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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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mehl? hat.' ‘ Wer darüber 1 trÄH im Zweifel war, 1 'fori konnte' durch das Programm der im vorigen Jahre gegründeten Vereinigung für das liberale Judentum belehrt werden, in dem-Bs heißt „M ^dapf kein^Gewicht auf die Jnnehaltung vereiltzL-er^ LärrschrifteN/ und Gebräuche-. und abgestorbener Sitten. gelegtwerden".: ' ■; V . Wir betonen endlich das Recht der Wissenschaft in Lehren und Unterricht; wir halten fest an der Forderung, daß die gesicherten Resultate der Föxfchüngbei der Unterweisung im Judentum berücksichtigt werden müssen. Wir erinnern uns, als vor Jahresfrist gegen diese Forderung Sturm gelaufen wurde, in der Presse Äeußerungen gelesen zu haben, die eine Präzisierung Unserer Stellung aufs neue gebieten. „Was heißt üb erlsimpt Wissenschaft?" fragte man, „was hat sie im Unterricht zu suchen?" „Was haben Wissenschaft und Religion nutz einander zu schaffen, was soll die Verbindung zweier unvereinbarer Gegensätze?" Ja, ein ganz in Finsternis befängener Kopf hat sich nicht gescheut auszurusen: „Es gibt gar -keine gesicherten Resultate der Wissenschaft, bei ihr ist alles Zweifel und Hypothese." Wir sehen davon ab, unsere Akademiker gegen diese herrliche Behauptung mobil zu machen; Mediziner- Physiker/ Chemiker, die täglich und stündlich mit festen Ergebnissen der Forschung zu rechnen haben, werden wissen, was von solchem Einspruch zu halten ist; Historiker, Philologen und Philosophen mögen ermessen, wie weit die seine Grenze zwischen objektivem Tatbestand und subjektiver Annahme in dieser plumpen Aeußerüng richtig wiedergegeben ist. Wirwollen auch, zugeben, daß die Bibelkritik aus pädagogischen" Gründen im großen und ganzen nicht in den Unterricht gehört: die Darlegung des religiösen Ideengehalts unserer heiligen Schriften ist unendlich wichtiger als umständliche Untersuchungen über ihre mutmaßlichen Verfasser oder über, die Zeit ihrer Entstehung. Aber soll beim Unterricht außer acht gelassen werden, daß das Weltbild des biblischen Gesichtskreises ein ganz anderes ist als das unserer heutigen wissenschaftlichen Er* kenntnis? Soll der. Religionslehrer tun, als wüßte er nichts von.Fernrohr und Mikroskop, von Dampf, und Elektrizität, von ,Technik und Naturgesetz? Soll er noch immer, sagen, daß dw,,Erde eine Scheibe, .der Himmel ein festes Gewölbe ist, daß . die Sonne sich um die. Erde dreht? Soll er sich lächerlich machen vor Schülern, die aus der Phhsikstunde kommen und eben an Experimenten die Zuverlässigkeit allgemeingültiger Lehpsätze erprobt haben? Soll er den Zwiespalt in die Kinderherzen tragen, oder soll er sie gar argwöhnisch machen gegen alles, was ihnen außerhalb des Religionsunterrichts an Kenntnis^n übermittelt wird? * Doch genug der Einzelheiten. Nicht darauf kommt es. schließlich an, wie sich der Lehrer zu dieser und jener Frage stellt, bei der Ueberlieferung und moderne Ueberzeugung gegen einander streiten, sondern um das Prinzip handelt es sich.- Sollen wir uns auf einen Weg drängen lassen, der uns den/ Goetheschen Spott einträgt : „Verachte nur Vernunft und Wiffenschast, des Menschen allerhöchste Kraft?" Sollen wir den.vielleicht bedeutsamsten Vorzug des Judentums preisgeben, der, „darin besteht, daß es Wissen und Glauben-stets in gleicher Weise zu seinem Recht hat kommen lassen? Sollen wir der Eigenart, unserer Religion untreu-werden, die dem Verstanfo gihst.,was des Verstandes ist,, aber dabei den Regungen des Gemüts in.'weitestem. Umfang Raum gewährt? jf( - -Wir Liheralen würden Uns degradieren, wollten-wir uns mft der, bescheidenen Anerkennung begnügen, daß wir mit dieser Betonung des. Rechtes der Wissenschaft auf dem Boden hes-iJudentums bleiben.. Das Judentum der Wissenschaft, das | wiffenschaftlich orientierte Judentum, so können wir stolz behaupten, ist das Judentum an sich, das einzig wahre Judentum. Machen wir einen 'Längsschnitt : durch die. Geschichten unserer Religion,. so sehen wir, daß schon, in den biblischen Zeiten das „Erkenne es heute und nimm es wohl zu Herzen" an allererster Stelle steht. Wir sehen dann, wie mit dem Einströmen griechischer Weisheit eine große geistige Bewegung beginnt, die die Verarbeitung der neuen Eindrücke, den Ausgleich der Tradition mit den fremden Lehren zuM Ziele hat. Nicht bloß die Alexandriner und Philo sind hierher zu rechnen, auch in Palästina hat man das Bedürfnis der Auseinandersetzung empfunden, und schon die letzten Bücher der Heiligest Schrift, geben Kunde davon. Die Lehrer des Talmud waren sicherlich, wenn wir von wenigen Mystischen Köpfen absehen, aufgeschlossene/ wissensfreundliche Männer, die nicht bloß Tatsachen aus allen möglichen Gebieten für ihre Untersuchungen heranzogen, sondern auch prinzipiell das Recht der Wissenschast vertraten. Statt vieler Belege nur eine einzige Aeußerung. „Wer den Kreislauf der' Planeten versteht und darüber weder nachdenkt noch rechnet, von dem gilt der Tadel: „Das Tun des Ewigen sehen sie nicht,- das Werk seiner Hände schauen sie nicht," lesen wir im Traktat Sabbat. Und was erquickt uns noch heute, wenn wir die Philosophen des Judentums studieren? Ist es nicht der Freimut, mit dem sie die Vernunft als Erkenntnisquelle neben die Offenbarung stellen, der große Grundsatz, dem sie alle ohne Ausnahme huldigen: was in der Ueberlieferung sich mit dem Denken nicht vereinigen läßt, muß umgedeutet werden?- So - können wir getrost an unserer Ueberzeugung festhalten: Der Liberalismus, der das Streben des menschlichen. Geistes nach Einheit verteidigt, macht sich zum Anwalt des wahren Judentums; er knüpft an die besten Vorbilder der Vergangenheit an <- und bereitet den Boden für die Zukunft.. Denn das sei zum Schluß noch einmal hervorgehoben: was uns den Mut zur Arbeit und die Kraft zum Handeln gibt, ist gewiß nicht das enge Partei-Interesse, sondern der Blick aufs Ganze. Bequemer wäre es, die Hände in den Schoß zu legen und die Dinge gehen zu lassen, wie sie gehen. Aber wir fühlen in uns etwas wie eine innere Nötigung, wir fühlen die Schuld, die auf uns lastet, wenn wir reden können und doch schweigen. Und darum tun wir unsere Pflicht zur Ehre. des Judentums, zur Ehre der Wahrheit, zur Ehre Gottes. Dir LAochr. Berlin, 26. Oktober. ^(n dem Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches, den zurzeit eine juristische Sachverständigen-Kommission ausarbeitet, soll unter anderem auch der bekannte 8 166 des Strafgesetzbuches, : der von Gotteslästerung und Beschimpfung der Religionsgesellschaften handelt, eine wesentliche Abänderung erfahren. Während bisher ganz allgemein öffentliche Gotteslästerungen oder öffentliche Beschimpfungen einer mit Korporationsrechten ausgestatteten Kirche oder Religionsgemeinschaft unter Strafe gestellt sind, stellt der von der genannten Kommission umgearbeitete Entwurf für die; Strafbarkeit derartiger Beschimpfungen noch das Erfordernis der „B ö s w illi g k.eit" auf. Ferner sind in dem bisherigest - Paragraphen 166 die Worte: „Einrichtungen und Gebräuche"/ " gestrichen, so daß, falls der Entwurf in dieser Fassung Gesetz :' werden sollte, „Einrichtungen und Gebräuche" einer anerkannten / Religionsgesellschaft einen Strafschuß gegen Verunglimpfungen

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