Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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entrichtet werden, und die Versäumnis eines Tages zieht sogleich Exekution zu. — Gern würden die Juden in die-Ortskassen ihre Beiträge liefern, und es ist ihr sehnlichster Wunsch, überall Gemeindelasten zu tragen, aber auch Gemeinderechte zu genießen. Da braucht nun zuletzt kaum erwähnt zu werden, daß ihnen — mit Ausnahme einzelner äußerst weniger, welche durch viele Mühe und aus besonderer Gnade es erhalten haben — nicht die kleinste Anstellung gestattet wird. Warum soll der Fähige und Tüchtige und dieser ist es allein, welchen die Behörden mit iljvem Zutrauen beehren werden — nicht die Aussicht aus eine seiner Bildung würdige Stellung haben dürfen? Warum soll der Staat schätzenswerter Kräfte beraubt bleiben? Noch ein Punkt bleibt zu erwähnen, die innere Verfassung der jüdischen Kirchengemeinden; man hat es bis jetzt noch immer nicht dahin bringen können, daß diese Angelegenheit geordnet wird, so daß entweder die größte Verwirrung oder bald da, bald dort willkürliche Eingriffe untergeordneter Beamten oder selbst Inkonsequenzen von seiten Herzoglicher Landesregierung sich einschleichen. Gewiß ist diese völlige Unordnung in den Verhältnissen der Juden einem wohlgeordneten Staate nicht geziemend, um so weniger als gerade diese Helotenschaft eines Teiles seiner Bewohner notwendig nachteilig auf deren Moralität und somit aus das Wohlsein des ganzen Staates wirken muß. — Nicht Beschränkungen können eine sogenannte Erziehung der Juden bewirken; im Gegenteile lehrt im allgemeinen die Erfahrung, daß derjenige, welchen man als schlecht hinstellt, auch schlecht wird. Hingegen würde die Erhebung der Besseren und Würdigen — und diese sind es ja im Grunde allein, welche durch die Gleichstellung gewinnen, während der Niedrige weiter in dem Schmutze umherwühlt, welcher ihm auch jetzt unbenommen ist bald zu einem erfolgreichen Aufschwünge führen, der dann auch durch eine einsichtsvolle Beaufsichtigung des kirchlichen Gemeinwesens und Ermunterung der Handwerke und des Ackerbaues unterstützt werden muß." Das Aktenstück hat, wie man sieht, keinen rechten. Schluß, ebensowenig eine Unterschrift. Es diente also offenbar nur als Grundlage zu einer Petition. Aus den mir vorliegenden Akten geht nicht hervor, inwieweit dieses Material wirklich zu einer Bittschrift verwendet wurde; während Geigers Amtstätigkeit in dem nassauischen Ländchen fand eine durchgreifende Besserung der Verhältnisse der Juden nicht statt; auch seine wiederholte Forderung, ihn zum herzoglichen Landesrabbiner zu machen, und damit in den kirchlichen Verhältnissen der Judenschaft wirkliche Ordnung zu gestalten würde nicht erfüllt. Meurlte Lortlchritte zur Aukklsrung der Juden in Deutschland und zur Verbellerung ihrer Lage. (Aus der „Allgemeinen Zeitung" von April 1806.) Mitgeteill von Selma Wolff-Jaffö. ewisse Sachen können nicht oft und nicht stark genug zur Sprache gebracht werden. Was immer an unsere Türe klopft, fordert auch immer neuen Einlaß, neue Aufmerksamkeit. Eine solche Sache ist die Veredlung der jüdischen Nation, und jeder Schritt, der dazu führt, ist ein Triumph der Menschheit. Sechsundzwanzig Provinzen und kleinere Staaten Deutschlands haben den Anfang des neuen Jahrhunderts durch Aufhebung des die Menschheit entehrenden Judenzolls bezeichnet. und wenn auch das Sendschreiben der jüdischen Hausväter in Berlins die gewünschte Wirkung nicht haben konnte, da der Antrag nicht auf Christentum, sondern auf einen Deismus abzielte, der nur die Vorteile der Getauften einhandeln wollte: so hat doch selbst die dadurch veranlagte lebhafte Diskussion manche sehr heilsame Wahrheit zur Sprache gebracht, und dem aufmerksamen Beobachter deutlich genug zu erkennen gegeben, welche Stunde es in diesem Reiche Gottes sei. Berlin und die preußische Monarchie ist überhaupt für die Kultur der Juden der erfreulichste Lichtpunkt geworden. Dort bewirkte Mendelssohn ein heiteres und reges. Streben aus der dumpfen Altgläubigkeit. Einige seiner Freunde, wie Bloch, Marcus Herz, Maimon, Hartwig Wessely, sind schon in seligen Wohnungen mit ihm vereinigt, und andere, wie die beiden Friedländer, Onkel und Neffe (letzterer in Paris), Wolssohn, Fränkel, Schottländer usw., vor allem aber der rüstige Forscher Bendavid, wirken noch ununterbrochen fort. Bendavid steht an der Spitze der Berliner Humanitätsfreunde, und man darf hoffen, daß die jetzige vorurteilsfreie Regierung diesem Denker den Zutritt zur königlichen Akademie der Wissenschaften nicht länger verschließen, und dadurch, das Unrecht gut machen werde, was der große Friedrich , dem trefflichen Mendelssohn zufügte. Von den preußischen Juden wird die in Dessau erscheinende Sulamith redigiert, der Titel einer jüdischen Monatsschrift, wo unter der Benennung der Braut im hohen Liede die jüdische Nation im Stande ihrer Veredlung verstanden wird. In Berlin und Hamburg geben gebildete Jüdinnen den Ton an. Hart ist es, daß selbst die liberale preußische Regierung den, nachgeborenen Söhnen in einer jüdischen Familie Einschränkungen entgegensetzt, und noch vor kurzem für die dazu zu erkaufende Erlaubnis sie nötigte Ausschuß aus der Berliner Porzellanfabrik anzunehmen. So dürfen in Frankfurt am Main die Juden noch immer nicht dieselben Spaziergänge mit den Christen besuchen! Sehr erfreulich sind dem Menschenfreunde die neuen verständig eingerichteten Judenschulen in Nürnberg, Fürth, Breslau, Königsberg, Berlin. Vor allen zeichnen sich die jüdischen Schulanstalten in Frankfurt am Main, wo der wackere Geisenheimer jüngst srohe Lieder zur Feier der ersten Stiftungsfeier des jüdischen Philanthropins herausgab, in Dessau, wo durch reichliche Beiträge seit 1795 eine Schule besteht, die jetzt unter dem tätigen Fränkel an hundert Zöglinge zählt, und der die Pestalozzi-Methode mit Tillichs und Oliviers Verbesserungen eingesührt hat, und in Seesen aus. An diesem Orte, der zwischen Braunschweig und Göttingen liegt, wurde im Jahre 1801 unter dem bescheidenen Titel: Schule, eine Akademie für jüdische Zöglinge gegründet, an deren Spitze der hessendarmstädtische Hofrat Schottländer steht, von dem wir eine Geschichte seines Volkes erwarten dürfen. Ueber der Türe sollen zwei sich erfassende Hände zum Symbol der Eintracht des Judentums mit dem Christentum zu stehen kommen. Man lehrt hier neben der hebräischen auch griechische und lateinische und mehrere neue Sprachen. Gregoire, einer der edelsten Männer der französischen Nation, der schon gleich beim Anfänge der Revolution eine Schutzschrift für die 100 000 Juden in Frankreich herausgegeben und darin für sie gleiche Rechte forderte; sah in Seesen die Zöglinge in der Mathematik schwere Aufgaben lösen, und bemerkte mit Vergnügen, wie die jüdischen und christlichen Lehrer dieses Instituts in wirksamster Harmonie zu einem Zweck hinarbeiten. Dies Institut ist durchaus auf die Weise christlicher Schulen organisiert, und kann auch mit Recht überall empfohlen werden." Von David Friedlaender.