Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 12. November 1909. T3. Jahrgang. Nr. 46. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese, Zeitung erscheint wöchentlich. Mb o nn e m e n ts - Pr e is: durch Buchhandel .oder Post (in Berlin ». Vororten Lurch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Lhesredakteur: Ludwig Seiger/ Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philippson. VerlsxL-LrxeMoii: Berlin, Jerusalemer ,Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße Hb/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin.' Zum Beginn Der Wintersaisön. — Die Woche. — Nochmals 'IJlllj'uU. die Organisationssrage. — Die jüdische Lehrerbildungsanstalt in Berlin. — Feuilleton: Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. — Die Jüdin. Eine Dichtung von Adolph Donath-Berlin. — Miseellen.-— Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur Allgemeinen Zeitung des Judentums): Berlin. Aus der Provinz Posen, Breslau, Gleiwitz, Hamburg, Münster, Frankfurt a. M., Wien, Petersburg, New York. — Von Nah und Fern.; Zum Mgmn drr Mjntrrlsjlon. Berlin, 9. November, ^^^as die letzten Jahre uns Juden auch Trauriges gebracht haben, das eine Gute war damit verbunden, daß wir auch in Westeuropa gelernt haben, das jüdische Leben mit. all seinen Problemen und Aufgaben zu erkennen. Wir haben uns endlich zu der Einsicht hinaüfgerungen, daß das Judentum keine starre Formel ist, daß es eine große eigenartige Kultur darstellt, die lebt und leben will. Es hat keinen Sinn, Gegensätze zwischen dem modernen Leben und dem Judentum künstlich zu konstruieren. Der Weg zur Versöhnung beider Elemente muß gesucht werden, weil hier allein die Lösung der Judenfrage, für Westeuropa wenigstens, zu erblicken ist. Wir sind in das moderne Leben hineingewachsen, und dieses Leben ist stärker als jede Theorie und jedes Parteidogma. Wollen wir daher nicht Leben und Kultur von einander trennen, was Unnatur wäre, dann müssen wir danach trachten, das jüdische Leben im modernen Sinne und im jüdischen Geiste auszubauen. Hier ist ein großes Feld, wo alle Parteien und alle Richtungen gemeinsam arbeiten können. Denn jüdische Kultur, das jüdisch-geistige und soziale Leben ist noch das einzige,-was uns durch den Wirrsal der Parteien und die Kluft der Anschauungen zur lichten Höhe des jüdischen Ideals führen kann. Wollen wir aber diesem Ziele erfolgreich zustreben, dann dürfen wir nicht schablonenhaft Vorgehen, sondern müssen mit der Zeit fortschreiten. Wir müssen jeden Fortschritt draußen für uns ausnützen, müssen jede neue Errungenschaft für unsere Zwecke verwerten. Im Strome der Zeit erwachsen uns immer neue soziale und geistige Aufgaben, und auch die alten Aufgaben nehmen, immer neue Gestalten an. Man tut daher gut, sich jedes Jahr einen geistigen Etat zu entwerfen, d. h. die Aufgaben und Pflichten der Gemeinschaft zu kontrollieren, um sie mit den Normen des Könnens, mit dem Leben der Wirklichkeiten in Einklang zu bringen. " DaS jüdische Leben konzentriert sich heute in Westeuropa neben.- dem Gotteshause hauptsächlich in> dem Vereinen. Diese entwickeln ihre Tätigkeit naturgemäß in dem Wintermonaten am stärksten/ und es ist - daher 'wohl Angebracht, sich am Beginne des Winters eine Art Programm sür die Tätigkeit des jüdischen Vereinslebens zu entwerfen. Das kann natürlich nicht nach Statuten, nach Paragraphen und Regeln festgelegt werden, sondern es soll Umschau gehalten werden, um zu studieren, was uns fehlt, was uns not tut. Bei genauer Prüfung wird man dann finden, daß viele Aufgaben nicht richtig erfaßt seien, daß hier und da die bessernde Hand , angelegt werden müsse. Vor allem muß das Gemeindeleben an sich wärmer und aktiver, gestaltet werden. Das Gemeindemitglied ist nicht nur dazu da, um Steuern zu zahlen, sondern es soll dazu erzogen werden, an allen. wichtigen Dingen teilzunehmen, sich in den meisten Fragen eine eigene Meinung zu bilden und sich sür alle Aufgaben der. Gemeinde zu interessieren. Daß man Gemeindeversammlungen nur kürz vor den Repräsentantenwahlen abhält, um Stimmen zu werben, scheint uns kein gesunder Zustand zu sein. Die Gemeindeverwaltung sollte von Zeit zu Zeit, namentlich bei wichtigen Aktionen, Gemeindeversammlungen einberufen, um die Tätigkeit der Behörde zu schildern und die Meinung der Gemeindemitglieder zu hören. Liegt auch die Entscheidung in den Händen der Repräsentanz und des Vorstandes, so ist es doch für die Gemeinde wie für die Verwaltung von großer Wichtigkeit, in steter Fühlung miteinander zu bleiben. So würden wir uns. viel davon versprechen, wenn in allen größeren Gemeinden Preußens öffentliche Versammlungen abgehalten werden, in denen die Frage der Gesamtorganisation erörtert wird. Die Sache würde so am besten geklärt, und es würde sich zeigen, wie die Stimmung der großen Masse ist. Es ist gar kein Zweifel, daß das Resultat der Beratungen des Gemeindetages in Berlin ein anderes gewesen wäre, wenn die Delegierten nicht nur die Gemeindevorstänbe, sondern die Gemeinden selber hinter sich hätten. Die Sache war zu wenig vorbereitet, die großen Massen wurden nicht befragt, das mußte sich nachher rächen. Wer sür die Gemeinde wirken will, muß den Willen und die Stimmung der Gemeinde kennen. Die jüdische Gemeinde — diesen Gedanken muß man sich stets vor Augen behalten — ist keine bloße Kulturgemeinde, sie ist eine Gemeinde von Brüdern, und je größer die Harmonie zwischen der Verwaltung und den Gemeindemitgliedern ist, desto schöner wird sich das jüdische Leben in der Gemeinde; entfalten. Daß die Judenheit auch soziale Aufgaben hat, das ist heute eine Binsenwahrheit. Aber — mit der Erkenntnis allein ist wenig getan. Man muß hier überall praktisch fein, d. h., das Nächstliegende, Erreichbare - mit / kräftiger Hand erfassen und dabei doch die Zukunft im Auge haben. Unsere Wohltätigkeitsvereine leisten gewiß Großes, aber sie könnten