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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
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die Unterhandlung abzubrechen." Eine Blutwelle rötete sein sonst bleiches Gesicht und belebte die abgespannten Züge. „Sie haben, das liegt auf der Hand, selbst Schuld, daß das Unternehmen in die Brüche gegangen ist, weil Sie es nicht in den Geleisen erhalten haben, in denen es den früheren Besitzer zum reichen Manne machte." „Sie echauffieren sich wirklich ohne Grund." „Und dann, warum kam Ihnen, dem besonnenen Geschäftsmann denn so urplötzlich der Gedanke, in Rußland eine Filiale zu gründen, und den armen Mann von Weib und Kindern weg ins Exil zu schicken? . . ." Grosser zog die Augenlider langsam in die Höhe und sah seinen Widersacher nicht mehr erregt und betroffen, sondern wohlwollend an, als ob er ihn für den Gedankengang gewinnen wollte, der ihn augenblicklich beschäftigte. „Mein lieber Doktor, alles das, was geschehen ist, was wir heute verhandeln, wäre nicht geschehen, wäre überflüssig, wenn Frau Agathe ..." Er hatte sich zu einer unbesonnenen Andeutung hinreißen lassen. „Verstehe ich recht? O, das ist schändlich!" — „Wir sind Lebemänner ..." „Lebemänner! Gerade deshalb denkeich in diesem Augenblick mit Schrecken an das Unglück,, das Sie anrichten wollten. Wir Lebemänner . . . oder lieber, wir Männer, die das Leben richtig zu leben wissen, müssen soviel Ehre im Leibe haben, um einen Unterschied zu machen, den Unterschied, der das feste Band der Familie schont, der davor bewahrt, zerstörend in ein Menschenglück einzugreisen. Ihr Gewissen, Herr Grosser, hat einen weiten Riß bekommen, Sie schreiten aber darüber mit einem Hohn hinweg der mir unverständlich ist und mich empört . . Er war bei diesen Worten aufgesprungen und griff nach seinem Hut. In einein kurzen Augenblicke stand er an der Türe. Er drückte auf die Klinke, wendete sich aber noch einmal um und ries Grosser, der erstaunt über diese Wendung des Gesprächs dastand, zu: „Ich sagte Ihnen vorhin, daß die Wege der Presse offen liegen, die Werkstatt des privatlichen Lebens aber im tiefen Schatten, im Versteck. Heute bin ich um eine Erfahrung in meinem erfahrungsreichen Dasein reicher geworden, um eine traurige Erfahrung, wie die Scheinheiligkeit triumphiert und sich in ein Gift verwandelt,- das sich in das Leben des Volkes einfrißt und es zerstört. Adieu, Herr Grosser, ich habe meine Mission beendet. Sie haben Ihre Karten nnvorsichtigerweise zu früh aufgedeckt, das Spiel ist daher ein leichtes, und Sie werden der Verlierer sein!" Ein fester Druck auf die Klinke, und die Tür schloß sich hinter dem Davoneilenden. Grosser stand wie vernichtet da, blaß, die Züge schlaff, die Augen geschlossen. Der nur an höfliche Phrasen gewohnte, reiche Mann hatte zum erstenmal den Posaunenton der grollenden Moral vernommen. Er bemerkte nicht, was nur ihn vorging. Nach einigen Minuten wendete er sich der Türe zu, die zum Speisezimmer führte, erschrocken hemmte er seine Schritte. In dem Rahmen der Tür stand seine Frau, ihr Antlitz wie immer, hart, bleich. „Du hier?" keuchte er langsam hervor, „Du hast wohl gehorcht?" Ein verächtlicher Blick traf ihn: „Das wäre gegen ineine Grundsätze, und ich... ich habe Grundsätze! Das heftige Gespräch, die erhobene Stimme des Mannes, der Dich eben verließ, machte mich unruhig, lind ich trat ein, um zu erfahren, was vorging. Edmund, die Familie Steinfels ist ein Schattenbild in unserem Eheleben, mache ihm ein Ende, lösche es so schnell wie möglich aus, damit in unser Haus Ruhe einkehre!" „Ich werde diesen schwarzen Punkt wie mit einem feuchten Schwamm verwischen, er soll uns weiter nicht stören, verlaß Dich darauf!" Er streckte seine Gestalt empor, als ob er aus einem Traum erwacht wäre, und ergriff die Hand seiner Frau, die er küßte. Hell und leuchtend ruhte einer jener Frühlingstage voll Sonnenschein und Blütenduft, über der Stadt, wie sie der Lenz dem geschäftigen, nervösen, fieberhaft erregten Berlin manchmal spendet. Die Lust war von einem milden Atem erfüllt, alles strömte Freude und Glanz und Lebenslust aus. Agathe stand am geöffneten Fenster ihres Zimmers und blickte auf die Straße herab, wo spielende, jauchzende Kinder sich des herrlichen Tages freuten, wo die Menschen wie unter dem Einfluß eines warmen, kraftspendenden Hauches in strammer Haltung einherschritten, und alles wie in Sonnengold getaucht, schinunerte und leuchtete. Aber das Sinnen der jungen Frau war trübe; und schwer, und langsam stahl sich eine Träne aus ihrem Auge, als sie ihre Kinder, die sie mit dem Mädchen spazieren geschickt hatte, um die Ecke verschwinden sah. Sie erwartete die Rückkunft Elfes, die mittags fortgegangen war, angeblich, um etwas ’ zu besorgen. Es fiel ihr in diesem Augenblick ein, wie bleich und gedrückt und einsilbig die Schwester war. In den Sorgen und Kämpfen der letzten Zeit hatte sie den Veränderungen, die sich mit dem jungen Mädchen vollzogen hatten, keine Beachtung geschenkt. Jetzt fiel es ihr plötzlich auf die Seele.; Sie überdachte, daß Else eigentlich den ganzen Winter hindurch scheu und unruhig, eingeschüchtert und beängstigt gewesen sei; aber sie hatte, mit ihren eigenen Angelegenheiten und Sorgen beschäftigt, sich darum nicht kümmern können . . . Das mußte anders werden. .. sie wollte mit ihr heute sprechen. Sie überdachte die Ereignisse der letzten Wochen. Wie würde sich ihr Leben in Zukunft gestalten? Noch war ihr Mann ohne Beschäftigung, durfte anch nichts Neues unternehmen, bevor die Sache mit Grosser entschieden war. — Sievers hatte ihr heute einige Zeilen geschrieben: „Verlieren Sie den Mut nicht, liebe gnädige Frau, und halten Sie sich der aufrichtigsten Teilnahme eines Mannes überzeugt, der es für eine heilige Pflicht hält, den Kindern seines Heimgegangenen Freundes . jederzeit zur Seite zu stehen." Hundertmal schon hatte sie diese Zeilen durchlesen. — Es war tröstlich für sie zu wissen, daß sie Gönner hatten und trotzdem war sie bange und bedrückt. Es war ihr unglücksschwer zumute, als. erfüllte sie die Vorahnung großen Leides, als lägen Gram und Jammer für sie in der Luft, in dieser Luft, die heute so weich und srühlingslind und berauschend war. Das mochte vom vielen Alleinsein kommen. Alfred war fast immer unterwegs, und Else... wenn nur Else schon käme! Wieder versank sie in Gedanken, und plötzlich stand in lebendigem Erinnern der Vormittag vor ihr, der sie zu Edmund Grosser geführt hatte. Da schlug die Glocke im Entree an. Die Träumende fuhr auf und suchte sich zu sammeln, um, da sie allein war, selbst zu. öffnen. In ihr Sinnen vertieft, hatte sie gar nicht wahrgenommen, daß in dem nebenanstoßenden Zimmer sich etwas geregt hatte. Else war vor wenigen Minuten in großer Aufregung zurückgekehrt und, um von der Schwester nicht bemerkt zu werden, über die Hintertreppe und die Küche gekommen. Verstohlen hatte sie sich in ihr Zimmer geschlichen und sich dort in fürchterlicher Erregung auf das Bett geworfen, in dessen Kissen sie ihr Schluchzen zu ersticken bemüht war. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Dauchwitz in Berlin.

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