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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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weiß ich ja gar nicht, was an der Sache wahr ist, wie sie sich verhält, aber jedenfalls kann doch Doktor Saulmann . . ." „Meine liebe Frau Steinfels, in der Gesellschaft kümmert sich kein Mensch um das Vorleben eines- Mannes, um seine Beziehungen und Liebesverhältnisse. Er nimmt erst mit der Ehe eine gewisse Verantwortung aus sich und hat dann das Dekorum zu wahren, Skandal und Extravaganzen zu vermeiden. Die Zeit vorher gehört ihm allein, er ist niemand verantwortlich, braucht niemand Rechenschaft zu geben. Wenn ich Doktor Saulmann gegenüber'mir eine Anfrage erlaubte, so geschah das nicht etwa, um über seine Vergangenheit etwas zu erfahren, sondern mehr aus einem Gefühl der.. . . des Interesses, das aus unseren beiderseitigen, eigentümlichen, gesellschaftlichen Beziehungen hervorging. Ein junges Mädchen aus gutem Hause, von vornehmer Abstammung, die mit unseren Töchtern, unseren Schwestern verkehrte ... es schien Mir zu unerhört, ich mußte mir Gewißheit verschaffen." Agathe stöhnte auf. ,<Je größer die Freiheit ist, die der gesellschaftliche Sittenkodex den Männern einräumt, desto größer die Beschränkung, die er den Frauen auferlegt. Während kein Mensch daran denkt, daß ein Mann seiner Braut die erste Neigung seines Herzens schenke, während niemand von ihm verlangt oder auch nur erwartet, daß er die Freuden des Lebens nicht bereits genoffen habe, muß das Mädchen die volle Reinheit des Herzens, die volle Keuschheit und Unbefangenheit eines jungfräulichen Empfindens sich für die Männer aufsparen. . . ." Agathe war den pathetffchen Reden erst mit steigender Verwunderung, dann aber mit Empörung und Verachtung gefolgt, plötzlich aber überkam es sie wie in wildem, schrankenlosem Zorne, und ein höhnisches Lachen ausstoßend unterbrach sie die Sprechende: „Ja, wahrhaftig, für Männer wie Herr- Doktor Saulmann, wie Ihr Gatte einer ist! In der Tat, eS gibt nicht Tugend, nicht Reinheit, nicht Hingebung genug, die man ihnen entgegenbringen müßte ... und wie sie ihren Frauen das danken! Wie zärtlich, wie beglückt, wie ganz erfüllt von ihren Vorzügen und Reizen sie sind, wie sie diese tugendstolzen, anmutsvollen, liebespendenden Frauen lieben. . . ." „Mäßigen Sie sich, Frau Steinfels . . . Es können nicht alle Frauen schön und anmutig und finnbetörend sein .. . aber tugendhaft könnten alle sein! Wie gut wäre es, wenn Fräulein Else das gewußt hätte . . „Genug! Uebergenug! Schweigen Sie! Ich verbiete Ihnen, ein Wort weiter zu reden," rief die gequälte Frau emporsahrend und richtete sich drohend und stolz vor der anderen auf: „Was meine geliebte, unglückliche Schwester auch getan haben mag, so ist sie immerhin noch viel zu gut, um von Ihrer Bosheit, Ihrer Schadenfreude besudelt zu werden. Ich danke für Eure Tugend, für Eure Sittsamkeit! Euer mitleidsloser Hochmut, Eure unberechtigte Einbildung macht Euch ungeeignet, über wahren Frauenwert zu urteilen. Die sind nicht die Tugendhaften und Sittenreinen, die sind nicht die Stolzen und Ehrbaren, denen die Versuchung sich niemals genaht hat! Die, eingehegt und eingefriedet vom Reichtum, stets behütet von ängstlicher Sorgfalt, niemals sich selbst überlassen, niemals den Lockungen, den Reizen und Verführungen ausgesetzt, sich das bewahrt haben, was man Frauenehre nennt!' Gehet hin, sehet die Frauen und Mädchen an, die ein rauhes Geschick hinausgetrieben in den Kamps des Lebens, die allen Zufällen, allen Anfechtungen des Schicksals erbarmungslos preisgegeben sind, die darben und kämpfen, für sich allein stehen müssen! Oder sehet die Gattinnen, die Mütter, die, erfüllt von den Sorgen um die Existenz, von der Furcht und Angst um die Erhaltung ihrer Familie, ihres bescheidenen Herdes, ftemde Hilfe suchen und denen diese Männer, Eure Männer mit allen Künsten der Verführung sich nahen, denen sie Glück und Glanz verheißen, ihnen von Liebe und Reichtum und herrlichen Freuden vorschwärmen, um trotzdem zurückgewiesen zu werden und dann entscheidet, in welchen Reihen die währe Tugend wohnt!" Sie hielt erschöpft inne. „Aber Fäulein Else. . „Noch einmal, schweigen Sie! Nennen Sie den Namen dieses unseligen Geschöpfes nicht, das rein bliebe, selbst in seinem Falle! Vergleichen Sie doch im Geiste diese beiden Mädchen, aber bitte seien Sie gerecht! Die eine hold, lieblich, gut und harmlos, wie ein Kind, geschaffen für das Glück, dieandere . . . von den Grazien vergessen, unschön, neidisch, boshaft" . . . Frau Grosser zuckte zusammen . . . „O ja, meine stolze, gnädige Frau, so erscheint Ihre Schwester mir, so ist sie . . . aber sie besitzt den goldenen Schlüssel, der ihr die Pforten des Paradieses erschließt . . . mag sie und Dr. Saulmann desselben froh werden!" Wieder folgte jenes nervöse, jähe Lachen, das schon vorhin eine hochgradige Ueberreizung Agathens bekundet hatte. Siebarg ihr Gesicht in den Händen, als aber Frau Grosser, die sehr verwirrt und verblüfft dreinschaute, nochmals das Wort zu nehmen versuchte, herrschte sie sie an: „Ich ersuche Sie, mich sofort zu verlassen, wir haben einander nichts mehr zu sagen!" Wenige Augenblicke darauf war Frau Grosser gegangen, aber auch mit Agathens Kraft war es zu Ende. Mit dem lauten Aufschrei: „Else! Else!" riß sie die Tür des Nebenzimmers auf und brach auf der Schwelle ohnmächtig zusammen. Das Zimmer war leer! . (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. — Ergänzung zur Erinnerung an Ferdinand Cohn, (diese Zeitung Nr. 44). In dem Buche, welches seine edle Gattin dem Andenken Ferdinand Cohns geschrieben und zusammengestellt hat, findet sich ein „Brief an Professor Dr. v. Chwolson im Jahr 1893, nach dem Empfang seines Buches: das Passahmahl Christi und der Tag seines Todes". Der Brief beginnt mit der Anerkennung über diese Schrift: „der man es ansieht. daß sie nnt dem Herzen geschrieben ist". Es folgen sodann einsichtige Bemerkungen zur Evangelienkritik, und nicht minder von tiefer geschichtlicher und literarischer Kenntnis zeugende Bemerkungen über die Geschichte des Heidentums wie des Christentums. Dann aber kommt ein neuer Absatz: „Was die Nächstenliebe betrifft, so muß ich gestehen, daß ich in den Evangelien keinen einzigen Vers finde, der ausspräche, daß er auch auf Nichtjuden sich beziehe; ja es scheinen eigentlich nur die Religions- oder vielmehr Sektengenossen im engeren Sinne gemeint; denn von denen, die nicht an den Messias glauben, , wird so lieblos und ungerecht gesprochen, daß man nur annehmen kann, es läge auch hier ein Mißverständnis der Worte des Meisters vor, welches die Schüler sich unaufhörlich zuschulden kommen lassen." (S. 218, k). Diese unumwundenen Worte will ich nicht durch Betrachtungen, die sich hinzudrängen, abschwächen. Nur den Wunsch will ich hinzufügen: möchte diese schlichte, klare und wichtige Erklärung eines großen Naturforschers über die Nächstenliebe im Neuen Testament das Gewissen derer rühren, welche dieses Fundament unserer Religion uns abzustreiten wagen. Marburg, am 31. Oktober. Hermann Cohen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. DeranUvorUich für die Redaktion: Max Bauchroitz in Berlin.

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