Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · p. Seite 523

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 523 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228897--65967-3278122
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bakteriologie: „Er zeigte zuerst die' Verwandtschaft der Bakterien zu den Schwingfäden unddamit zu den Pflanzen.; Er verwies, daß hier die zoologisch-botanischen Begriffe von Art und Gattung ebenso anwendbar seien wie überall sonst im Reiche des Lebenden, er schloß daran die Widerlegung der letzten durch Scheinversuche gestützten Angaben über die Möglichkeit einer Urzeugung^ Zu diesem Zwecke mußte er sterilisierte Nährböden schaffen; mit diesen aber hat er das erste Grundprinzip der Modernen Bakterienmethode, der modernen Asepfe in die Praxis übergeführt. Als erster fand und beschrieb er eine Menge neuer, interessanter' und wichtiger Bakterienarten und gruppierte sie mit den 'schon bekannten in ein übersichtliches . System von praktisch-leichter- Anwendbarkeit, das in seinen Hauptzügen auch heute noch besteht. Auch das soll nicht vergessen werden, daß er die verwirrende Vakterienterminologie, welche sich damals unter den Händen von Männern bildete, welche die Regeln der wissenschaftlichen Namengebung nicht kannten oder gering achteten, durch eine streng korrekte ersetzte- und auch hierdurch einer praktischen Anwendung der neuen Wissenschaft die Wege ebnete." Handelt es sich in dem Vorstehenden, wobei ich mich natürlich der Darstellung oft auch der Worte eines Botanikers .bediente, um Arbeiten und Forschungen, die ausschließlich für Fachgenossen bestimmt waren, so muß ferner hervorgehoben werden, daß der Gelehrte auch das große Talent und den redlichen Willen hatte, als Schriftsteller und Redner vor einem großen Publikum aufzutreten. Er war, obgleich ihm die äußeren Mittel fehlten, ein wirkungsvoller Redner, ein seiner, glänzender Stilist. Gebildet an den ausgezeichnetsten Vorbildern, in stetem Verkehr mit den erlauchten Geistern der Vorzeit, unter denen er Goethe einen besonderen Kultus weihte, selbst poetisch beanlagt, erachtete er als einen Teil seiner Mission, die Resultate seiner Forschung in wohlausgeglätteter Form vor- - zutragen. Sem größtes Werk „Die Pflanze" (zuerst 1883, 2. Auflage, Breslau 1895) ist, wie ein Buch hervorragenden wissenschaftlichen Werts, so ein Lesebuch bedeutsamer Art. Etwas von dem abgeglätteten, ruhigen Goethischen Wesen — 'und gerade Goethes botanische Forschungen und Arbeiten waren es, die zuerst in Cohn einen verständnisvollen Beurteiler und Darsteller fanden — scheint aus dieser Schrift, wie aus dem . ganzen Menschen zu sprechen. Ueberblickt man dieses „wohlgeführte" Leben, „still ein Kreis von Mäßigungen," wie Goethe über Wieland sich ausdrückte, so wird nmncher aus dem Leserkreise eines jüdischen Blattes fragen: „wie stellte der Mann sich zum Judentum?" Die Antwort ist leicht: Er stellte sich, wie der moderne, gebildete, pietätsvolle Mensch dies tut. Sein Name und sein 'Aussehen waren so prononziert, - daß er schon aus diesen 'äußeren Gründen — die Aenderung seines Namens hätte ihm eine Entheiligung gedünkt — bei seinem väterlichen Glauben verharren mußte. Aber das Verbleiben hatte nicht nur solch äußerliche Gründet Es entstammte dem Bewußtsein, mit der großen Gemeinschaft, der er durch den Zufall der Geburt angehörte, auch innerlich geeint zu sein. Geeint nicht durch Gläubigkeit, noch weniger durch Volks- oder Rassenverwanvtschast, sondern durch historische Erinnerungen und "das Gefühl der Pflichtmäßigen Zusammengehörigkeit. In den biographischen Mitteilungen der Frau, die; dieser ' Skizze zugrunde liegen, kommt das Wort Jude nicht vor. 'Auch von des.Geschilderten Stellung zur Religion, von seinem Standpunkt innerhalb des Kreises, dem er entstammte, ist 'Wenig die Rede. Nur einmal wird folgende Stelle mitgeteilt, die des'Gelehrten Verhältnis zur Bibel illustriert. Sie läutet: „Als historisches Dokument und als Quelle der Erkenntnis 'war sie auch für ihu stets 'Las Büch her Bücher/und er übertrug selbstmit Vorliebe Stellen, die von der Vergänglichkeit 'des Irdischen handelten und das Ewige, Unbeschreibliche ahnen lassen." - Für den Außenstehendest. der in das Innenleben dieses trefflichen Mannes, wenn er ihn auch Persönlich kannte und verehrte, zu wenig eingeweiht war, ist es schwer,' ja geradezu unmöglich, sich ein vollständiges Bild davon zu entwerfen. '. '' Nur soviel läßt sich feststellen: Ein Naturforscher braucht kein' Gottesleugner zu sein; selbst -unter Physiologen gab $8 fromme Leute, selbst solche, die regelmäßig die Messe besuchten. Gerade der Botaniker, zumal der poetisch Begabte/der üm unmittelbaren Verkehr mit der Natur und ihrer staunenswerten Ordnung und Harmonie lebt, kommt leicht zu religiöser Stimmung, der freilich^ vom Dogmatischen fern/ eine Neigung zpm Pantheistischen beibemischt sein kann. Cohn gehörte zu den bescheidenen Naturforschern, die, weit entfernt von dem Anspruch, alles zu wissen und zu entscheiden, sich der Grenzen ihrer Erfahrung und Forschung wohl bewußt waren. / In seinem Hauptwerk „Die Pflanze" spricht er sich darübep mit aller wünschenswerten Deutlichkeit aus: ' An einer Stelle heißt es: „Wir besitzen für das Rätsel des Lebens erst die Hälfte der Lösung: wir haben m den letzten fünfzig Jahren einen tieferen Einblick gewonnen in seinen Mechanismus, in die physikalischen und chemischen Kräfte, die denselben bewegen; aber es treten uns in den lebenden Organismen Triebkräfte entgegen, die zwar aüch mechanischer Natur seinmüssen, da sie Körperliches ist Bewegung fetzen, die wir aber in Komponenten bekannter * Atom- und Molekulkräfte nicht zerlegen können. Die- Kluft, welche Leben und Tod, Organisches und Unorganisches'auseinander hält, hat sich nicht geschlossen; alle bisher gemachtest Versuche, dieselbe durch Hypothesen zu überbrückest/versprechen weder Tragfähigkeit noch Dauer. Das Problest des Lebens läßt sich in seiner ganzen Tiefe nur'i-m Zusammenhang mit dem großen WeltproLlenr- „ev -/.cd T:av" erschöpfen. Die Naturwissenschaft- 'muß sich bescheiden, daß erst die Zukunft den verheißenden - weisen Richter bringen wird, der, besser informiert als wir, auf-die Fragen von Leben die volle Antwort geben kann." - An einer anderen Stelle führt'er folgendes aus/st. ■_ . lieber das innere Wesen dieser durch Vererbung von einer Gesteration zur anderen sich übertragenden Energie sind wir noch völlig im Dunkel; ob wir dieselbe mit Aristoteles als Psyche, oder wie sonst bezeichnen wollen, ist gleichgültig. Daß das Prinzip des Lebens sich dereinst in eine besondere-Kombiüätidn der allgemeinen chemischen und physikalischen Naturkräftewird auflösen lassen, ist wahrscheinlich- und für alledie-vom der Allgemeingültigkeit des Prinzips, von der ErhältüNg-Der Energie überzeugt siüd, gewiß; aber solange der Satz' noch gilt: „omne vivum e vivo" — und er steht heute UNerschütterter da, als je — solange es unmöglich ist, einen töten Körper durch irgendwelche Kraftübertragung künstlich-zu beleben, solange die Welt der Organismen, sich als eine unendliche Reihe darstellt, die von Geschlecht zu Geschlecht sich fo'rtpflänzl, die aber keinen Anfang hat, da wir keinen anderen Ursprung des Lebens kennen, als den der Fortpflanzung von einem Lebenden — so lange muß die Exakte Wissenschaft zugestehen, daß ihr ebenso der. Ursprung wie das eigentliche Wesen des Lebens noch unbekannt sind. Auch die: Wissenschaft darf keinen Wechsel diskontieren, bei dem der Verfalltag nicht angegeben werden kann." Und auch ein anderer, von dem Schriftsteller niedergeschriebener, von der Witwe aufbewahrter und am Ende

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.