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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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73. Jahrgang. Nr. 44. Allgemeine Berlin, 29. Oktober 1909. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. -Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemenlr-Preir: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Chefredakteur r Ludwig Geiger. Begründet von Rabbiner De- Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen fär Redaktion und. Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/49, ju richten. Verlag von ««dolf rNoffe, Berlin. ®er Liberalismus im Judentum der Gegenwart.il. — Die Woche. — CesareLombroso. VonDr.J. Landau-Berlin. — Zur Erinnerung an Ferdinand Bohn. — Feuilleton: Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. —- Miriams Goje. Eine Skizze aus H'alb- Asien: Von Karl Emil Franzos. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindehoter. Beilage zur Allg. Zeitung des Judentums. Berlin, Wreschen, Hamburg, Neuwied, New York. — Von Nah und Fern. Der Liberalismus im Judentum der Gegenwart. II. Berlin, 26. Oktober. kommen zu unserer Auffassung von äußerer und I*/ innerer Religion oder zu unserer Stellung zu den Zeremonien. Sie haben für uns keinen absoluten Charakter, sie sind nicht Selbstzweck, sondern ihr Wert und ihre Bedeutung liegen in den Wirkungen, die sie auf unser Innenleben ausüben. Die Frömmigkeit des Herzens ist uns das Zentrum der Religion, alles andere gehört mehr in die Peripherie. Sitten, Gebräuche, Satzungen und Einrichtungen werden um so notwendiger und unentbehrlicher, je mehr sie dem religiösen Gefühl als Ausdrucks¬ und Anregungsmittel dienen; sie werden wertlos und überflüssig, wenn zwischen ihnen und dem Innenleben der Menschen gar keine Beziehungen mehr obwalten. Daß wir mit dieser Auffassung auf dem Boden des Judentums bleiben, ist für jeden Kundigen so selbstverständlich, daß es" schwer wird, aus der Fülle des Beweismaterials die packendsten und schlagendsten Argumente hervorzuholen. So wollen wir gar nicht davon sprechen, daß im Talmud bedeutende Autoritäten dafür eintreten, daß man den Gründen der Gesetze nachforsche, daß in den philosophischen Darstellungen des Judentums, die wir aus dem Mittelalter besitzen, die Untersuchungen über den Zweck der Gebote einen breiten Raum einnehmen; wir wollen ebensowenig hervorheben, daß man in unserer Mitte von jeher einer rabbinischen Oberbehörde das Recht zuerkannt hat, zu binden und zu lösen, aufzuheben und neu anzuordnen — diese Tatsachen allein würden bezeugen, daß man sich über den relativen Wert der Zeremonien nie im unklaren befunden hat. Aber wer hat nicht schon beim Lesen der heiligen Schrift gezittert unter der Wucht der Worte, mit denen Propheten und Psalmisten, Gottesmänner und Weisheitslehrer dem leeren Formendienst und der übertriebenen Werk- , Heiligkeit zu Leibe gehen! War es nicht Samuel — selber ein Priester —der ausrief: „Gehorsam ist besser als Opfer, Ausmerken beffer als das Fett der Widder"! Hat nicht Arnos gedonnert: „Eure Speisopfer mag ich nicht, und euren Dank an Mastkälbern; .sehe ich nichtan. - Fort von mir mit dem Lärm eurer Lieder, euer Harsenspiel will ich nicht hören! Es quelle aber wie Wasser das Recht empor, und Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach!" Verdanken wir nicht Hosea das herrliche Wort: „Liebe will ich und nicht Opfer, Gotteserkenntnis und nicht Brandopfer"! Und war nicht Micha vom göttlichem Geist beseelt, als er das Zwiegespräch dichtete: „Womit soll ich». dem Ewigen entgegenkommen, mich beugen, vor Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihm erscheinen, mit jährigen Kälbern, hat der Ewige Gefallen an Taufenden von: Widdern, an Myriaden Bächen Oels? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Sünde geben, meine Leibesfrucht als Sühne meiner Seele? — Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert: Recht tun, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gotte"! Ja, wer will im Rahmen eines kurzen Aufsatzes alle die biblischen Stellen aufzählen, die durch tiefe Einsicht in das- Wesen der Religion ausgezeichnet, geradezu als klassische Ur-' künden des Liberalismus gelten können! Wichtiger erscheint es,: aus der großen Anzahl hierher gehöriger talmudischer Sätze den einen und anderen herauszuheben, weil sie den Nachweis erbringen, daß man auch in den Zeiten gesteigerter? Gesetzesübung das richtige Verhältnis zwischen äußerer und innerer Religion nie aus dem Auge verloren hat. „Wohltätigkeit und Liebeserweisungen," heißt es im Traktat Bababatra, „sind soviel wert als alle Gebote zusammen." „Gott verlangt das Herz", ist ein ebenso bekannter Ausspruch wie der dem Sinne nach ähnliche, „daß die Gebote mit rnnetev Andacht vollzogen werden müssen". Und wer könnte an den Urteilen jenes Rabbi vorübergehen, der da sagt: „Gebet ist wichtiger als Opfer"; „aber stets prüfe sich der Mensch, ob er imstande ist, mit Herzensandacht zu beten; ist er es nicht imstande, so soll er nicht beten"! Wir kennen den Einwand, der von orthodoxer Seite immer erhoben wird, sobald die Diskussion auf diese alten Proteste gegen den übertriebenen Ritualismus kommt. Die Propheten, und Psalmisten, heißt es dann, haben nicht den Opferdienst an sich verworfen, sondern nur feinen Mißbrauch, vor allem das Nebeneinander von innerer Sündhaftigkeit und äußerem Wohlverhalten. Aber dieser Einwand rennt nur offene Türen ein. Denn nie und nimmer ist es dem Liberalismus in den Sinn gekommen, die Form für bedeutungslos zu erklären oder ihre Abschaffung zu verlangen — wenn das Gegenteil behauptet wird, so ist das ein unverzeihlicher Irrtum oder einA boshafte Unterstellung. Wogegen wir uns wenden, ' das ist einzig und allein der Mißbrauch, die einseitige Schätzung derßZeremonialfrömmigkeik, vor allem das starre Festhalten an solchen Formen,^ deren Grundgedanke mit dem religiösen Bewußtsein der Gegenwart auch rein gar keine Beziehungen

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