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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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finden immer. Freunde und Gönner, die es sich zur- Ehre anrechnen, ihnendienen zu können..." „Wenn sie wollen, gnädige Frau, in der Tat, wenn sie wollen .. ." fuhr Agathe auf, „aber sie wollen nicht immer." „Trotzdem' waren Sie, Frau Steinfels, in den Privatgemächern meines Mannes, doch wohl um seine Hilfe......" „Ich folgte einer Aufforderung Ihres Mannes ..unterbrach Agathe in großer Erregung die Sprechende, „und um allen weiteren Angriffen die Spitze abzubrechen, erkläre ich Ihnen, daß-ich dieser Aufforderung allerdings Folge leistete, in der Hoffnung, Differenzen und Fatalitäten beilegen zu können, die zwischen den Herren ausgebrochen waren.. „Nun? Und mein Mann, der ja unverhohlen für Sie schwärmt, der Sie bewundert, von Ihrem Talent, von Ihrer Schönheit stets so begeistert war..." „Es ist überflüssig, gnädige Frau, mir zu wiederholen, was Ihr Mann, mir zu versichern, sich stets selbst Mühe gab," sagte sie mit kaltem Hohne; sie hatte sich gefaßt und schien bereit, die Ausfälle zu parieren. . . „Sie hatten also leichtes Spiel in diesem tete-L-teie, allein mit einem Manne, der um Ihre Gunst wirbt, Ihre Wünsche durchzusetzen..." „Es gelang mir nicht, ja noch mehr, ich kam gar nicht dazu, meine Wünsche vorzubringen, weil Ihr Gatte . .. doch wozu diese Auseinandersetzungen und Konfidenzen. Ich kann nicht glauben, daß Sie nur dazu hierher gekommen sind, um mir unangenehme Dinge zu sagen oder um solche zu hören; darf ich Sie also endlich bitten, mich mit dem eigentlichen Zweck Ihres Besuches bekanntzumachen?" Ein minutenlanges Stillschweigen trat ein. Frau Grosser schien das, was sie sagen wollte, nochmals zu überlegen, und Agathe suchte ihrer inneren Empörung Herr zu werden, den Schmerz und die Kränkung zu verwinden, den diese Frau ihr angetan, die sie mit einem Schlage hätte zerschmettern können, wenn sie ihr gesagt hätte, was zwischen ihrem Mann und ihr vorgefallen war... . Bah! Es verlohnte sich nicht der Mühe, vor dieser boshaften, kaltherzigen Kreatur sich seiner Tugend, seiner gewahrten Frauenehre - zu rühmen! Mochte sie denken, was immer. „Es ist eine Familienangelegenheit intimster Natur, die mich zu Ihnen führt. Sie kennen meine Schwester Louise, ein stilles, ernstes, bescheidenes Mädchen, auferzogen in den strengsten Grundsätzen von Sitte und Tugend, ohne Koketterie, ohne Leichtsinn, ohne übersprudelndes Temperament..." Es zog wie ein leiser Seufzer durch das Gemach, beide Frauen schauten unwillkürlich auf — aber der klagende Laut war wohl nur Täuschung —, keine von ihnen ahnte, daß nebenan auf der Schwelle der Tür Else hockte, in atemloser Angst dieses Gespräch belauschte, das Ausschluchzen namenlosen Jammers durch ihr an den Mund gepreßtes Taschentuch unterdrückend. Was würde sie hören? Wie in banger Todesqual wand sie sich näher zur Tür, nahe, ganz nahe, daß auch nicht ein Wort ihr verloren ginge. „Meine Schwester, früh verwaist, lebte in unserem Hause. Obwohl ihr großes Vermögen ihr jede Unabhängigkeit gewährte, ihr die Möglichkeit gab, jeden ihrer Wünsche zu befriedigen, war sie doch so einfach, schlicht, ohne jugendtollen Uebermut, ohne jedes sich .äußernde Interesse an den Männern, daß wir schon fürchteten, sie würde unvermählt bleiben..." . „Aber weshalb erzählen Sie das alles mir? Ich kenne ja Ihr Fräulein Schwester, ich bin .überzeugt, daß sie alle diese unschätzbaren Eigenschaften besitzt.- Sd): weiß auch, was Sie wohl andeuten wollen, daß andere junge Mädchen gerade im Gegenteil oft phantastisch, romantisch, voller Mädchenlaünen und Träumereien sind..." Wieder jener leise hinschwebende Ton. „Von einem solchen Mädchen wollte, ich Ihnen erzählen. Es ist Ihre Schwester Else." „Else?!" entrang es sich Agathens Lippen angstvoll und verwundert. .. „Seit einigen Wochen hat sich im Wesen meiner Schwester eine Aenderung vollzogen. Sie ist lebhaft, angeregt, sogar schwärmerisch und vor einigen Tagen machte sie mir die Mitteilung, daß sie sich für einen Mann interessiere, und.daß dieser Mann auch um ihre Liebe werbe . .." „Das ist ja sehr erfreulich!- Meinen Glückwunsch, Frau Grosser," antwortete Agathe die noch immer nicht ahnte,. wo das hinaus sollte, etwas zerstreut .. . - „Aber Sie sprachen vorhin von Else, was hat die Nachricht von der bevorstehenden Verlobung Ihrer Schwester mit der meinigen zu tun?" Drinnen preßte das lauschende junge Mädchen den Kopf fest an den Türpfosten... In fieberhafter Erregung war es der Unterredung gefolgt. Es schien, als setze das Herz seine Schläge aus, jeder Nerv war angespannt bis zum Zerspringen. In der zusammengeschnürten Kehle erstarb jeder Laut, auf den heißen, trockenen Lippen war der Seufzer erstarrtdie großen, tränenumflorten Augen waren weit aufgerissen, die Hände krallten sich förmlich in den Falten der zur Seite geschobenen Portiere fest .. . sie bot das Bild einer in Angst und Furcht vergehenden Lauscherin . . . was würde nun kommen? „Der künftige Bräutigam Louisens ist auch Ihnen gut bekannt und vielleicht noch besser... Fräulein Else! Es ist Herr Doktor Saulmann." Ein leichter Aufschrei nebenan, der aber ungehört verhallte, weil Agathe in höchster Erregung aufgesprungen war und Frau Grosser förmlich drohend anfuhr: „Was hat das mit meiner Schwester zu tun?" Sie empfand nicht, daß ihrer Empörung der Schmerz beigemischt war, daß das häßliche, 'anmutlose,.unangenehme Mädchen den Mann erlangen konnte, für den ihre geliebte, graziöse, liebreizende Elsa einmal geschwärmt hatte. Die junge Träumerin! Pfui das abscheuliche Geld! Aber sie vermochte nicht, sich länger zu beherrschen. „Ich habe nachsichtig die Beleidigungen hingenommen, die Sie gegen mich glaubten anwenden zu dürfen; meine Schwester, dieses reine, holde Geschöpf, werde ich vor Ihren Anspielungen zu schützen wissen. Noch einmal, wie kommt der Herr Doktor Saulmann zu der Ehre, mit dem Namen meiner Schwester zusammengenannt zu werden?"; „Sie sollen es sogleich erfahren — es ist mir ja selbst sehr peinlich... aber diese jungen Männer aus^.unserer Gesellschaft ... es ist einmal nicht anders, und glauben Sie mir, wenn die. Mädchen nur weniger entgegenkommend wären ... so manches Unglück würde vermieden..,, aber diese jungen Geschöpfe, sofort sind sie bereit, jede Freundlichkeit, jede Courmacherei ernst zu nehmen und dann!..." „Ich muß Sie bitten, zu Ende zu kommen!..." „An jenem Vormittage, aks Sie bei meinem Manne waren, Frau Steinsels, erfuhr ich durch Zufall, daß auf dem Schreibtisch Doktor Saülmanns ein Bild Ihres Fräulein Schwesters prange. .." Agathe zuckte zusammen. (Forschung folgt.)

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