Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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^Willen und von der Verantwortung wollte Lombroso nicht gehen. Der Typus des uomo deliquente, den er festgestellt, ist ..aber wieder von der zünftigen Wissenschaft anerkannt, die Ergebnisse seiner langjährigen gewissenhaften Untersuchungen, niedergelegt in seinen Schriften über den „Verbrecher in anthropologischer, medizinischer und juristischer Beziehung", über den „Politischen Verbrecher" usw., dargestellt in dem von Lombroso begründeten kriminal-anthropologischen Museum in Turin, haben der Rechtswissenschaft, der praktischen Rechtsprechung und der Medizin die wertvollsten Anregungen gegeben. Es wäre erstaunlich gewesen, wenn der Forscher, der allen Entartungserscheinungen seine volle Aufmerksamkeit widmete, achtlos am Antisemitismus vorbeigegangen wäre. In. seiner Schrift „Der Antisemitismus und die Juden" behandelt er diese moderne Krankheitserscheinung mit der vollen Objektivität des Forschers, mit der ganzen mitleidig Hilfsbereiten Teilnahme des Arztes. Und diese warmherzige Menschenliebe kennzeichnet das ganze Leben des bescheidenen unermüdlich schaffenseifrigen Gelehrten, der denn auch in Turin, in ganz Italien Gegenstand hoher Verehrung war. Er war ein klassischer Zeuge für das Wort jenes großen Wiener Professors der Medizin, der da sagte, nur ein guter Mensch, könne ein guter Arzt sein. Turin hat den hervorragendsten akademischen Lehrer, die Wissenschaft hat einen verdienstvollen Förderer und Mehrer verloren — uns war er mehr! Lur Lrimieruns sn Ferdinand Cohn." weimal habe ich in jüngster Zeit Gelegenheit gehabt, Ferdinand Cohns zu gedenken. Als ich im Frühjahr dieses Jahres mit dem Abschlüsse einer großen Goethe- Biographie beschäftigt, zu dem für Literarhistoriker schwierigen und peinlichen Abschnitte: Goethe als Naturforscher, kam, las ich aufs neue Cohns feinsinnige Arbeit: „Goethe als Botaniker", und hatte wie schon früher den größten Genuß davon. Als - ich dann im Herbst die Biographie meines Vaters schrieb, nahm ich in sie eine der letzten Aeußerungen Abraham Geigers aus (8. Oktober 1874), die er nach der Lektüre von Cohns Aufsatz im ersten Hefte der „Deutschen Rundschau" getan hatte: „Bei dieser wie bei allen Arbeiten Cohns orientieren der weite übersichtliche Blick und die Durchsichtigkeit der Darstellung ebenso belehrend wie angenehm anregend, zugleich erhebt die wissenschaftliche Weihe, die das Ganze durchhaucht." Wenn auch schon mehrere Jahre seit dem Hinscheiden Cohns vergangen sind, so darf wohl seine Erinnerung erneut werden, auch ohne daß eine besondere Veranlassung dazu vorliegt.. An solch ausgezeichneten Männern, wie er einer war, ein hervorragender Vertreter seiner Wistenschaft, ebenso wie ein ausgezeichneter Mensch, haben wir keinen großen Ueberfluß. Das folgende Erinnerungsblatt diene nur dazu, das Andenken an ihn aufzufrischen. Geboren als Sohn eines unbegüterten jüdischen Kaufmanns, gestorben als Ehrenbürger, Geheimer Regierungsrat und ordentlicher Professor der Universität Breslau — in diesen kurzen Worten drängt sich der Gegensatz und teilweise der Inhalt des Lebens eines Mannes zusammen, der ein wackrer Diener der Wissenschaft zeitlebens war, als ihre Zierde geehrt wurde und als treuer Sohn seiner Glaubensgemeinde lebte und starb. i) Ferdinand Cohn. Blätter der Erinnerung, zusammengestellt von seiner Gattin Pauline Cohn. Mit Beiträgen von-Prof. F. Rosen. Breslau 1901. I. A. Korns Verlag. Ferdinand Cohn wurde am 24. Januar 1828 in Breslau geboren. Seine Familie stammte aus dem schlesischen Städtchen Dyhrenfurth; sein Vater, dev bei der Geburb seines ältesten Sohnes 22 Jahre alt war, kam,- nachdem er in Räwitsch seinen ersten Unterricht erhalten Hatte, mit feinen Eltern schon ziemlich früh nach Breslau. Dort trieben die Großeltern ihr.Geschäft: der Großvater eine Lotteriekollekte, die Großmutter in einer Bude am Markt einen kleinen Kattunhandel; sie. lehrten den Enkel auch die Poesie des jüdischen Familienlebens, den Zauber der Feste kennen, die. dieser anmutig beschreibt, wenn er auch bei seiner Schilderung des „Schalet" als „eines Pudding, ähnlich dem englischen apple-pie, gefüllt.mib Aepfeln und Rosinen" eine bedenkliche Verwechslung mit „Kugel" eintreten läßt. Der Vater begann einen Handel mit Rüböl; ich erinnere mich aus meiner Breslauer Kinderzeit, daß man diesen Zweig der zahlreichen Cohns, zur Unterscheidung von den anderen, Oel-Cohn benannte, häufig mit einem etwas despektierlichen Zusatz. - .... ..... Ferdinand war ein frühreifes Kind, kein Musterschüler, woran er schon durch sein schlechtes Gehör gehindert wurde, poetisch veranlagt, ideal gestimmt. Noch nicht 17jährig, machiEe er sein Abiturientenexamen. In seiner Vita, die er zu diesem Zwecke einreichte, hieß es: „Mannigfache Hemmungen stehen mir bei der Wahl eines bestimmten Lebensziels entgegen. DaZ Gesetz und mein Glaube verhindern mich, mich, den Rechtswissenschaften, zu widmen oder dem Staate als Lehrer oder Beamter zu ergeben; ein schweres Gehör verbietet mir, als Arzh einen nützlichen Wirkungskreis zu erhoffen. So habe ich mich denn entschlossen, mich der philosophischen Fakultät zuzuwenden, um mir wenigstens die Geistesausbildung .zu erwerben, -die das edle Ziel aller Wissenschaften sein soll. Vielleicht bricht auch über Unser Vaterland das schöne Morgenrot einer allgemeinen Freiheit und Gleichheit heran und es ist mir dann vergönnt, von einer Hochschule herab auf hie Gemüter der Jugend nützlich einzuwirken — einer..der wärmsten Wünsche meines Herzens wäre dann in Erfüllung gegangen!" Cohn wandte sich dem Studium der Botanik zu. Seine Studien in Breslau, abzuschließen,, wo er.sie begonnen hatte, war nicht möglich, weil damals den Juden verboten war, in Breslau den Doktorgrad zu erwerben; ein Verbot, das trotz mehrfacher Eingaben der Studierenden und der Universitätslehrer nicht aufgehoben wurde. Daher ging er nach Berlin, wo er sein Examen bestand und auch nach, erfolgter Prüsuyg (11. August 1847) sich noch einige Zeit aüfhielt. Der.junge Doktor lebte eifrig seinen Studien, wurde von seinen Lehrern: Mitscherlich, Kunth u. a. sehr geschätzt, behielt aber auch Zeit zur Pflege froher Geselligkeit und wendete sich mit. großem Interesse der Politik zu. Er beteiligte sich selbst an den Straßenkämpsen der Märztage 1848, schrieb triumphierend, an die Seinen „das Volk hat überall gesiegt", bekannte/aber 50 Jahre später, er habe „die Märztage - mit -dem ganzen enthusiastischen Idealismus politischer Unreife durchlebt, in her damals nicht bloß die Jugend, sondern unser ganzes Volk, sich befand." - V; Das Politische Interesse blieb auch in der nächsten Zeit, - in welcher der junge Gelehrte wieder in Breslau, im engsten Verkehr mit den Seinen weilte,-in der Vaterstadt,^ die, große . Sommerreisen, Frühjahrsausfluge und Expeditionen zu wiffenschastlichen Kongressen abgerechnet eigentliche Forschungsreisen unternahm er so gut wie gar nicht '—, sein ständiger Aufenthalt war und blieb. Nun trat sehr bald politische Ernüchterung ein, die später zu einem gemäßigten Interesse, nie zu vollständiger TeilnahMosiMb. führte/.''unter-den jüngeren Männern, die sich M Redneru Md Dichter M'^ölMschen