Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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8ä6 Lrlarr Lomhrolo. | Von I. Landau-Berlin.?^^urch unsere gesamte Kulturwelt geht ein Klageruf — Cesare Lombroso, der hervorragende Naturforscher und Arzt, ist mitten aus dem fruchtbarsten Schaffen von einem jähen Tode hinweggerafft worden. Wohl hat die Allgemeinheit Recht- und. Grund, zu klagen, denn Lombroso war nicht etwa bloß ein hervorragender Gelehrter, der den Schah des vorhandenen Wissens sich zu eigen macht und beherrscht, er war ein Mehrer seiner Wissenschaft. Er hat unsere-Naturerkenntnis erheblich-bereichert und insbesondere unser Wissen vom Menschen, vom Menschenleben und Wirken wesentlich vermehrt. Ein fruchtbarer Forscher war Lombroso für die Allgemeinheit, uns war er mehr! — Die stolze aber auch wehmütige Erinnerung an eine Blütezeit jüdischer Wissenschaft und Poesie in Italien wird wieder fti uns wach bei der Kunde von dem Entschlafen Lombrosos, eines, der letzten Ausläufer, eines würdigen Erben jener Epoche. Wir gedenken her jüdischen hohen Schule zu Padua, die ihre gelehrten und erleuchteten Zöglinge in die weite Welt sandte, in der sie lehrend, apfklärend, predigend sich betätigten. Wir gedenken der Dichter- und Forscher-Dynastie der Luzatto, die in. ihren .Hebräischen,: italienischen Schriften bleibende Werte an Poesie und Erkenntnis uns gaben. Wir blicken zurück auf die Zeit, da windverwehte Keime vom Baume jüdischer Gelehrsamkeit, aus Spanien und Portugal nach Italien gelangt, hier Wurzel faßten und goldene Früchte trugen. Man braucht sich Nicht' mit ' Simchowitz, dem eifervollen und jedenfalls aufrichtig gläubigen Züricher Dante-Forscher, bis zur kühnen Behauptung zu versteigen, daß Dante ein Jude war, um doch eine. Genugtuung zu empfinden, über die Bedeutung, die vormals den Juden in der Dichter- und Gelehrten-Republik Italiens zukam. War doch auch ein Ahnherr des nun dahingegangenen Cesare Lombroso, war doch auch Za c ö b L o m b r o s o, gleich seinem Spätenkel Cesare ein Arzt, in Venedig als Dichter und Forscher zu Anfang des' siebzehnten Jahrhunderts in hohem Ansehen. Seine Bibelerläüterungen finden heute noch Interesse, und Jacob Lombrosos herzhaft-kraftvolle Jübenschutzschrift, eine Streitschrift gegen Hugo Grotius, verdiente auch in unseren Tagen noch Beachtung. - .... Die. Medizin . war von jeher, insbesondere schon in arabisch-spanischen Zeiten, für die Juden die Eingangspforte in die Welt der Wissenschaften. Die Medizin'war ihnen nicht letztes Ziel für ihren Weg, nicht einmal Stätte langen Rastens, aber eine''-wichtige Durchgangsstation. Maimonides gelängte durch die exakten Methoden naturwissenschaftlich medizinischer Schulung zur Philosophie, wie Abarbanell, der jüdischportugiesische Staatsmann, seinen Weg in die Ergründung des Staatskörpers über , ein Studium des Menschenkörpers nahm, sind wie einst Jacob; Lombroso in Venedig. vielbeschäftigter,, vielverehrter Arzt war, ohne in der Medizin die Grenzen seines geistigen Bereiches anzuerkeunen, so hat Cesare Lombroso auch .in unserer Zeit, da das Gebiet der medizinischen Wissenschaft ein-so-ausgedehntes ist, von diesem Gebiet aus seine siegreichen'Eroberungszüge in die Nächbarprovinzen der allgemeinen Anthropologie und Biologie, der Kriminalistik, selbst dev-Philosophie und zuletzt '-auch des Okkultismus unter-. nvwmem - Atavistische Züge ' überall, und eine atavistische: Regung ist just in Lombrosos späteren Zuneigung zum Spiritismus zu erkennen. Waren doch geheimwissenschaftliche. kabalrstische Studien lange eine Lieblingsdomäne der jüdischen Gelehrten in Italien. Atavistische Erscheinungen weist sein ganzer Entwicklungsgang auf. Die erste Liebe des späteren großen Naturforschers gehörte der Philologie, der vergleichenden Sprachforschung an, wobei er dem Studium des Hebräischen, Ehaldäischen besonderen Eifer widmete. Als er sich dann der Medizin, der Naturforschung zuwandte, gelangte er '1858. fast gleichzeitig mit Darwin, aber auf anderem Wege, zu ähnlichen Ergebnissen wie dieser. Rein sprachgeschichtlich verfolgte' Ä die Entwicklung der Nassen — in seinem ersten Buch „von weißen , und farbigen Menschen" — durch die Spracheigentümlichkeiten der Wilden bis zur Psychologie des Affen zurück. Cesare Lombroso, 1836 in Verona geboren, in edelster jüdischer Tradition erzogen, studierte Medizin an der Universität in Turin, deren Zierde und Stolz er später als. gefeierter akademischer Lehrer werden sollte. Nach einem kurzen Wirken als Professor der Psychiatrie und gerichtlichen Medizin in Pavia folgte er einem Rufe an die Turiner Universität, der er bis zuletzt angehörte. Lombroso hat nie die erste und wesentlichste praktische Aufgabe eines Mediziners aus dem Auge verloren, die: Kranke zu heilen, Leidenden zu helfen. Wie er aber als viel in Anspruch genommener und beliebter Arzt dem einzelnen sich widmete, so weihte er sich als Forscher in rastlosem Fleiße der Allgemeinheit. Ohne darüber das engste Gebiet der eigentlichen Heilkunde zu vernachlässigen, der er wichtige Forschungsergebnisse, z. B. über die Pellagra i) über Jrrenbehandlung usw. vermittelte, wandte er seine Haupttätigkeit einem Gebiete zu, das er so recht eigentlich erst urbar machte: dem engen Zusammenhänge zwischen Psychologie and Physiologie, diesem Zusammenhänge, den Lessing schon mit der Divinationsgabe des Poeten ahnte, fühlte, als er den Tempelherrn im Nathan bei Erwähnung seiner äußeren Ähnlichkeit mit dem Bruder Saladins sagen läßt: „Wie, und dem entspräche nichts in meiner Seele?" Die Entdeckungen Lombrosos auf diesem Gebiete waren zu überraschend, warfen zu viel alte Vorstellungen kühn über den Haufen, als daß sie nicht zunächst einer heftigen Gegnerschaft hätten begegnen sollen. Schon seine Feststellungen über den „genialen Menschen" und gewisse mögliche Zusammenhänge, Brücken zwischen Genie und Wahnsinn, von seichter Popularisierungssucht übertreibend vorgetragen, hatten sich starker Feindseligkeiten zu erwehren. Heute ist die von Lombroso festgestellte Lehre' von physiologischen Merkmalen, entwicklungstheoretischen Gesetzen beim Genie von der wissenschaftlichen Welt im wesentlichen anerkannt. Weit revolutionärer, aufrüttelnder wirkten Lombrosos Theorien über das Verbrechertum, über den. Typus des kriminellen Menschen. Wieder übertrieb und schadete der Popularisierüngseiser, der Lombrosos Forschungsergebnissen, Ergebnissen voraussetzuttgslofer Forschung, die Tendenz unterschob, es gebe überhaupt kein Verbrechen, sondern nur in verbrecherischen Taten sich äußernde physische Entartungs-Erscheinungen, es gebe überhaupt keine Verbrecher, sondern nur Kranke, und alle. Gefängnisse, alle Zuchthäuser müßten in Krankenhäuser umgewandelt werden. Nein, bis zur völligen Abschaffung des Begriffs vom bewußten, freien y Lange ehe die Bazillen-Forschung in Mode kam, entdeckte Lombroso die Ursache der verheerenden Pellagra, einer Art Aussatz, die bis zur Zerstörung des Gehirns sortschreitet, im verdorbenen Mais. Als er nun zur Vorsicht beim Mais, einem Hauptnahrungsmittel in Italien, mahnte, da lenkte er den Zorn der mächtigen Großgrundbesitzer, der Behörden und selbst breiter Volksschichten auf sich. Der gewissenhafte und menschenfreundliche Gelehrte müßte die ganze Tragik des Stockmann-Schicksals empfinden — er war ganz uüb gar das Modell für Ibsens „Volksfeind".