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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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entgangen sind, wenn sie sich nur gegen die Anstellung eines jüdischen Organisten sträuben? Dann befinden sie sich in einer merkwürdigen Selbsttäuschung. . Nein, die Liberalen würden ihnen ihre Entgleisungen nicht nachtragen. Es war zwar nicht schön, ihnen Willkür statt der Treue, Niederreißen statt des Ausbauens, Trennung statt der Verbindung vorzuwerfen. Sie mußten etwas mehr Verständnis für die wahren Beweggründe und Absichten des Liberalismus besitzen und so manche um das Judentum hochverdiente Vertreter desselben respektieren. Auch sie knüpften an ihre Vorläufer von vor 100 Jahren an und bestreiten entschieden, daß die Geschichte die Unwirksamkeit der von diesen angebahnten Reformen bewiesen habe. Wem hat denn der Gottesdienst seine Würde und Schönheit, seine Predigt und seinen Chorgesang zu verdanken? Vielleicht Räfael Kohn, Mose Sofer oder Isaak Bernays? Auch haben sie von ihnen und durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte gelernt, von Beschneidung, Sabbat, Speise-, Ehegesetze usw. mit höchster Ehrfurcht zu sprechen, und dennoch Fragen aus diesen Gebieten in ernste und würdige Erörterung zu ziehen, deren rigorose Entscheidung nach dem fossilen Recht zu den schwersten Konflikten mit dem Leben führen muß. Dies alles würden unsere „Freien" noch viel besser erfahren, wenn sie die Reihen des von der Zeit dringend geforderten jüdischen Liberalismus stärken wollten. Wo nicht, so sind die Aussichten für die neue Partei ziemlich trostlos; und zwar in beiden denkbaren Fällen. Erhält sie wenig Zuspruch, dann wär's ein Schlag ins Wasser. Erhält sie aber großen Zulauf, dann wird sie sich dazu bequemen müssen. Taten aufzuweisen. Taten können aber nicht neutral sein, sie müssen, wenn sie nicht aus lauter Halbheiten bestehen . sollen, eine Farbe tragen. Die Aufgaben, die die jüdische Gemeinschaft bewegen, vertragen auch kein langes Lavieren; Lösung und Antwort müssen bald gesunden sein. Diese werden nach und nach alle im liberalen Sinne ausfallen, und wenn sich die Herren noch so sehr sträuben. Die Zeit ist reis. Liberalismus soll ein „Schlagwort" sein. Gut; es ist ein schlagendes, treffendes Wort, das übrigens auch den Unterzeichnern des Aufrufs in politischen Dingen nicht ganz unbekannt sein , dürfte. Im Hebräischen lautet es ederut. Seine Anhänger gehören zu den Menschen, die von Jahr zu Jahr beten: heute sind wir noch unfrei; wir wollen unablässig an uns arbeiten; vielleicht verdienen wir uns schon im nächsten Jahr den Ehrennamen: Liberale! Bit Juden und das Geld. Von Dr. Adolph Kohut. ir wissen, daß eine ganze große Literatur seit vielen Jahrhunderten in allen Sprachen der Welt über dieses ewige Thema vorhanden ist, und daß die scharfsinnigsten und geistreichsten Männer über diesen Gegenstand pro und kontra geschrieben haben. Neuerdings hat auch .der Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin, Dr. Georg Simmel, unter dem Titel „Philosophie des Geldes" (Duncker und Humblot, Leipzig, IX und 685 S.) ein hochinteressantes philosophisch-national-ökonomisches Werk herausgegeben, worin er an manchen Stellen über die Juden und das Geld zu sprechen kommt. Man ist gewöhnt, bei diesem gründlichen und scharfsinnigen Denker, der seine eigenen Wege geht und vor allem die Wahrheit zu erforschen sucht, neben einer glänzenden Dialektik, einer überzeugenden Beweisführung, einem leichfaßlichen, aber keineswegs seichten Stil neue und überraschende Gesichtspunkte vorzufinden und so wird man gewiß mit Interesse lesen, was dieser vorurteilslose und nichts durch die Parteibrille sehende Gelehrte und Schriftsteller über diesen Gegenstand, der unseren Lesern von besonderem Interesse sein dürfte, zu sagen weiß. Selbstverständlich kann ich nicht alles mitteilen, was der Verfasser vorbringt, doch gebe ich mich der Hoffnung hin, daß schon das hier Gesagte dazu beitragen werde, diejenigen, welche sich mit den bedeutsamen und eigenartigen Problemen, die Simmel behandelt, eingehender beschäftigen wollen, zu ver? anlassen, sich in die Lektüre des in seiner Art einzig dastehenden Werks zu vertiefen. In dem Kapitel über das Geld in den Zweckreihen, worin der Verfasser das Geld vermöge seines reinen Mittelcharakters als Dämon der Persönlichkeiten,' die den sozialen Kreisen unverbunden sind, prüft, wirst er auf jene vergangenen Zeiten, als auf den Geldwechslern noch der Fluch der Unehrlichkeit lastete, einen Rückblick. Bei diesem Anlaß widmet er auch den Juden der früheren Zeiten in ihrer Eigenschaft als Geldvermittler seine Aufmerksamkeit*). In jener Periode, meint er, habe man das Geld sogar vom Henker genommen, wenngleich man möglichst einen Ehrlichen gesucht, von dem man es zuerst habe ansaffen lassen. Von der Einsicht in diese alles überwindende Macht aus habe Macaulah die Emanzipation der Juden damit verteidigt, daß es ein Widersinn wäre, ihnen die politischen Rechte vorzuenthalten, da sie vermöge ihres Geldes die Substanz derselben doch besäßen. Die politischen Rechte wären daher nichts als die formale Vollendung von dem, was sie schon hätten. Um ihnen das politische Recht wirklich zu nehmen, müßte man sie erwürgen und berauben. „Es braucht nicht betont zu werden," meint Georg Simmel wörtlich, „daß die ganze Korrelation zwischen Zentralität des Geldinteresses und sozialem Gedrücktsein an den Juden ihr anfängliches Beispiel hat. Ich will, deshalb in Hinsicht ihrer nur zwei Gesichtspunkte bezeichnen, als für die hier fragliche Wesensbedeutung des Geldes besonders erheblich. Weil der Reichtum der Juden in Geld bestand, waren sie ein so besonders gesuchtes und fruchtbares Ausbeutungsobjekt, denn kein anderer Besitz läßt sich so schnell, einfach und verlustlos mit Beschlag belegen. Wie man die wirtschaftlichen Güter in Hinsicht ihres Erwerbs durch Arbeit in eine Skala größerer oder geringerer Zweckmäßigkeit reihen kann, so in Hinsicht ihres Erwerbs durch Raub. Wenn man jemandem sein Land sortnimmt, so kann man den Vorteil davon, außer wenn man es eben gleich wieder in Geld umsetzt, nicht ohne weiteres realisieren, Zeit, Mühe, Aufwendungen werden erfordert. Praktischer verhalten sich natürlich schon Mobilien, so viele hier wirksame Unterschiede auch unter ihnen bestehen.Das Geld bildet den äußersten Punkt dieser Skala. Derselbe von aller spezifischen Bedingtheit gelöste Charakter, der das Geld den Juden in ihrer Pariastellung zum geeignetsten und am wenigsten versagbaren Erwerbszweck machte, ließ es auch zum geeignetsten und unmittelbarsten Anreiz werden, sie auszuplündern. Es ist durchaus kein Gegenbeweis, sondern zeigt die .auf Grund eben dieser Züge dem Gelde zuwachsende Macht nur von der anderen Seite, wenn wir von den mittelalterlichen Judenaustreibungen hören, in einigen Städten seien es die reichen Juden, in anderen aber gerade die armen gewesen, aus die sich die Verfolgung richtete". Die Beziehungen der Juden zum Geldwesen äußere sich weiterhin in einer soziologischen Konstellation, die jenen h A. a. O. Seite 222 ff. '!

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