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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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531 Man schreibt uns: Wer die jüdisch-wissenschaftliche Literatur der letzten 20 Jahre kennt, der weiß, mit welcher Aengstlichkeit die jüdischen Gelehrten jedes Thema vermeiden, das irgendwie das Christentum tangiert. Wo es unumgänglich ist, da gehen sie mit einer geradezu beispiell losen Zurückhaltung vor. Dagegen haben sogar christlich-liberale Gelehrte oft das Judentum sehr ungerecht behandelt, und selbst Harnack hat das Christentum nicht als eine Religion, sondern als die Religion proklamiert, ohne zu bedenken, daß das die Bekenner des alten Bundes doch sehr verletzen müsse. Dem gegenüber sind die jüdischen Gelehrten in ihrer Apologetik meistens sehr vorsichtig, und sie vermeiden alles, worüber das Christentum sich beleidigt fühlen könnte. Das geschieht nicht aus Rücksicht auf den Antisemitismus, denn den Antisemiten kann es nur die Wissenschaft recht machen, die die Tatsachen zu ihren Gunsten fälscht. Aber die Juden spüren es am eigenen Leibe, wie sehr eine Verdächtigung weh tut, denn sie litten Jahrhunderte hindurch an der Verkennung ihrer Religion, und noch heute haben sie gegen alte Vorurteile anzukämpfen. Sie halten es daher für ihre Pflicht, besonders vorsichtig zu sein. Indessen ist ja das Christentum eine Tochter des Judentums, und bei verschiedenen Kapiteln der jüdischen Wissenschaft muß man das Christentum berühren. Nur die Torheit kann es verlangen, daß der Jude das Wort Christentum nie erwähnt; wenn er es mit dem nötigen Takte und vor allem mit wissenschaftlicher Gründlichkeit tut, wird sich niemand darüber beklagen dürfen. Vor kurzem veröffentlichte ein Rabbiner in einer jüdischen Korrespondenz eine wissenschaftliche Arbeit, in der er den Nachweis führte, daß das liberale Christentum, das sich von den Dogmen loslöst, sich immer mehr der Weltanschauung des Christentums nähert. Diese Tatsache ist dem Kenner des alten Christentums nicht neu. Man weiß ja, daß die Entfremdung des Christentums vom Judentum erst später künstlich und eigentlich zu politischen Zwecken vor sich ging. Die Dogmen und die eigenartige Entwicklung waren es, die das Christentum immer mehr von ihrem alten Quell abrücken ließen. Es ist also begreiflich, daß mit der Loslösung vom Dogma sich immer mehr eine Annäherung und Verständigung zwischen Judentum und Christentum anbahnt. In diesem wissenschaftlichen Artikel kann ein gesund denkender Mensch beim besten Willen nichts Verletzendes entdecken. Die Arbeit ist so vornehm und taktvoll gehalten, daß selbst die „Kreuzzeitung", sicherlich ein unbefanger Zeuge, die feine Art dieses Autors rühmt. Den Antisemiten erst ist es Vorbehalten geblieben, Älarni zu schlagen, als wenn die Juden das Christentum verdrängen wollten. Die „Deutsch-Sozialen Blätter", die sicherlich den Artikel gar nicht gelesen haben, fallen darüber her mit Schmähungen und Verdächtigungen. Sie klagen über Beleidigung des Christentums, ja über Verfolgung der Christen und schließen: „Belustigend ist die hochmütige Ueberhebung und anmaßende Dreistigkeit, die der im Banne des Talmud liegende Rabbiner dort an den Tag bringt, wo er Vergleiche zwischen mosaischem und christlichem Ideal anstellt. . Auch ein Jude sollte so viel Objektivität besitzen, daß er die Ueberlegenheit der christlichen Weltanschauung über die mosaische anerkennt." Das ist, wie es bei diesem Blatte gar nicht anders zu erwarten ist, töricht und taktlos zugleich. Würden die Juden die Ueberlegenheit der christlichen Weltanschauung zugeben, dann könnten sie ja nicht mehr Juden sein. Die Juden betrachten ihre Religion für sich selber als die beste, haben aber nie den Versuch gemacht, Christen zu bekehren, oder gar sie wegen ihres Glaubens zu verfolgen. Die Aufregung des Antisemiten-Blättchens ist also hier gänzlich deplaciert. Will dieses Antisemitenblatt das Christentum gegen seine Angreifer verteidigen, dann könnte es in seiner nächsten Nähe die beste Gelegenheit dazu finden. Denn nie hat jemals ein Jude das Christentum mit so viel Haß und in so abscheulicher Manier behandelt wie die Jünger Dührings, die doch die geistigen Führer des Antisemitismus sind. Auch im Organ des Herrn Fritsch, der großen Autorität der Antisemiten, findet man in jeder Nummer die gehässigsten Angriffe aus das „veraltete ungermanische Christentum". Warum also regt sich das Leiborgan, des Herrn Liebermann von Sonnenberg nicht darüber aus? Es ist eine alte Geschichte, unsere Antisemiten erinnern sich nur dann ihres Christentums, wenn es gilt, das Judentum zu verdächtigen. * Die Broschüre „Ostmärkische Städtepolitik", die von uns mehrfach besprochen worden ist, wurde in einer kürzlich stattgehabten Versammlung des „Freisinnigen Vereins" in Posen von dem Verleger der „P. N. N.", Wagner, einer scharfen Kritik unterzogen; der Verein nahm hierzu einstimmig folgende Resolution an: „Die heute Abend vom Freisinnigen Verein einberufene Posener Bürgerversammlung drückt ihr Befremden darüber aus, daß die Broschüre „Ostmärkische Städtepolitik" von einem höheren Regierungsbeamten in Posen verfaßt und veröffentlicht werden konnte. Würde der Inhalt dieser Broschüre der Regierungspolitik zur Richtschnur dienen, so würde dies gleichbedeutend sein mit dem wirtschaftlichen Ruin der Ostmark." Verfasser der Broschüre ist, wie jetzt bekannt wird, Regierungsrat Herr von der Königlichen Ansiedlungs-- kommission. Der Verfaffer hat, wie erinnerlich, in seiner Broschüre das vortreffliche Quellenwerk Moritz Jaffes: „Die Stadt Posen unter preußischer Herrschaft" durch die Bemerkung zu verunglimpfen gesucht: „Manche Seiten dieses Buches lesen sich wie die Apologetik des in seinen heiligsten Interessen geschädigten jüdischen Händlertums." In dem genannten Posener Blatt läßt vr. rneck. Georg Pietrkowski daraufhin dem Herrn Regierungsrat eine kräftige Abfuhr zuteil werden; er schließt mit den Worten: „Es ist erst wenige Wochen her, daß man Herrn Professor Max Jaffe zu Grabe trug, den ein schrecklicher Unglücksfall so früh dem Leben entrissen hat. Wenn Sie Mannesmut und Bescheidenheit deutsch nennen, wenn Sie Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn, Pflichtgefühl und Treue als Ausflüsse deutschen Wesens bezeichnen, dann war dieser Mann so deutsch, wie es wenige Bürger in Stadt und Provinz gibt. Vielleicht war niemals in Ihrer Amtsstube von ihm die Rede. Dafür fühlten viele Tausende, denen er Gesundheit und Leben erhalten und in den schwersten Lebensstunden mit Menschenliebe beigestanden hat, welch ein Verlust sie betroffen hat. In ihm sah man ein wahres Element der Kultur, das Menschen jedes Standes und jedes Glaubens leicht verständlich war. Und dieser vorbildliche Patrizier entstammte der jüdischen Bevölkerung der Stadt, der es an Männern und Bürgern niemals gefehlt hat und die Sie in Ihrer leichtfertigen Schrift herabsetzen. Die Selbstachtung verlangt es, daß wir das Andenken solcher Männer schützen. Und wenn die Regierung den deutschen Vorteil recht versteht, so soll sie es verhindern, daß ihre Beamten unter dem Schutze der Anonymität von einer ganzen Bevölkerungsklasse verächtlich zu reden wagen, die solche Männer hervorgebracht hat." * Das „Berliner Tageblatt" schreibt: „Die nach jeder Richtung hin traurige Lage der rumänischen Juden ruft immer wieder die öffentliche Kritik der Rechtszustände in dem Königreich an der unteren Donau hervor. Wer nicht gänzlich unempfindlich durch Parteivoreingenommenheiten geworden ist, der muß über das in Rumänien unter dem Vorwand gesetzlicher Verordnungen fortdauernd ausgeübte Unterdrückungsshstem auf das tiefste empört sein. Eine derartige sophistische Auslegung und Handhabung bestehender Gesetzesbestimmungen zum Schaden der davon Betroffenen pflegte Theodor Mommsen mit der Bezeichnung „Verwaltungsprellerei" zu brandmarken. Jetzt erhebt kein Geringerer als der berühmte Staatsrechtslehrer v. Bar seine Stimme in der „Revue 6u äroit international" zugunsten der. in Rumänien Völlig rechtlos gemachten Juden. Es handelt sich für den genannten Rechtslehrer bei dieser rumänischen Judenfrage ebensosehr um das allgemeine Völkerrecht wie um die räumlich auf Rumänien beschränkten Rcchtszustände. In beiden Hinsichten verletzt der rumänische Staat die Rechtsordnung sowohl wie das Völkerrecht.

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