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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 528 (sequence 12)
Language
German
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'■ r jener der Konkurrenzhändler. Gewiß, eine. Last von Sorgen und Mühen, denen ein Weib kaum gewachsen ist. .Die Miriam Herrleben war's. Allein, mutterseelenallein fuhr sie mit-ihrem Wägelchen auf den Dörfern umher, im österreichischen Podolien, im westlichen Rußland bis gegen Jekaterinoslaw, Im Frühling und Sommer kaufte sie ein, im Herbste erschien sie auf den Stapelplätzen, wo sich die Käufer des Westens einfinden: in Czernowitz, in Balta, in Lemberg. Daß sie überall heil davonkam, war eigentlich ein rechtes Wunder, Die einsame, junge Handelsfrau befuhr oft Gegenden, wo selbst Männer rüstiger Reisegenoffen nicht gern entbehrten. Sie traute sich in Edelhöfe, deren Besitzer als wüst und gewalttätig verschrien waren. Aber ihr geschah kein Wehe, kaum eine Demütigung. Diese Mutter, welche für ihr Kind Leib und Leben wagte, hatte einen Zauber, welcher die roheste Hand fesselte, das härteste. Herz rührte: ihren Mut und ihre Würde. Und dieser Zauber bewährte sich in harten Proben. So ward sie einmal im Spätherbst, da sie nach Barnow heimfuhr, von einer Bande angehalten, welche zeitweilig aus den Karpaten ins flache Land hineinstieß, wie der Geier in die Tiefe. An ihrer Spitze stand ein entlaufener Urlauber, Giorgi Szumaka. der „grüne Giorgi" genannt, weil er immer ein Wams von dieser Farbe trug. Als die Frau von dem seltsamen Ausgang dieser Begegnung erzählte, nannten sie die Leute eine Lügneriü. Aber wenige Jahre später, als den Giorgi sein Schicksal erreichte, erzählte er vor den Kreisrichtern von Kolomea: „Es ist alles wahr, ich und meine Leute haben geraubt und gemordet, aber der Miriam, der Kornjüdin, haben wir nichts getan. Wir erspähten ihr Wägelchen auf der Landstraße und jagten hinter ihr her. Sie blickte sich um und mußte uns erkannt haben, denn eine Minute lang trieb sie ihre Klepper heftig an. Aber dann fuhr sie gelassen weiter, als wären fünfzig Gendarmen um sie und nicht die einsame Steppe, welche nichts erzählt, was sich in ihr begibt. Wir holten sie ein. „Steh!" — Sie gehorchte und blickte uns ruhig an. „Kennst Du mich?". — „Wie nicht? Du bist der „grüne Giorgi", im ganzen Lande verkündet man ja jeden Sonntag, wie Du aussiehst und wie Du Dich kleidest!" Und dies in einem Tone, Herr, als . ob sie. in mir den Herrn Bürgermeister von Kolomea erkannt hätte. „Hast Du Geld bei Dir?" — „Natürlich, ich fahre ja vom Markte heim, neunhunderteinundzwanzig Gulden habe ich und vierzig Kreuzer!" — „Gib uns das Geld!" will ich sagen, aber Herr, mich soll der Henker zehnmal hängen, wenn ich es über die Lippen gebracht habe. Sondern ich sage im Gegenteil fast bittend: „Teile mit uns." — „Leute," erwidert sie, „ich bin ja selbst arm und habe ein Kind und einen Mann, die nur von meiner Arbeit leben — wie kann ich euch da vierhundert Gulden geben oder gar noch mehr? Bedenke selbst! Aber wenn euch mit zehn Gulden gedient ist ..." Ich schaue meine Leute an und dann das Weib und wieder die Leute — es war ja nur eine magere Jüdin, also gefallen hat sie mir nicht — aber in ihren Augen war so eine mutige Bravheit und — lacht mich aus, Ihr Herren — aber ich sagte: „Jedem einen Gulden — fünf Gulden, Weib!" — „Nein, zehn," erwiderte sie, „ich nehme mein Wort im Handel nie zurück." Und zieht die volle Brieftasche heraus und gibt uns zehn Einser. „Ich danke Dir." sage ich, „und wenn Du erlaubst, reiten wir bis gegen Jluste da neben Deinem Wägelchen, weil noch andere Räuber in der Gegend streifen. Und -so taten wir." Und ähnliche Geschichten begaben sich noch einige mit der stsamen Frau. „Der „Meß" hilft ihr —" wiederholten hie -Leute von Barnow hartnäckig ihr Sprüchlein und guckten des Abends, wenn Miriam in Barnow war, in ihre Fenster, um ihn zu erspähen. Aber sie sahen niemand wie Miriam selbst, wie sie ihr Knäblein auf dem Schoße hielt und herzte und daneben die Wärterin, die Chane Leinesieder.. Das war kein Gespenst, sondern die kleine wohlgenährte Strohwitwe eines Krämers, der so lange nach Brünn und Wien gefahren und Wollstoffe „gekratzt", d. h. auf Borg genommen und nie bezahlt, bis ihn das Schicksal in Form eines Staatsanwalts an einen Ort gebracht, wo er seine Buße in demselben Artikel tat, in dem er gesündigt: in Wolle. Denn das Wollezupfen ist die Beschäftigung der Sträflinge in den mährischen Zuchthäusern. Literarische Mitteilungen. Palästinas Erdgeruch in der israelitischen Religion. Unter, diesem etwas seltsam klingenden Titel ist soeben im Verlage von K. Curtius in Berlin ein neues Buch erschienen. Der Verfasser ist Professor Dr. H. Greßmann, der Nachfolger von Professor Gunkel als Alttestamentler an der Berliner Universität. Mit lebendigster Anschaulichkeit werden wir in den plastischen Darstellungen Greßmanns in das heilige Land, in die Straßen und das Getriebe Jerusalems und in die übrigen heiligen Stätten des Landes hineinversetzt, und mitten in alledem gewahren wir an der Hand dieses kundigen Führers, eine Fülle von einzelnen Zügen und Aeußerungen des Volksglaubens, die uns eine lebendige Auffassung der israelitischen Volkssrömmigkeit ermöglicht. Es ist ein ergreifend lebensvolles, farbenreiches Gemälde, das uns der geniale Denker vor Augen führt. Man spürt auf jeder Seite seines Buches, wie er die Zeit seines Aufenthaltes in Palästina benutzt hat, um das Land und das Volk, besten alter Literatur er seine Lebensarbeit gewidmet hat, im persönlichen Verkehr kennen und verstehen zu lernen. Das interessante Buch ist allen denjenigen zu empfehlen, die Palästina selbst aufsuchen, nicht nur vom Vergnügen allein getrieben, sondern auch von pietätvoller Sehnsucht, die Stätten zu schauen, die unserem Herzen von Jugend an vertraut sind: Nicht minder wird der Tourist auf seine Rechnung kommen bei der Lektüre der vielen aus dem heutigen Volksleben und Treiben gegriffenen, vortrefflichen Schilderungen. Das inhaltreiche, höchst eigenartige Buch mit seinen plastischen wie suggestiven Skizzen wird den Bibelfreund, sowie jeden wissenschaftlichen Forscher und Reisenden vollauf befriedigen und anregen. Das vor zwei Jahren erschienene, von der Kritik überaus günstig besprochene Buch: Major Burg. Lebensbild eines jüdischen Offiziers, von Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe, ist soeben im Verlage von I. Kauffmann-Frankfurt a. M. in zweiter,vielfach verbesserter Auflage erschienen. Auch in dem neuen, vornehmen Gewände durfte das Werk, das unser Kaiser und unser Kronprinz gnädigst entgegengenommen haben, sich viele Freunde erwerben, um so mehr, als der im Verhältnis zu der gediegenen Ausstattung billige Preis (1.80 Mark) seine Anschaffung jedem ermöglicht, der sich für den Anteil der Juden am Kultur- und Geistesleben Deutschlands interessiert. In demselben Verlage erscheint binnen kurzem das von der Großloge für Deutschland U. O. B. B. preisgekrönte Büchlein Eugen Wolbes: Ludwig August Frankl, der Dichter und Menschenfreund, zugleich als Festschrift zum hundertsten Geburtstage Frankls (3. Februar 1910). Druck Und Verlag von Rudolf M o 1 s e in Berlin Verantwortlich fiit die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.

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