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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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73. Jahrgang Nr. 45. > Berlin, 5. Novomber 1909. Drilsse zur „Allgemelnrn Leitung deß Judentums". SorrWondey?m und Kschnchtru. Deutschland. — Berlin, 1. November. Eine Gedächtnisfeier für seinen verblichenen Vorsitzenden Dr. Gustav Karpeles veranstaltete gestern mittag der „Verein für jüdische Geschichte und Litera tur" im großen Saale der Philharmonie. Eine mächtige eindrucksvolle Trauerdekoration, deren dichtes Grün von den farbigen Schleifen der Traüerkränze'durchwirkt war, zog sich über die ganze Breite des Podiums und 'umspannte in breitem Pflanzen grünrahmen das lebenstreue Portrait des Verewigten. Die Versammlung, die sich zu dieser den Manen Karpeles geweihten Feier eingefunden hatte, war imposant, und die Veranstaltung selbst nahm einen würdigen Verlauf. Die Gedenkrede hielt. Herr Prediger Dr.M. Levin, nachdem der unter Leitung des Herrn Kellermann stehende Chor der neuen Synagoge und Herr Kantor Klein die Feier durch stimmungsvollen Gesang eingeleitet hatten. Der Redner zeichnete ein scharf umrissenes Bild der vielseitigen Geistesarbeit des Dahingeschiedenen und charakterisierte zugleich die Persönlichkeit Karpeles und dessen Bedeutung für die Gesamtjudenheit. Schon in seiner allgemeinen literarischen Tätigkeit hatte Karpeles die Linie zum Judentum niemals aus dem Auge verloren. Er' wollte Deutschtum und Judentum verbinden, Heine, den deutschen Liedersänger, dem Judentums wiedergeben. Von Hause aus stand Karpeles auf religiös-konservativem Boden. Für den Standpunkt des alten Lagers hat erdarum auch immer volles Verständnis gehabt. Herr Dr. Levin zeichnete dann die Linie, auf der sich die geistige Entwicklung des Verblichenen historisch notwendig bewegte. Er würdigte die bedeutungsvollen Arbeiten des Verblichenen auf dem Gebiete des jüdischen Geisteslebens und rühmte insbesondere die „Geschichte der jüdischen Literatur" als eine Orientierungstafel, die uns aus der Vergangenheit den Weg in die Gegenwart finden lasse. Als Nachfolger Ludwig Philippsons zur Leitung der „Allgemeinen Zeitung des Judeniums" berufen, vertrat er zwar die Ziele der Reform, aber mit solcher Mäßigung, daß er trotzdem das ganze Judentum umfaßte und es in historischer Entwicklung vorwärts zu bringen bemüht war. Besonders eingehend würdigte Herr Prediger Du Levin die schöpferische Tätigkeit des Verblichenen auf dem Gebiete der Literaturvereins -Bewegung. 1892 gründete er den „Berliner Literaturverein", heute seien in einem 1895 begründeten Verbände 220 Vereine zusammengeschlossen, dessen Förderung zum Segen der kleinen Vereine eine der bedeutungsvollsten Aufgaben der deutschen Judenheit sei. Der Name Gustav Karpeles wird- 'in den Literaturvereinen fortleben. — Dann widmete Herr Professor Dr.M. Philip pson unter warmer Würdigung derVerdienste des Verblichenen namens der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentumes" dem Verewigten ehrende Worte des Gedenkens. Herr Pros. Dr. M. S ch ä fer gelobte namens des Vorstandes der jüdischen Lesehalle und Bibliothek, die ihr Entstehen gleichfalls einer Anregung von Dr. Karpeles verdankt, ein unvergeßliches Gedenken des Verewigten. Eine Kopie des hier ausgestellten Bildnisses des Verstorbenen werde zum dauernden Gedächtnis ihren Platz in der Lesehalle finden. Nachdem dann noch Herr Zahnarzt M. Lipschitz die Bedeutung des Verblichenen für das Werden und Wachsen des „Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" geschildert hatte und ein dauerndes Andenken dem Ehren Mitglieds gelobt hatte, schloß nach einem Chorliede und einem Solovortrage des Herrn Kantor Klein die außerordentlich stimmungsvolle Feier. Erwähnt sei noch, daß der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur" mit Fahne und Chargierten in Wichs erschienen war.—Auch in folgenden auswärtigen Literaturvereinen ist beim Anfang der Wintersaison das Andenken an den verstorbenen Begründer der Literaturvereine würdig und pietätvoll gefeiert worden. In Köln hat Rabbiner Dr. L. Rosenthal, in Aachen Rechtsanwalt Franken, in Essen Rabbiner Dr. Samuel, in Duisburg Rabbiner Dr. Neu mar ck, in Mühlheim Lehrer Kaiser, in Krefeld Oberrabbiner Dr. Levy. des Heimgegangenen würdig gedacht. In den meisten Vereinen findet die Eröffnung der Vortragssaison erst am 11. d. M., dem Geburtstage von Gustav Karpeles statt. In Hattingen (Ruhr) sprach Rabhiner Dr. Norden über die „Entstehungsgeschichte des jüdischen Gebetbuches mit besonderer Berücksichtigung der gegenwärtigen Gebetbuchssrage".' Vorher wurde des Heimgegangenen Dr. Gustav Karpeles gedacht. In. Nakel sprach Professor Dr. Horowitz über die „Eigenart der Sittenlehre des Judentums und seine messianische Idee"; in Hamburg (Gabriel - Riesser Verein), Geheimrat Ernst v. Hesse-Wartegg über „Die Juden in Nordafrika"; in Cöthen, Rabbiner Dr. Seligkowitz über „Schopenhauer und das Judentum". Der Verein in Bochum feierte am 30. v. M. das Fest seines 25jährigen Bestehens. Das Hauptverdienst um die Begründung und gedeihliche Entwicklung des Vereins ist dem Kaufmann Herrn Moritz Hühnlein zuzuschreiben. 5. Berlin, 31. Oktober. Die „Jüdische Tohnbee-Halle der Berliner Logen U. O. B. B.", die jetzt aus ihrem alten, ihr zu eng gewordenen Heim in derKaiserstraße in ihr neues nach der Gipsstraße 12a übergesiedelt ist, hatte heute zur Eröffnungs- und Einweihnngsfeier eine nach vielen Hunderten zählende Menge von Gästen nach ihrem schmucklos einfachen, aber äußerst behaglichen Versammlungslokal gezogen. „Elite-Publikum" nannte es die schwungvolle Rhetorik des Vorsitzenden Maximilian Stein. Und in der Tat waren es in der Mehrzahl jene Kreise, die nicht Objekt, sondern Subjekt des Toynbeegedankens sind. Herr Stein gedachte in seinem Vortrage mit herzlichen Worten des verewigten Karpeles dessen Liebe auch der Toynbee-Halle gehörte, der in dem alten Heim derselben der erste Redner gewesen sei. Er gedachte darauf auch des Dr. Israel Hildesheimer seligen Andenkens, der in diesem Hause sein Gottes- und Lehrhaus hatte. Er erläuterte dann Ziele und Resultate der Toynbeehalle, die in den fünf Jahren ihres Bestehens eine Fülle von Segen gestiftet habe. Es sind in der Zeit nicht weniger als 734 populäre Vorträge aus allen Wissensgebieten gehalten, 3034 musikalische, gesangliche und deklamatorische Piecen dargeboten worden. Er dankte allen materiellen, wie geistigen, künstlerischen und sonstigen Förderernwünschte der Institution den Charakter freiwilliger, inoffizieller Liebestätigkeit bewahrt zu sehen und ihren allmählichen Ausbau zu einer jüdischen Volkshochschule. Dazu bedürfe es weiterer Gebefreudigkeit an der es hoffentlich nicht fehlen werde. Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher pries in seiner packenden Ansprache den alten Abrahamsgeist der jüdischen Güte und Gastfreundlichkeit, der an dieser Stätte waltet; der Segen Gottes werde diesem echtjüdischen Werke nicht fehlen. Herr Justizrat Dr. Timen d orfer, der Präsident der Großloge, erblickt in der Toynbeehalle die praktische Durchführung eines Logengedankens. Die wichtigste Aufgabe des Instituts müsse essein, die reifere Jugend hier zu sammeln, um sie vor dem Schlamm und den vielen sittlichen Gefährdungen der Großstadt zu bewahren und solche, die darin zu versinken drohen oder versunken finb, zum sittlichen Leben zu kräftigen. Die in jedem, auch dem schlechtesten Menschen schlummernden edlen Kräfte müssen geweckt und angeregt werden in diesem einstigen Gotteshause. Er schloß gleichfalls mit einem warmen Appell an das echtjüdische Herz, das hier besonderen Anlaß zur Gebefreudigkeit haben sollte. Den zweifen Teil der Einweihungsfeier bildeten künstlerische Darbietungen, die von den Herren Leo Gollanin, Hans Bäer und den Damen Vera Gold» berg und Betty Tennenbaum bestritten wurden. Allen Künstlern wurde wohlverdienter reicher Beifall zuteil. Wir wünschen der segensreich wirkenden Toynbeehalle auch ferner das beste Gedeihen. B.'C. Berlin, 1. November. Wie Theodor Mommsen, dessen Denkmal gestern enthüllt wurde, über den Antisemitismus dachte, geht aus einem Interview, das Hermann Bahr mit dem . großen Gelehrten hatte, hervor. Es war im Jahre 1902, als Mommsen Bahr gegenüber die Meinung aussprach, mit Vernunft-

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