Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-dies verkündete, flog züitt erstenmale seit langen-Mdnaten ein .'Freudenschimmer über ihr totblassesverhärmtes Antlitz. . „Kein; Mädchen!" flüsterte sie getröstet. „Gottlob!"' Auch - Manes Herrleben - war sehr erfreut, daß ihm-ein Stammhalter geboren worden, und der sanfte scheue Talmüdist befeuchtete die Nacht hindurch feine Rührung mit manchem - Tropfen Kornbranntwein'. Denn die goldene Zeit des Moldauers war 'längst Worbei. .? In, selbiger Nacht ereignete sich etwas Seltsames. Die Wöchnerin war lange regungslos mit geschlossenen Äugen dagelegen. Da richtete sie sich Plötzlich auf; ihr Antlitz leuchtete und sie öffnete die Augen weit und starrte vvr sich hin, als wäre vor ihr eine herrliche tröstliche Erscheinung emporgetaucht. „Das Kind!" rief sie der Hebamme zu, „bringt mir meinen Sohn!" Und als ihr diese den Neugeborenen in den Arm gelegt, erhob Miriam ihre Rechte und machte jene Handbewegungwelche die jüdische Satzung beim Schwure vorschreibt. „Ich will es halten," sagte sie leise, aber fest, „so lange meine Augen offen sind." — „Was habt ihr?" fragte die Pflegerin erstaunt. AberMiriam schüttelte abwehrend das Haupt und blickte mit leuchtendem Antlitz auf das Knäblein in ihrem Schoße, Und als sie wieder einschlummerte, blieb das Leuchten auf ihren Zügen. Von jener Stunde ab hat Niemand die Miriam Herrleben düster oder verzagt gesehen. Es ist ungewiß, was damals an ihr geschehen, ob sie eine Vision gehabt, ob der lichteste Genius, .welcher die Menschheit auf ihrem Leidenswege begleitet, der Genius der Mutterliebe, verkörpert vor ihr emporgetaucht, oder ob das Gefühl der Liebe und . der Pflicht sie ohne alle Zutat des Rätselhaften so jäh und gewaltig übermannt. Tatsache ist, daß von jener Stunde ab eine Wandlung mit ihr vorgegangen, wie sie kaum größer zu denken. Rastlos, voll seltener Tatkraft stellte sie ihr zerbröckelndes Hauswesen wieder her, hielt die spärlichen Reste einstiger Wohlhabenheit zusammen und suchte nach Erwerb. .Aus ihren Gatten konnte sie dabei nicht zählen, *den nmspannten die Zauber der Schnapsflasche und der Kabbala immer dichter. Sanft, scheu und fromm blieb er freilich,-aber dabei auch der ^versoffenste Lump, der sich jemals in der großen Marktpfütze von Barnow gewälzt. Miriam ließ ihn gehen oder liegen, wo er eben war, sie bedurfte seiner nicht. Anfangs war sie Zwischenhändlerin am Wochenmarkt, indem sie von den Bäuerinnen gegen Bänder und Korallen Eier, Gemüse und Hühner eintauschte, und die Eßwaren an die Städter verkaufte, dann eröffnete sie in einer Nische neben dem'Rathause einen Laden, in dem sie tausend kleine Dinge feilhatte und pachtete hierauf ein Jahr lang eine Schenke; was sie begann, glückte ihr, weil sie klug, rastlos und mutig war, wie ein tüchtiger Manu. Aber daneben widmete -sie sich mit rührender Treue der Pflege ihres Kindes. Die Leute von Barnow, welche sich die so jähe gänzliche Wandlung nicht zu erklären vermochten, und staunend zusahen, wie die Frau es trotz der jämmerlichen Verlotterung des Gatten binnen wenigen Jahren wieder zu einigem Vermögen gebracht, schrieben dies übernatürlichem Einfluß zu, denn der Aberglaube des orthodoxen Juden ist 'schier noch stärker als sein Glaube, Dieser Aberglaube schlummert niemals — er bevölkert Erde, Luft und Wasser, jedes tote Gerät, jedes leere'Winkelchen, .die in der Mitte stehen zwischen. Gott und Mensch, zwischen Mensch und Teufel. Natürlich ist die letzte Reihe die weitaus größere, weil ja das Volksgemüt von Natur zum Düsteren und Unheimlichen neigt und durch eine entsetzlichen Schicksale noch in dieser Anschauung befestigt wird. So wird auch an eine Art Seelenwänderung geglaubt; die Seele des Frevlers mußauf Erden Zurückbleiben und macht daeinen Reinigungsprözeß durchder lange Jahrhunderte währt: zuerst fährt sie in ein Schwein, dann rn eine Schildkröte, einen Raben, einen Esel, ein Pferd usw. Schott darum -wird der gläubige Jude nie das Fleisch dieser Tiere essen, man -weiß ja nicht, ob man da'nicht zugleich einen bösen Geist, wenngleich rn gesottenem oder gebackenem Zustande, mitchinabschluckt: Denn in einen Menschen zu kommen, ist die einzige Sehnsucht einer solchen'Büßerseele, weil sie mit dessen Tode mit erlöst wird: Natürlich bemüht sie sich auch dann, ihren Hausherrn baldmöglichst zugrunde zu richten. Am meisten haben es ' diese fahrenden Geister auf neugeborene 'Knäblein -abgesehen, weil diese ja erst amachten Tage in den Bund Israels ausgenommen werden und bis dahin nicht unter Gvttes Schutze stehen. Sie umschwirren fortwährend unsichtbar 'die kleine Wiege, und man verscheucht sie, teils durch kräftige Gebete, teils durch Ausstreuen von Kampfer, dessen Geruch offenbar auch für Geisternasen nicht angettehm ist. Zuweilen ist auch ein solcher „Meß" — wie der fahrende Geist genannt wird — unvorsichtigverliert seine Unsichtbarkeit und wird in Gestalt des Tieres, itt dem er zuletzt gesteckt, wahrnehmbar. Wer dann die rechte Bannformel spricht, dem muß der „Meß" dienen, in jeder Gestalt, zu jeder Stundezu jedem Zwecke, und zwar genau so lange wie das Menschenwesen lebte, in Welches er fahren wollte. > ' Für die Leute von Barnow war es eine ausgemachte Sache, daß Miriam Herrleben über einen solchen „Meß" verfüge. Diese unheimliche Sage war teils dadurch entstanden, daß ihre ehrliche Mühe reichliche Früchte trug, teils durch den Bericht der Wehesrau über Miriams seltsames Betragen in jener Nacht. Freilich war der „Meß" in keiner Gestalt zu erschauen, man sah die Frau immer allein, höchstens ihr Kind auf dem Arme. Die Leute legten sich dies jedoch so zurecht, daß Miriam den Geist den Tag über unsichtbar halte und nur nachts für sich arbeiten lasse. Aber bald sollte die Zeit kommen, wo der „Meß" auch am Tage verkörpert an seiner Herrin Seite erschien. Als der kleine Gerson fünfjährig geworden und nun der Aufsicht der Mutter zuweilen entbehren konnte, gab diese die Pacht der Schenke auf und widmete sich einem Handel, welcher sonst nur von den Männern betrieben wird, weil er die volle Einsicht und Rührigkeit eines Mannes erfordert und mit großen Reisemühen verbunden ist. Miriam Herrleben wurde Getreidehändlerin. Das ist ein gefährlicher Erwerb und nach mehr als einer Richtung. Die Preise schwanken ungemein, steigen zu horrender Höhe oder fallen tief hinab, je nachdem die Ernte in Ungarn und dem östlichen Deutschland gut oder schlecht gewesen. Der Getreidehändler muß immer wagen und nie mutlos, nie übermütig werden. Hierzu kommt eine andere Gefahr. Es gibt keine Messen, wo der Produzent' mit seiner Ware erscheint, man muß ihn auf seinem Dorfe aussuchen. Aber wer im Herbste käme, die reise Frucht zu kaufen,' der käme zu spät; der Edelmann kann nicht so lange warten. Wohl schleicht schon im Winter der Jude schüchtern ins Haus, üm zu. mahnen, aber da läßt er sich noch ruhig hinauswerfen, er erscheint nur, damit der gnädige Herr die Wechsel nicht vergesse, und wäre sehr erstaunt, erhielte er schon iyr.Januar keine Prügel, sondern Geld. Aber im Mai ist das ganz ap.ders, da muß der Wechsel vorher bezahlt sein, ehe der Gläubiger hinausfliegt, sonst klagt er ihn ein. Darum wird das Getreide meist aus dem Halm verkauft, und der Händler ist also auch von der eigenen Ernte abhängig, nicht-bloß von