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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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Miriams Gast. Eine Skizze aus Halb-Asien von Karl Emil Franzos. Fragment aus dem Nachlasse. . man weiß, auch das Gedächtnis hat seine verborgenen Fächer. Ihr Inhalt. bleibt unangetastet und des ' dichten Verschlusses wegen sogar unverstäubh - indes manches Blatt aus der täglich geöffneten Lade unversehens zu Boden flattert öder freiwillig in den Papierkorb geworfen wird. 'Aber man vergißt der verborgenen Schätze, als hätte man sie nie besessen, bis nach langen Jahren der Zufall oder ein Blitz der Erinnerung dazu treibt, die vergessene Lade aufzüziehen. Da finden sich nun die Denkzeichen, und jählings ist ein-Stück -des eigenen Lebens wiedev wach geworden und ruft mit lebendigen Stimmen. Wie viel aus jüngerer Vergangenheit ist für immer vergessen und nur das verschollen geglaubte Stück' :steht greifbar klar, als wäre es gestern geschehen. 3 So ist es mir mit der Geschichte ergangen, welche ich hier erzählen will. Ich bin keine Hauptperson darin gewesen — im Gegenteil, eine der unbedeutendsten Nebenpersonen, welche leider nicht den geringsten Einfluß auf ihren Ausgang zu nehmen vermocht. Und doch! wie haben sich einst dabei alle Sehnen, meiner Seele gespannt! Und welche Schauer mir auchvin der Folge durch das eigene Herz gegangen, wenn ich dem Schicksale Mieder einmal eine Szene ^aus der großen Tragikomödie nachschrieb, welche es rastlos dichtet — so tief bewegt bin ich doch kaum wieder gewesen, als bei meinem ersten Aufsatz, der nicht.-für die Schule bestimmt war. Es war dies ein gestempeltes Aktenstück, ein Bittgesuch itn Auftrag und im Namen der Jewgenia Sergejewna Horizak, worin diese von der k. k. Bezirkshauptmannschaft zu Barnow die Gnade erflehte, dereinst auf dem Judenfriedhof begraben zu werden. Jewgenia Sergejewna war im griechisch-orthodoxen Glauben geboren und eine fromme Christin. Darum waren die Leute von Barnow sehr erstaunt über dieses Verlangen, .und der Herr Bezirkshauptmann versicherte, um ein Aehnliches sei noch nie und nirgendwo ein k. k. Amt ersucht worden. Aber es ist nur anscheinend eine seltsame Geschichte, vielleicht nur deshalb, weil sie sich just in Halb-Asien begeben. Denn .im Kern ist es . doch nur wieder das schöne, uralte und doch ewig junge Lied von der Treue, welche über alles Vorurteil hinweg zwei Menschenherzen erquickt und begnadet und un- -auflöslich aneinander kettet. In jenem unglücklichen Lande siegt fast immer das Vorurteil über das Herz, darum mag es gut und tröstlich sein, auch einmal vom Gegenteil zu berichten. Denn du, arme Jewgenia, bist doch eine Siegerin geblieben, obwohl du nicht erreicht, was du. erstrebt, eine stolze, reiche Siegerin, arme Jewgenia! Die Jewgenia war aber in Wirklichkeit sehr arm, nur ihr Herz war reich. Sie hatte keinen eigenen Besitz, nicht einmal einen selbständigen Namen hatte sie im Städtchen. Da nannte man sie anfangs „Miriams Meß", ein unheimlicher Name, der später erklärt werden soll, dann aber „Miriams Goje". Dieser letztere heißt wörtlich: „Die Heidin, welche der Miriam zügehört". In Wahrheit wollte es jedoch nur besagen, daß Jewgenia eine Christin sei, welche bei einer Frau Miriam in Diensten stehe. Und zwar war dies Frau Miriam Herrleben, geborene Grüner, eine betagte Witwe, welche einen grüßest Getreidehändel betrieb. :i „Herrleben" — der Name war komisch, aber das wai: auch wahrlich das einzige, worüber man spötteln konnte, wenst man dieser edlen, wackeren, grundgescheidten Frau gedächte. Und für diesen Namen war ja nicht sie verantwortlich, sondern die Ahnen ihres Gatten oder richtiger und gerechter: die Kommission, welche unter Josef I». den Juden Galiziens Familiennamen oktroyiert hatte. Vor. dieser Kommission war leider der Großvater ihres Mannes zu einer Zeit erschienen, wo die abenteuerlichsten Einfälle bereits erschöpft waren. Und ' darum fragten die Herren den Mann, wie er heißen wollte. Es war dies ein sehr reicher, aber auch sehr schüchterner Münn und darum erwiderte er-bescheiden: -„Herrleben, wie soll ich das wissen?" Die Kommission hielt sich an das erste Wort, und die Sache war abgetan.; Der Name erbte sich fort, auch die Schüchternheit,' aber leider nicht auch der Reichtum. Die stille Verschämtheit mag einer Sechzehnjährigen sehr gut stehen, aber für einen Polnischen Händelsjuden ist es eine der bittersten Eigenschaften, welche er besitzen kann. Schon der Schwiegerväter von Frau Miriam ließ sichs lieber über dicken Talmudbüchern wohl sein, als auf dem Markte, wo die laute Schlacht um Hasenfelle tobte: Und ihr Gatte, Manes Herrleben, war vollends ein Mann, welcher den Dingen von dieser Welt nur insofern zugetan war, als sie sich mit idealen Interessen vereinen ließen. Und die einzig mögliche Art solcher Vereinigung schien es ihm leider, wenn er guten alten Moldauer trank und dabei srommgelehrte Streitfragen erörterte, z. B. ob Gott, wenn er täglich eine Stunde mit dem Leviathane spiele, diesem Riesenfisch nicht auch zuweilen einen Schlag gebe oder doch mindestens einen Nasenstüber. Was er an Geschäften begann, mißglückte; das -väterliche Erbteil und die Mitgift der Miriam waren schier erschöpft, das Hauswesen sank und barst in sich zusammen, und immer frecher guckte die häßliche Not.durch die halbzerbrochene Türe. Manes sah dumpf und .stumpf zu; auch Miriam legte die Hände in den Schoß und brütete so tatlos dem Elend entgegen. Es war damals dunkel in dieser armen Seele, sehr dunkel. Sie war ihrem Gatten nach ihrer Eltern Wunsch angetrant worden, aber nun haßte sie den Schwächling, der sein Gut nicht zusammenzühalten vermocht und seinen Trost in der Weinflasche suchte und in mystischen Grübeleien. O, wie sie ihn haßte! es war die einzige Empfindung, deren noch ihre müdgemarterte Seele fähig war, und sie berauschte sich in dieser Empfindung. Ihr einziger Trost war noch, daß die Ehe kinderlos geblieben, und wie sonst wohl ein jüdisch Weib täglich nach der demütigen Stelle des Morgengebets: „Ich danke Dir, mein Herr und Gott, obwohl Du mich nach Deinem Willen als Weib erschaffen" hinzufügt: „und flehe zu Dir, auf daß ich den Zweck erfülle, zu dem Du mich geschaffen," hatte sich diese Unglückliche gewöhnt, zu sagen: „und danke Dir, daß Du meinen Schoß verschlossen und flehe Dich um diese Gnade an für alle Tage meines Lebens! . . ." Aber dieses Gebet ward nicht erhört. Nach zehnjähriger Ehe fühlte sich Miriam Mutter. Was sie dabei empfand, war wohl ein Unsägliches.' Tagelang saß sie ohne Laut und Regung, tagelang weigerte sie es, Speise und Trank zu sich zu nehmen. Das junge Leben zu gefährden — dieser freventliche Gedanke lag ihr sicherlich ferne. Denn nach mosaischer Satzung ist dies das gräßlichste Verbrechen, und darum keimt ein solcher Gedanke nicht im Hirne eines jüdischen Weibes selbst nicht der verworfensten. Aber sie war in grenzenloser Verzweiflung, so hoffnungslos, so zerbrochen! Die Verwandtschaft nahm sich der Aermsten an und sorgte, daß sie in ihrer schweren Stunde mindestens' des'Notwendigen nicht entbehre. Miriam gebar einen Knaben. - Als man ihr MM

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