Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Professor v. Bar erörtert in der genannten Zeitschrift die peinliche Angelegenheit und sagte: „Während in den anderen Staaten die Juden — wenn auch vielfach beschränkt — Rechte als Staatsbürger genießen/ hängen sie in Rumänien von dem Gutdünken der Regierung, ab, die sie je nachdem als Ausländer oder als rumänische Staatsangehörige behandelt." Herr v. Bar steht nicht an zu erklären, daß gegenüber einer derartigen Völkerrechtsverletzung seitens 'der rumänischen Staatsregierung es Recht und Pflicht der Signatar- , Mächtedes Berliner Vertrages, sei, Rumänien zur Erfüllung der in jenem Vertrage ihm auserlegten Verpflichtungen anzuhalten. Es trifft leider nur allzu sehr zu, wenn Herr v. Bar sagt, daß durch das Schweigen der Mächte die Lage der Juden in Rumänien eine sehr traurige werden mußte und auch tatsächlich geworden ist. Wird auch dieser Appell des Herrn v. Bar an die Mächte, die Verletzung verbriefter, völkerrechtlicher Rechte nicht ungerügt hingehen zu lassen, wiederum vergeblich gewesen sein? Unter der sophistischen Rechtsauslegung seitens der rumänischen Staatsbehörden wird ja der Berliner Vertrag vom Jahre 1878 geradezu ein völkerrechtlicher Spott!". Aus Konstantinopel wird der „N. I. K." von ihrem .dortigen Korrespondenten geschrieben: Ein Artikel der hiesigen Tageszeitung „Levant Herald“ führt mit großem Elan die Verteidigung des Spaniolischen als Sprache der orientalischen Juden gegen die Grabrede, die ihr die Furore" vor ..kurzem widmete. Er begeistert sich für den Plan des Redakteurs der „Epoca“, der den spaniolischen Jargon an der großspanischen Muttersprache veredeln, wenn möglich durch sie ersetzen will. Was diesem Artikel eine ganz'besondere Pikanterie verleiht, ist, daß der -Direktor des Blattes „Levant Herald“ bet hiesige — Vkzekonsul von Spanien ist! Die „Aurore“ gibt ihm in einigen Randbemerkungen einen seinen Abschied. Wie verlautet, hegt die spanische Regierung den Plan, in der Türkei Schulen für die sephardischen Juden zu gründen, um die spanische Kultur zu verbreiten. „Wir glauben," fügt die „Aurore“ dieser Meldung hinzu, „daß weder die Pracht der. Gebäude noch der 'freie Unterricht oder sonstige lockende Versprechungen einen einzigen Nachkommen der Vertriebenen von 1492 dazu bringen wird, sich zu rühren, um diese Anstalten zu besuchen." Der Zar hat in Racconigi Gelegenheit gehabt, mit dem Bürgermeister von Rom, Nathan, zusammenzutreffen. In seinem Reiche hat er selten oder nie Gelegenheit, mit einem Juden züsammenzukommen, obwohl dort mehr Juden wohnen als in dem ganzen übrigen Europa. Der König Victor Emanuel hat dadurch aufs neue bezeugt, daß er ein freisinniger und vorurteilsloser Fürst ist. Wie seine obersten Ratgeber, so bertef er auch den Leiter seiner Hauptstadt zu sich, um den fremden Monarchen zu begrüßen. Es ehrt den Fürsten, daß er den jüdischen Bürgermeister alsVertreter seiner Residenz auserwählte. Leider wird auch diese Handlungsweise gröblich verkannt. 7 Dix/,Kölnische Volks-Zeitung", die sich gern als. „vornehmes "/Organ geriert, das die antisemitischen „AiM schrertungen" der parteigenössischen Zentrumsblätter mißbilligt, schämt sich nicht, folgender blöden Insinuation eines ihrer Korrespondenten Raum zu geben: „Daß der Zar sich während seines Aufenthaltes in Italien den Bürgermeister Nathän als ständigen Leibadjutanten wünscht, -ist selbstverständlich in einem Lande, wo die Canaille die Straßen beherrscht und die Ordnungselemente zu schwach oder zu feige sind, die Ordnung aufrecht zu verhalten. Was liegt da näher, als sich durch die ständige Gegenwart des Lieblings und intellektuellen Führers der Canaille vor der landesüblichen Begrüßung zu schützen? Dep italienischen Regierung ist dieser Ausweg natürlich sehr viel bequemer, als sich selbst mit dem Auswurf ihrer Landeskinder herurnzuplageru Hr. Nathan aber wird auf diese Weife Retter des Vaterlandes und--" Ritter deS. heiligen Andreas!" Lie Kartei der Mitte. Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen. ^^^ie „Freie jüdische Vereinigung", deren Aufruf diese Blätter an anderer Stelle zum Abdruck brachten, ist nicht gegründet worden, um einem fühlbaren Mangel an Vereinen abzuhelfen. Die Unterzeichner wissen vielmehr, daß unsere Zeit ohnehin von Gegensätzen und Parteiungen zerfetzt ist. Aber sie folgten einer inneren, sittlichen Nötigung; darum hätte ihre Mion auch dann symptomatische Bedeutung, wenn sie nicht außerdem die Kundgebung von ehrwürdigem -zum Teil führenden Männern der jüdisch-theologischen Wissenschaft und Praxis wäre. Die neue Partei will eine solche des Friedens sein, und fordert zu einem Werke der Versöhnung auf. - Leider erinnert sie sich dessen erst zuletzt, nachdem sie vorher alles getan,- um die Gegensätze zu verschärfen. Zwar paßt es anscheinend zur Vermittlung, daß die Herren eine Doppelfrontstellung einnehmen, eine nach rechts und eine nach links; gegen die Anhänger der strengsten Obserd vanz dort und gegen den Liberalismus hier. Aber wie ver^ schieden ist die Behandlung, die sie ihnen zuteil werden läßt, Während jene nur sanft getadelt werden, weil sie „die An? wendbarkeit des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Judentum grundsätzlich leugnen, und darum alle Zugeständnisse an die moderne Zeit abweisen", gelten/dem Liberalismus die gröbsten Keulenschläge. Er wird sozusagen siebenfach zum Tode und Verlust, aller Ehrenrechte verurteilt) so daß kein anständiger Mensch noch einen Brocken aus seiner Hand annehmen möchte. . Bei solcher Sachlage kann man sich höchstens wundernwarum die Orthodoxie nicht ausdrücklich als das kleinere Nebel gepriesen wird, da sie doch auf dem dunklen Grunde des bösen Liberalismus wie mit einem Glorienschein umgeben, erstrahlt. Die offene ^Feindschaft gegen den Liberalismus ist eben noch jung; es gab eine Zeit, da viele der Unterzeichner sich noch selbst mit Vorliebe liberal nannten, unb .jedenfalls die Bezeichnung „orthodox" mit Entrüstung von sich wiesen- Jetzt hat man erkannt, welche Kluft einen von-den alten, falschen Freunden trennt, und empfiehlt sich den wahren Seelenverwandten durch die Ehrung der vorbildlichen Geister der ersten Dezennien des vorigen Jahrhunderts, die damals dem verderblichen Liberalismus Einhalt taten. Wer mag gemeint sein? Doch nicht etwa Rafael Kohn, Mose Sofer oder JsaakBernahs? Wir raten wohl richtiger aus Zacharias Frankel, den man nicht ohne Verehrung nenNen kann. Dennoch hat dieser Mann durch seinen demonstrativen Austritt aus der. Frankfurter Rabbiner-Versammlung von 1845 die heilloseste Verwirrung angerichtet und viele Gemeinden zu der Selhsthilfe gezwungen, die heute den Orthodoxen so verhaßt ist.. . , Daß in Wahrheit die Frontrichtung der neuen. Kartei nur einseitig ist, dürste hiernach, klar sein. Dennoch mag es nützlich erscheinen, es durch einige Tatsachen zu erhärten. So oft die Orthodoxie in den letzten Jahrzehnten ihre Vorstöße, unternahm, zuckten die Herren nicht mit der Wimper. Sie . nahmen mit Gleichmut die Gründung der orthodoxen Separatgemeinden in verschiedenen Städten auf, weil natürlich die Orthodoxen überall in geistiger Notwehr gehandelt. Sie duldeten schweigend die Gründung der Vereine zur Wahrung der reli^ giösen (lies orthodoxen). Interessen in Westfalen und im 'Rheinland, der jüdisch-orthodoxen Rabbiner-Vereinigung usw.' Nicht' genug damit. Ihnen ist es zu danken, daß die Rabbiner der .strengsten Observanz dem neuen Rabbinerverbande in Deutschland den Z 16 diktierten, der hie D i s k us fio,n. (mar;