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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
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ihres pietätvollen Buches mitgeteilter Satz sei hier wieder abgedruckt: „Wir find freilich nur Tropfen in dem uferlosen Strom der Weltgeschichte, dessen Quelle kein Auge geschaut und dessen Mündung kein Verstand zu ahnen vermag, der aber 'nach ewigen, unabänderlichen Gesetzen feinen Lauf nimmt, den keine Macht zu lenken und zu beschränken vermag. Aber /auch der Tropfen hat seine Bestimmung erfüllt, wenn er auch nur ein Sandkörnchen von der Stelle gewälzt oder . auch nur einen Keim befruchtet hat. Daß es aber auch dein kleinsten Tropfen gegeben ist, in sich Himmel und Erde und die ganze große Weltordnung zu spiegeln, das ist sein Glück und sein Vorzug, dessen er sich erfreuen mag, bis er sich aufköfend im Aether verschwindet." Speziell über das Judentum hat sich Cohn selbst geäußert. Er schildert in dem von ihm herrührenden kurzen Anhang einer Selbstbiographie jüdische Feste und Gebräuche, an denen er selbst teilnahm, mit gerührter Empfindung. Das poetische Gefühl, das so lebhaft in ihm entwickelt war, und ihm zu manchem gedankentiefen und formvollendetem Vers verhalf, spornte ihn an, diese Jugenderinnerungen, in denen seine Eltern und Großeltern eine Rolle spielten, zu erhalten und zu verklären. Ein denkender Mensch, ein Mann der Wissenschaft aber kommt mit Pietät allein nicht aus. Auch Cohn gehörte , zu denen, die auf dem Standpunkt geschichtlicher Entwicklung stehend, wohl erkannten, daß das Alte wohl zu konservieren, aber mit neuen Ideen, moderner Bildung und freier Forschung vereinbar sei. Die alten Breslauer, die Generation, die 1840 mitmachte, alt genug, um den Geist der Zeit zu ahnen und noch jung genug, um sich von dem Vertrauten, Liebgewordenen ohne zu großen Schmerz entfernen zu können, gingen auf Abraham Geigers Ideen ein, den sie sich als Führer gewählt -hatten, wenn sie auch nach einem Vierteljahrhundert ziemlich leicht in andere Bahnen einlenkten. Ferdinand Cohn gehörte zu ihrer Zahl. Dies darf man als Tatsache annehmen, wenn auch Geigers Name in der Auswahl der Briefe und Tagebuchnotizen, denen wir in unserm Buche begegnen, nicht vorkommt. Aber gelegentliche Notizen beweisen, daß Cohn in dem (von Geiger begründeten und geleiteten) „Lehr- und Leseverein" verkehrte, dort einen Vortrag hielt, den der Vater drucken lassen wollte oder drucken ließ. Noch ein anderes Zeugnis kann beigebracht werden. Als Geiger 1857 sein 25jähriges Rabbinerjubiläum feierte, eins der glänzendsten derartigen Feste der deutschen Judenheit, wurde ihm ein Album überreicht, mit poetischen und prosaischen Beiträgen seiner Verehrer und Freunde. Unter diesen befand sich auch Cohn. Sein Beitrag, ein Sonett, mag hier folgen, nicht bloß weil es Zeugnis von seiner dichterischen Begabung ablegt, sondern weil es trotz allen Verzichts auf theologische Erörterungen seine Uebereinstimmung mit Geigers Bestrebungen deutlich genug kundgibt: So lang das Vorurteil noch mit dem Wahren, Das Neue noch im Kampf liegt mit dem Alten, So lang bedarf es Männer, die erfahren Im Niederreißen, wie im Neugestalten. So streitest Du seit fünfundzwanzig Jahren, Wo mancher schon den Eifer ließ erkalten, Dü ließest niemals Mut und Hoffnung fahren. Denn endlich muß das Recht doch Recht behalten. . Und dankbar wird die Zukunft Dein gedenken. Mit kühnem Beilhieb wußtest Du zu fällen, , Gestrüpp und Unkraut, die vom Boden schießen; Doch auch die Pflugschar wußtest du zu lenken, Mit rüstger Hand den Acker zu bestellen, Aus dem der Zukunft schöne Saaten sprießen. Ein Mann dieser Artift toett, bci& feitt ^tlbcn^ett:^ee^tt: werde, er soll zur Nacheiferung anspornen. Gerade zu einer Zeit, da die Fahnenflucht von manchen als Sport betrieben, und da anderseits die bedenkliche Lehre vorgetragen wird, die Juden seien ein von den übrigen europäischen Nationen unterschiedenes Volk, welches die Aufgabe hätte, diesen nationalen Gedanken einseitig auszubilden, Kränkungen und Zurücksetzungen durch enges Zusammenschließen zu einer neuzubegründenden Volksgemeinschaft, durch Loslösung. von dem fruchtbaren Nährboden europäischer Kultur und Gesittung zu erwidern, sei dieses heroische Beispiel zur Lehre und Nachahmung vorgeführt. Denn es lehrt, daß es dem Juden, wenn er sein Ziel nur treu und unverrückbar vor Augen behält, doch gelingt, den Erfolg zu erringen und so das Höchste zu erreichen, das dem Erdgeborenen möglich ist, ein wackerer Sohn seiner Glaubensgemeinschaft, ein anerkannter Genosse des Volkes, dem er seine Sprache, seine geistige Individualität schuldig ist, und ein voller, ganzer, sittlich reiner Mensch. L.G. Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. XVII. /I ls Agathe die Entreetür öffnete, sah sie zu ihrer höchsten Verwunderung Frau Grosser vor sich. Sie war im ersten Moment so verdutzt, daß sie vor ihr stehen blieb, ohne sie zum Nähertreten aufzufordern, so daß diese sagte: „Ich störe Sie hoffentlich nicht, gnädige Frau, und darf wohl darum bitten, daß Sie mir eine Unterredung gewähren?!" „Bitte!" Agathe machte eine Handbewegung, die sie einlud, hereinzukommen. „Was ich Ihnen zu sagen habe, ist vertraulich und verträgt keine Zeugen." „Wir sind ganz allein in der Wohnung!" Drin im Zimmer hielt Else den Atem an, um nicht bemerkt zu werden. „Ich hatte schon längere Zeit nicht das Vergnügen, Sie bei mir zu begrüßen und deshalb suchte ich Sie auf..." „Sie wissen, Frau Grosser ... oder sollten Ihnen die Vorgänge im Geschäfte Ihres Herrn Gemahls nicht bekannt sein?" „Nicht ganz! Ich gehöre nicht zu den Frauen, die die Männer mit ihrem Vertrauen beehren ... aber vielleicht erzählen Sie mir davon," antwortete sie mit kaltem Hohne. „Und ich, obwohl, oder gerade weil ich dieses Vertrauens teilhastig werde, habe nicht das Recht, Ihnen Mitteilungen von Dingen zu machen, die Ihr Gatte gut findet. Ihnen zu verschweigen..." „Das glaube ich! Es wird sich wohl nicht gut erzählen lassen, was für Geheimnisse Sie und er miteinander ..." „Frau Grosser," fiel ihr Agathe, deren Stolz sich regte, ins Wort: „Frau Grosser, das Gastrecht schützt Sie vor einer angemessenen Zurechtweisung. Sollten Sie hierhergekommen sein, um mich in dem Kummer und den Sorgen, die mich augenblicklich drücken, zu verletzen, dann müßte ich Sie bitten..." „O, ich habe Ihnen noch mancherlei zu sagen, ehe ich fertig bin. Uebrigens Ihr Kummer und Ihre Sorgen werden vergehen, schöne und interessante Frauen, wie Sie es find.

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