Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit? aus Oekterrrich. Oktober 1909. ir stehen wieder im Zeichen der Obstruktion. Die .nationalen Kämpfe, welche unsere Monarchie zerklüften, haben ihren Höhepunkt erlangt. Oder sollten sie diesen noch nicht erreicht haben? Wessen haben wir uns zu gewärtigen? Das Ministerium Bienerth bildet den Angriffspunkt der tschechischen Matadore, dieses wollen sie stürzen, denn es ist ihnen zu — deutsch. In Wirklichkeit ist es den tschechischen Führern darum zu tun, alle guten Stellen, sei es im Unterrichts-, Richter- oder Bahnfache, sei es auf allen anderen Gebieten unseres kulturellen Lebens zu ergattern, die nationale Frage ist zu einer Macht- oder besser Brotfrage geworden. Die gemischt-sprachlichen Kronländer genügen dem tschechischen Heißhunger nach Stellen aller Art nicht mehr, er dehnt seine Gelüste auch auf die deutschen Kronländer aus, und auch das Stammland der Monarchie, Niederösterreich, die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, bekommen den luror tschechieus — man verzeihe das harte, aber bezeichnende Wort — zu kosten. Der Herr Bürgermeister von Wien, die allgewaltige Exzellenz Dr. Lueger, welcher sonst mit seinen „Böhm'" auf sreuudschaftlichem Fuße zu verkehren liebte, stammt doch von ihm das Wort: „Laßt mir meine Böhm' in Ruh," muß nun auch sein deutsches Herz entdecken, sonst ist der slawischen Hochflut kein Dainm zu hoch und breit. Der böhmische Landtag, den der Ministerpräsident mit heißem Bemühen flott zu machen sich bestrebte, wurde vertagt, alle Versöhnungsversuche zwischen Deutschen und Tschechen scheiterten, und nun rüsten sich die Tschechen zur Obstruktion im Reichsrate, der am 20. Oktober wieder zusammengetreten ist. Die Obstruktion ist hierzulande das beliebteste Mittel geworden, parlamentarische Verhandlungen unmöglich zu machen. Einige Abgeordnete vermögen, wenn sie dazu den bösen Willen besitzen, gegen das ganze Parlament den Kampf auszunehmen. Das ist die Folge unserer parlamentarischen Geschäftsordnung, die man füglich als eine Geschäftsunordnung bezeichnen könnte. Und so werden wir wieder die Revolution im Parlamente erleben. Wohin aber diese führen wird, wer kann dies im jetzigen Augenblicke Voraussagen? Die nationalen Kämpfe in Oesterreich wirken natürlich auch aus die jüdischen Verhältnisse, und nicht in vorteilhafter Weise, ein. In den tschechischen Gegenden Mährens und Böhmens müssen die Juden, wollen sie nicht wirtschaftlich ganz zugrunde gerichtet werden, mit den Tschechen gehen. Der wirtschaftliche Boykott hat ohnehin schon zahlreiche jüdische Existenzen vernichtet. Und doch werden die Juden von den Tschechen als geheime Freunde der Deutschen mit scheelen Augen betrachtet. Der Antisemitismus im deutschen Lager hat auch das Seinige dazu beigetragen, die Juden, welche früher treue Anhänger der deutschen Partei waren, in das fremde nationale Lager zu treiben. Nach unserem Erachten ist es für unsere jüdischen Brüder das beste, sich in diese die Monarchie zerklüftenden nationalen Kämpfe nicht zu mengen, das Feuer nicht zu schüren, damit wir nicht die Kosten dieses unseligen Streites tragen. Diese Ratschläge werden aber von den Juden nicht immer befolgt. Wir finden in beiden Lagern jüdische Heißsporne, welche aus der Geschichte der letzten Jahre noch nicht die Lehren gezogen haben, daß es den Juden nicht frommt, sich für irgendeine der nationalen Parteien besonders zu erhitzen, da wir leider mit den alten Parteien in Oesterreich, auch mit der sozialdemokratischen, nicht die besten Erfahrungen gemacht haben. Aber was tun nicht gewisse ehrgeizige Streber, um ein Mandat zu erlangen, und wenn sie es errungen haben, dieses zu behaupten? Das Machtgelüste einzelner schädigt aber die Gesamtheit. Und diese hat unter der Vorherrschaft der Christlich-sozialen, die jetzt die Gewaltigen in Oesterreich sind und unter den Stürmen der nationalen Parteien genug zu leiden. Naturgemäß suchen die Juden in den parlamentarischen Körperschaften die richtige Vertretung zu erlangen. In früheren, längst vergangenen Tagen glaubten sie diese in den deutsch-liberalen Abgeordneten gefunden zu haben. Tempi passati. Keine Partei hat, infolge ihrer eigenen Unaufrichtigkeit so abgewirtschaftet, wie diese. Denn ihr fehlte eine notwendige Eigenschaft wahren Freisinns — der Liberalismus. Kein Wunder, daß die Juden nach eigenen Vertretern Umschau hielten, und so hat uns denn das allgemeine Wahlrecht den jüdischen Klub gebracht, eine Vereinigung von Abgeordneten, die auf das jüdische Programm gewählt wurden. Man kann über diesen Klub denken, wie man will, man wird zugeben müssen, daß er eine Errungenschaft bedeutet, wie man sie vor zehn Jahren noch nicht für möglich hielt. Wir bedürfen bei den so vielgestaltigen, mannigfachen Parteiverhältnissen in Oesterreich eines solchen Klubs jüdischer Abgeordneten, und wünschen nur, daß er die speziell jüdischen Interessen in diesem vielsprachigen Staate stets wahren möge. Sein Obmann, der Bukowinaer Abgeordnete Dr. Straucher, ein für die jüdische Sache nicht nur wahrhaft begeisterter, sondern auch, was mehr sagen will, wirklich tatkräftiger Mann, gibt die Gewähr, daß unsere jüdischen Angelegenheiten in guten Händen sich befinden. Haben wir doch auch endlich, nach langem Debattieren, einen jüdischen Referenten für Kultus- und Schulangelegenheiten im Ministerium bekommen, während diese bislang von einem Nichtjuden verwaltet wurden, was man sicherlich als eine Abnormität bezeichnen muß. Mit Genugtuung erfüllt es uns auch, daß das in den nächsten Tagen zu veröffentlichende bosnische Landesstatut neben der jüdischen Virilstimme auch eine jüdische Wahlkurie, neben der katholischen, mohammedanischen und orthodoxen enthalten wird. So wird der bosnischen Judenschast, die in Sephardim und Aschkenasim geteilt ist, eine ganz selbständige Vertretung im bosnischen Landtage gesichert werden. Freilich sind in diesem Lande, das vor Jahresfrist unserer Monarchie angegliedert wurde, die Sephardim in der Majorität. Aber diese werden sicherlich nicht beide Mandate für sich in Anspruch nehmen, sondern eines den Aschkenasim abtreten. So werden im bosnischen Landtage wohl vier Juden sitzen: Der spaniolische Chacham als Virilist, der Kandidat für das Kurienmandat, ein Aschkenasi, und die Vertretung der Advokaten- und Handelskammer, welche Juden zusallen dürfte. Der Kampf um die jüdische Wahlkurie in Bosnien war ein schwerer, desto mehr können wir uns dieses Sieges freuen. Denn es ist kaum anzunehmen, daßin diesem Lande, mit seiner höchst eigentümlichen, nicht nur nationalen, sondern auch konfessionellen Gruppierung, Serben, Kroaten oder Bosniaken sich der jüdischen Angelegenheiten angenommen hätten. Da werden nun die jüdischen Abgeordneten für diese umso wärmer eintreten müssen. Auch in der Bukowina wogt der Kampf um eine Vertretung der Juden, um eine jüdische Wahlkurie, im dortigen Landtage. Freilich ist die Regierung gegen einen jüdischen Wahlkataster in diesem von so zahlreichen Juden bewohnten Lande. Man will kein „Wahl-Ghetto" daselbst schaffen.