Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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denke, die bloße E r ö r t e r u n g) religionsgefeWcher- 'Streitfragen'. verbietet. Als dagegen im Mai vorigen Jahres eine Schar liberaler Juden, unter ihnen eine größere Anzahl Rabbiner, zur Vereinigung für das liberale Judentum zusammentrat, — im gleichen Moment war der Protestgedanke geboren. Unser Aufruf kam etwas später zur Welt; die erste Aktion vollzog sich, wiederum angeregt von den Starrgläubigen, aber begünstigt von unseren „Freien", im Schoße des Rabbiner- Verbandes. Im liberalen Rabbinerverein hatte man es gewagt, brennende religiontzgesetzliche Fragen zu erörtern (wohlgemerkt, zu erörtern); Grund genug für die orthodoxen Heißsporne, mit dem Austritt und der Sprengung des Allgemeinen Rabbiner-Verbandes im Deutschland zu drohen, und Garantien gegen die Uebergriffe der Ketzer zu fordern. Bereitwilligst wurden diese zugestanden, und zugleich der „Aufruf" in Umlauf gesetzt, der den Frieden und die Versöhnung proklamiert. Mit wem Versöhnung? Doch nicht etwa mit dem Liberalismus, dem man Urfehde ansagt? Unfreiwillig nähern, sich die Unterzeichner allerdings dem Programm desselben außerordentlich. Ja, das mag wehe tun, aber es ist so. Wer da behauptet, daß auch auf das Judentum das Gesetz der geschichtlichen Entwicklung angewandt werden müsse, daß man die Anforderungen der modernen Zeit nicht abweisen dürfe; an den gemeinsamen Arbeiten der Judenheit (also im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund; im Verbände der deutschen Juden usw.) Mitarbeiten, und die Kinder als moderne (!) Menschen erziehen müsse, hat wider seinen Willen für orthodoxe Ohren zuviel gesagt, selbst wenn er gleichzeitig kräftig gegen die Liberalen loszieht, und vor den Konsequenzen seiner eigenen Worte zurückweicht. Und auch die tatsächlichen Einwände gegen den Liberalismus können diesen nur in der Gewißheit stärken, daß er sich auf dem richtigen Wege befindet, und allen Einschüchterungen zum Trotz vorwärts streben muß. Denn was wissen unsere „Freien" ihm vorzuwerfen? „Die Verbindlichkeit der Bibel und der Tradition soll nur insoweit anerkannt werden, als sie mit dem Leben im Einklang stehen." Als ob je ein Liberaler die Heiligkeit der Bibel davon abhängig gemacht hätte, daß in ihr' wirklich von elektrischen Entladungen. Tuberkelbazillen, Arbeiterschutz oder Beruf und Mutterschaft die Rede sein müsse. „Die Religion dürfe sich nicht vom Leben meistern lassen; sie müsse wieder das Leben heiligen und verklären." Sehr wahr.. Doch wo haben wir dies schon gehört? Es stammt aus der Rüstkammer des seligen Rabbiners Samson Raphael Hirsch, der dies Argument wie Tor seinen Hammer schwang. Aber ach, diese Blitze zünden nicht mehr. Niemand verlangt, daß die Religion (lies das Ritualgesetz) sich vom Leben meistern lasse; das allein will der Liberalismus, daß Leben und Gesetzgebung in steter Wechselwirkung bleiben, und keine starre, aus ganz andern geschichtlichen Notwendigkeiten geborene Gesetzesformel das Leben in seine totbringenden Fesseln zwingen, wenn dieses organisch zu. einer neuen Stufe emporgewachsen ist. Das ist der Sinn von geschichtlicher Entwicklung, wix wir ihn der modernen Forschung, vorzüglich der Philosophie Herbert Spencers verdanken, und auch auf das Judentum angewandt wissen wollen. Genau so steht es mit dem Vorwurf, daß wissenschaftliche Hypothesen, angeblich gesicherte Ergebnisse, der Wissenschaft, die noch dazu außerhalb des Judentums aufgetaucht und gegen dasselbe gerichtet sind, die altbewährte Kraft unseres Religionsgesetzes bedrohen. Also die gesamte, über 100 Jahre reichende Bibelforschung, von dem französischen Arzte Astruc an (oder soll man nicht lieber Spinoza,, oder gar Abrciham ibn Esra an den Anfang setzen?) bis auf Stade und Wellhaüsen herab, hat nicht ein wissenschaftliches Ergebnis gezeitigt? Ist eine solche. Behauptung überhaupt ernst zu nehmen? Wäre sie ernst gemeint, sie könnte nicht scharf genug zurückgewiesen werden. So hätten über nichtjüdische Wissenschaft nicht Saadia, nicht Jehuda Halevi noch Maimonides geurteilt! Mag die christlich-theologische Forschung - dem Gehalte des Judentums nicht vollauf gerecht werden, mag ihr Bestreben, die Vorzüge des christlichen Glaubens ins Licht zu stellen, leicht zur Herabsetzung des Judentums führen, dürfen wir uns deshalb Scheuklappen anlegen und die unzähligen neuen Einzeltatsachen beargwöhnen, für die sie zuerst das Verständnis eröffnet hat? Wir verlangen für unsere Arbeiten im Gebiete des Judentums inständig die Aufmerksamkeit der nichtjüdischen Gelehrten, und wir wollen uns gleichzeitig auf einen Jsolierschemel setzen? . Wie können wir z. B. für unsere neue Mitarbeit an der Aufklärung des Urchristentums die geringste Beachtung erwarten, wenn wir proklamieren: der Jude erkennt nur jüdische Forschung als objektiv ay, nur ihre Ergebnisse sind für ihn gesichert?! Und endlich das schlimmste Vergehen: Dieselben Männer, die in jenen verhängnisvollen Lehren verschiedene Körnlein Wahrheit gefunden, wagen solche in die Schule und in die Synagoge zu tragen. Sie äußern sich vielleicht über die Bibel als Schriftwerk anders als im Sinne der orthodox-dogmatischen Tradition, und in der Exegese anders als die Scholastiker des Mittelalters. Sie erlauben sich, neben Raschi Kimchi und Nachmanides noch andere Götter anzuerkennen. Aber die schutzlose Jugend? Nun sie hört in den übrigen Stunden auf den Oberklassen der höheren Schulen soviel von Entwicklungstheorien und literarischer Kritik, daß sie moderne Theorien auch über die heilige Schrift aus dem Munde ihres Religionslehrers entgegennehmen kann. Das ist sicher heilsamer, als wenn sie diese gesicherten Ergebnisse, die gerade er auf das richtige Maß einzuschränken wissen wird, aus popularisierenden Schriften, Zeitungen oder gelegentlichen Gesprächen erfährt Ob aber die Erziehung der Kinder durch den Lehrer erst dann religiös zu nennen ist, wenn jene in ihren Eltern Abtrünnige zu sehen und die Erzieher ihrer Erzieher zu spielen gelernt haben, das ist wohl mehr als zweifelhaft. So könnten wir noch manche inneren Widersprüche, Halbheiten und Unklarheiten in dem kurzen Dokumente Nachweisen. Statt dessen möchten wir lieber fragen: was wird die Wirkung sein? Vielleicht erkennen die „Freien" es bald, daß sie ihre Ideale viel besser, als in der neu zu begründenden Vereinigung in den bereits bestehenden Organisationen verwirklichen können. Das wäre die beste Lösung. Einige der Herren dürfen getrost in den Kreisen der strengsten Observanz Einlaß begehren; die Nuance ist so gering, daß sie mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar ist. Ändere, und dies ist uns ernst gemeint, sollten auch ernstere Bedenken zurückstellen und der Vereinigung für das liberale Judentum beitreten, um daselbst einen mildernden und mäßigenden Einfluß auszuüben, dessen jene Vereinigung ja nach ihrem Urteil noch dringend bedarf. Sie müßten sich sagen, daß ihre liberalen Kollegen genau dasselbe wollen, wie sie selbst, und auf streng historischem Boden stehen. Was sie von ihnen unterscheidet, sind nur Fragen des Maßes, des Tempos und des Taktes! In äubüs libertss! Oder berührt es grundsätzliche Ueberzeugungen, ob man im Gottesdienste 20 oder 200 deutsche Zeilen betet? Ist über solche Fragen keine Verständigung möglich? Und glauben jene Unterzeichner, die getrost in Orgelsynagogen fungieren, daß sie dem bösen Liberalismus