schon heute viel Segen. Werden die Vorstände den Spruch beherzigen, daß für das Volk gerade das Beste gut genug ist, und gelingt es ihnen, die Mittellinie echter Volkstümlichkeit, fern von langweiliger Gelehrtheit und von unfruchtbarer Seichtheit, innezuhalten, dann steht ihnen eine große Zukunft bevor. Daß auch hier ein eigenes Heim die beste Grundlage für eine gesunde Entwicklung wäre, braucht nicht erst betont zu werden. So gibt es also Ausgaben genug für die Gegenwart, und die Zukunft, man muß sie nur erkennen und richtig anfaffen. Wir müssen uns unserer jüdischen Pflichten gegen die Gesamtheit und gegen die kommende Generation bewußt werden, wir müssen das teure Erbe unserer Väter vermehrt und der-, tieft auf unsere Kinder übertragen. Das ist unsere höchste Kulturaufgabe. Jedes soziale und kulturelle Werk ist eigentlich ein Arbeiten im Kleinen innerhalb des großen Rahmens, ein Arbeiten für die Zeit innerhalb der Ewigkeit. Nicht im Sturm, sondern in zielbewußter langsamer Arbeit werden wir das Ziel, das uns voranleuchtet, erreichen.

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