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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 W ie n er-K a t t o wrtz. Mit der Einrichtung haben sich elf Gemeinden einverstanden erklärt. Die Mittel hierzu haben von diesen Gemeinden 6, ferner von den größeren 9, der Gemeindebünd und der Verband je 500 Mark, insgesamt 2750 Mark bewilligt. In Aussicht genommen ist für diesen Posten ein jüngerer Rabbiner, Dr. Nitschkowski in Berlin, welcher bereits eine Probepredigt in Benthen mit großem Beifall gehalten hat. Der Ausführung des Planes stellen sich indes Schwierigkeiten entgegen, weil Tätigkeit und Gebiet noch eine Abgrenzung erfahren müssen. Auch die Wohnungsfrage ist noch nicht gelöst, da die Gemeinde Nhbnik ihre Zusage, die Wohnung zu gewähren, ebenso wie Antonienhütte davon abhängig machen, daß der Rabbiner in ihrer Gemeinde die hohen Feiertage predigt, eine Bedingung, auf welche'der Verband mit Rücksicht auf die anderen Gemeinden nicht eingeheu kann. An beide Berichte schloß sich eine lebhafte Debatte vornehmlich seitens der Rabbiner. Dem Schatzmeister Eugen Pollak-Zabrze wurde auf Antrag des Kassenprüfers Herrn Kommerzienrat Grünseld-Beuthen Entlastung erteilt. Der Bestand der Verbandskasse war am 1. April 1339.07 Mark. Der Etat des Verbandes wurde mit 7200 Mark in Einnahme und Ausgabe, der des Waisenhauses mit 16 615 Mark genehmigt. Nachdem die Wiederwahl der acht ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder durch Zuruf erfolgt war, erstattete Herr Justizrat Schüller-Gleiwitz Bericht über den Breslauer Judentag, den er in einem seinen Stimmungsbilde skizzierte. Den Schluß der Tagung bildete ein Vortrag des Herrn Siegm. Bergel-Berlin über den „Hilfsverein der deutschen Juden", der die segensreiche Tätigkeit für die Opfer der russischen Pogrome schilderte und über die Organisation eines Schulwesens für die Gemeinden im Orient nach deutschem Muster berichtete. Justizrat Kaiser - Beuthen dankte zum Schluß dem Verbandsvorsteher für seine aufopfernde Tätigkeit unter lebhaftem Beifall der Versammlung. *** Steinhorst (Provinz Hannover), 28. Oktober. Heute fand hier eine Aufsichtsratssitzung der Land- und Lehrguts-Gesellsch aft statt, zu der neben den Vertretern der Simon sch en Stiftung aus Hannover Herr Professor Marburg aus Berlin und Herr Eduard Cohen aus Frankfurta. M. erschienen waren. Mit großer Befriedigung wurde von den Fortschritten der Anlagen Kenntnis genommen. Zunächst wurde das Wohnhaus besichtigt, in dessen 28 Räumen sich die Verwalterwohnung, Lehrer- und Unterrichtszimmer, Eß- und Aufenthaltsräume für die Zöglinge und die Schlafräume für Zöglinge und jüdische Knechte — es werden zwei Zöglinge und noch zwei christliche Knechte beschäftigt — befinden. Besonders gefiel der gemeinsame Eßranrn, der nach Entwürfen von Professor Riemerschmidt hergestellt ist. Direkt daneben befindet sich die rituelle Anstaltsküche, die, ebenso wie der übrige Gutshaushalt, von Fräulein Katz aus Witzenhausen geführt wird. Die Zöglinge schlafen in^Gruppen, nach Ahlemer Muster. Das Haus ist mit einer neuen Wasseranlage versehen, die bis in jedes einzelne Waschbecken frisches Wasser spendet. Die Badeanlage ist ebenfalls nach Ahlemer Muster eingerichtet. An das Wohnhaus schließt sich ein 31/2 Morgen großer Garten und Park, dessen Grenze ein klarer Heidefluß bildet. Hier und in einem zweiten Gutsgarten sind über 400 Obstbäume Ahlemer Züchtung neu gepflanzt. Die Herren vom Aufsichtsrat besichtigten hieraus den 72 Meter tiefen Brunnen, der zu allen Jahreszeiten genügend und vortreffliches Trinkwasser für Haus und Ställe liefert. Nach einem Gang durch die vollbesetzten Ställe wurden die teils renovierten, teils neu errichteten Scheunen und Maschinen-- schuppen durchwandert, die von reichem Erntesegen strotzen. Die Besichtigung eines neu erbauten Arbeiterwohnhauses, für zwei Familien und 30 Sommerarbeiter berechnet, schloß den Rundgang über das Gehöft. Die Felder befinden sich in bedeutend besserem Zustande als bei Erwerb des Guts. In diesem Jahr wurden gebaut: Roggen, Hafer, Klee, Wicken, Feldbohnen, Gerste, Kartoffeln, Runkeln, Steckrüben, Zuckerrüben und feldmäßig Gemüse. Die Kulturfläche beträgt zurzeit etwa 340 Morgen. Sie wird ständig durch Urbarmachung von Moor und Heide und auch ans andere Weise erweitert. Auf der der Gesellschaft gehörenden etwa 600 Morgen großen Moor- und Heidefläche wurden in diesem Sommer versuchsweise Wiefenkulturen' ausgeführt. Mit großer Freude wurde von dem unerwartet üppigen Kleewuchs auf früher wildem Boden Kenntnis genommen. Das Verhältnis zwischen der christlichen Bevölkerung und den jüdischen jungen Landwirten ist das denkbar beste. Von Antisemitismus keine Spur. Im Gegenteil wird in der Gegend rühmend hervorgehoben, daß nun unsere Gesellschaft eine Landfläche, die lange Zeit eines guten Wirts harrte, sichtbar in die Höhe bringt. Von über 50 Zöglingsanmeldungen sind für diesen Winter nur sechs berücksichtigt worden, fünf Deutsche und ein Rumäne. Mit der Einstellung von Zöglingen in größerem Umfang wird erst Anfang 1910 begonnen werden. Am meisten Aussicht auf Aufnahme haben Zöglinge im Alter von l4—16 Jahren. Der Lehrvertrag wird im allgemeinen auf drei Jahre abgeschlossen. Meldungen werden bei der Gesellschaft, bei der Simonschen Stiftung in Hannover und bei dem Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands in Berlin angenommen. Aus der Jahresbilanz die der Geschäftsführer dem Aufsichtsrat vorlegte, sind folgende Ziffern bemerkenswert. Von privater Seite wurden dem Unternehmen 26500 Mark zugeführt, der Verein zur Förderung der Bodenkultur und die Bodenkulturgesellschoft zu Berlin sind bis jetzt mit ungefähr 41000 Mark beteiligt, der Hilfsverein der Deutschen Juden mit 5000 Mark, mit dem ganzen Rest die Alexander und Fanny Simonsche Stiftung. Während der Etat im ganzen balanciert, gibt die Viehhaltung bereits außerordentliche Erträge. Um Jrrtümertt vorzubeugen, sei bemerkt, daß die Zöglinge Sabbatruhe halten, und daß die hohen Festtage in würdiger Weise gefeiert wurden. L. G. Frankfurt a. M., im Oktober. Am 30. September starb in Frankfurt a. M. Herr Fritz Auerbach, Teilhaber des Bankhauses B. H. Stern. Er war am 29. März 1852 als Sohn Jakob Auerbachs, des allbekannten Verfassers der Schul- und Hausbibel geboren. Der Geist des väterlichen Hauses hatte auf ihn gewirkt. Er entwikelte sich zu einem allseitig gebildeten, L ideal gesinnten Mann. Er besuchte zunächst das Philanthropin und trat, nachdem er die Schule verlassen, in das genannte Bankhaus ein, in dem er sich allmählich zur leitenden Stelle aufschwang. Er wurde in seiner Vaterstadt Frankfurt eine sehr bekannte und beliebte Persönlichkeit. In seiner Jugend hatte er sich lebhaft journalistisch beschäftigt: humoristische Aufsätze, sehr schöne Gedichte, wurden von ihm in Zeitschriften veröffentlicht; die letzteren bewiesen eine mehr als gewöhnliche poetische Anlage. Auerbach trat vielseitig in die Loge zur aufgehenden Morgenröte ein, erlangte daselbst bald eine hohe Stellung, wurde später Mitglied der großen Mutterloge des Eklektischen Freimaurerbundes und wurde 1904 als erster Jude Großmeister dieses Bundes. In dem liberalen Judentum nahm er eine hervorragende Stellung ein. Schon in den 80 er Jahren beteiligte er sich eifrig an dem Gemeindewesen. Zu Anfang der 90 er Jahre begründete er den liberalen Verein, dessen Vorsitzender er mehrere Jahre war, und dessen Arbeiten er bis zuletzt teilnehmend förderte. Er hielt im Verein mehrfache Vorträge über Liberalismus gegen Antisemitismus, von denen einzelne im Drucke erschienen sind. Sehr eifrig trat er gegen die überhandnehmende Taufe auf. Politisch gehörte er der demokratischen Partei an und wurde 1909 durch diese Partei zum Stadtverordneten gewählt. Er war glücklich verheiratet und fand in seinem schönen Hause Ruhe und Frieden von seiner angestrengten Tätigkeit. Er war ein feinsinniger, lebhafter, liebenswürdiger Mann, besaß ein Ungewöhnliches Wissen, starke kritische Veranlagung, glänzende Beherrschung des Wortes. Ein trefflicher Mensch, der im großen Kreise der Seinen geehrt und geliebt ward. Seit mehr als 30 Jahren war ich eng mit ihm verbunden und betrauere in ihm einen Lebensgefährten, dessen Andenken mir stets teuer bleiben wird. GesterretH-Angsm. E. J. Wie«, 24. Oktober. Wenn auch etwas post kestum, gestaltete sich doch die Feier des 70. Geburtsfestes des berühmten Klinikers Hofrates Professor Dr. Oser zu einer solennen herzlichen Kundgebung, an welcher neben den Einberufern, dem Präsidium der Wiener israelitischen Kultusgemeinve und einem sich konstituierten Komitee viele Freunde, Bekannte, Verehrer des Jubilars sowie die Verbandsmitglieder mehrerer Vereine lebhaften Anteil nahmem. Der eigentliche, für die wissenschaftliche Welt und die leidende Menschheit so bedeutungsvolle Tag trägt das Datum des 27. Juli und fällt in eine Zeit, die zur Abhaltung von Festlichkeiten

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