Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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'515 Unmittelbar vor seinem Tode empfängt er den Besuch seines Vaters,. Onkels und seiner. Braut. Dev Vater hat Kraft und Mut, in Gegenwart der Offiziere das Wort: „Der-r Herr hat gegeben usw." zu sprechen. So endet das 'Stück.. . Wäre die, Zeitschrift, in der ich das Wort ergreife, eine rein literarische oder dramaturgische, so würde ich mich über das Konventionelle verbreiten, an dem das Stück leidet. Der. Verfasser, will modern sein, und doch führt er uns Typen vor, -die fast urweltlich genannt werden müssen: dieser Stadtrat, der stets dieselben Phrasen vorbringt, und sich in seinen Toasten verhaspelt, dieser Oberlehrer, der schlottrig in seiner Kleidung, der bis zur Lächerlichkeit in seinen Reden, ja selbst in seinem Biertrinken ist, sind Figuren, wie sie ehemals vorkamenaber heute nicht mehr existieren. Den Schauspielern aber möchte ich zurufen, wenigstens denen, die jüdische Persönlichkeiten zu agieren haben: spielt Ihr eigentlich für Euch oder für das Publikum? Denn diese guten Leute treiben ihre Bescheidenheit soweit, daß, wenn sie unter sich redensie so leise sprechen, fast flüstern, daß sie höchstens den in den ersten Reihen Sitzenden ihre Meinung verkünden, die weniger be- - vorzugten aber nur durch ihre Mienen ahnen lassen, was sie Vorbringen. Diese verbrauchten Manieren des ehemaligen Naturalismus sollten aus einem guten Theater verschwinden. Da ich aber in einem jüdischen Blatte das Wort nehme, so will ich bei solchen theatralischen Fragen nicht lange ver-. weilen. .Hier hat uns nur die Frage zu beschäftigen: was denken wir als Juden darüber? Und da darf man sagen: für uns Juden hat dieser Konflikts so rührend der Ausgang auch ist, kaum ein Interesse. Dem einen gilt der Ueberläuser, der nicht aus innerer Ueberzeugung, sondern um Karriere zu machen,. den christlichen Glauben annimmt, überhaupt nicht mehr als ein Jude; den anderen, die vielleicht die Annahme des Christentums weniger rigoros beurteilen stellt sich die Sache .so: Siegmund Lehmann ist ein Feigling. Seine Sache ist eine rein persönliche, keine jüdische. Er verleugnet seinen Glauben, weil ihm der Offiziersftand mehr gilt, als der Kampf umdie väterliche Religion. Aber er verleugnet auch seine Verwandten, er möchte seine Erbärmlichkeit sogar so weit treiben, seinen Vater zu verkennen, bis dann doch das natürliche Gefühl in ihm den Sieg davonträgt. Nicht also an seinem Judentum geht er "zugrunde, sondern an seiner persönlichen Schwäche. Vielleicht würde er den Kameraden imponieren, wenn er, seinen Ursprung stolz bekennend, durch sein ganzes Betragen dem von ihm gewählten Stande Ehre machen würde, durch seine Jämmerlichkeit verdient er die Bezeichnung „Lügner", die ihm von einem Kameraden ins Gesicht geschleudert wird. Daß er von diesem über den Haufen geschossen wird, ist die Bestrafung seiner Niedrigkeit, nicht eine Verurteilung des Judentums. Der Verfasser moralisiert nicht, er spricht keine Lehre aus. Er deutet nur. an, daß die militärischen Vorurteile den Glaubenswechsel eines Schwächlings veranlassen, daß die Zugehörigkeit zum Judentum einen: Ehrgeizigen nicht erlaubt, zeitlebens den bunten Rock zu tragen. Das ist wohlfeile Weisheit, aber kein rechtes Erfassen eines großen Gegenstandes. Eine Unannehmlichkeit wird zum Unglück aufgebauscht, aber der Untergang eines Charakterlosen ist nicht die herbe Tragik, die erschüttert und läutert. Dem. Autor, von dem ich sonst nichts kenne, und von ' dem ich weder weiß, noch wissen will,, ob er Jude ist, muß zugebilligt werden, daß er das jüdische Milieu gut getroffen hat. Allerdings würden wir uns in Berlin für einen derartigen nichtigen Rabbiner und für solche formlose Gemeindevorsteher höflich bedanken; in einer kleinen Stadt mögen sie so oder nicht viel .anders sein. Das jüdische Haus mit seinen ehrwürdigen Gebräuchen — selbst die Mesusah an der Türpfoste fehlt nicht, und wird sogar voü? einem der Heraustretenden geküßt — ebensowenig das Waschbecken, in dem der Hausherr sich vor der Mahlzeit wäscht -- ist wahrheitsgetreu dargestellt, und die Ansichten mancher Juden werden der Wirklichkeit gemäß wiedergegeben. Aber sind die Anschauungen wirklich richtig, die der Dichter des Schauspiels vorzeigt? Vielleicht ist für manchen , Streber das Judentum eine Kette, die schwer drückt, nicht schwerer freilich nach einem Worte des Verfassers selbst, als die anderen Ketten, nämlich die Vorurteile und Tendenzen des Offizierkorps — liegt hier nicht jedoch eine Mitschuld auch am Elternhause? Hat dieser Vater mit seinem starren Formglauben wirklich vermocht, die Seele des Jünglings mit dem Geist der väterlichen Religion zu erfüllen? Haber in seiner Einseitigkeit und Verblendung, in seinem Abschließen von der Außenwelt nicht bloß Verachtung und Haß gesät, statt Verständnis und Erkenntnis zu wecken? Hat er nicht versäumt, den Jüngling zur Tapferkeit und Entsagung zu erziehen? Hat er nicht unterlassen, ihn vorzubereiten und zu stählen für die Kämpfe des Lebens? . v Selbst jedoch, wenn man eine Verschuldung des Vaters nicht zugeben will, so'muß man fragen: leidet denn dieser Jüngling wirklich an seinem Judentum? Nein, denn kaum 20jährig, wirft er den väterlichen Glauben ab, nicht weil er ihn wirklich hindert, sondern in der Furcht, daß er ihn hemmen könnte. Daher muß man bekennen, daß, wenn auch das Stück von Juden handelt, es in keiner Weise das große jüdische Stück.ist, das wir immer noch erwarten. L. G. Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. XVI. . Vertrag gibt mir kein scheinbares Recht, wie Sie meinen, sondern ein wirkliches. Herr Steinfels hatte seinerzeit die volle Freiheit, anzunehmen oder abzulehnen" — — „Steinfels war in dem Augenblick, da er auf einen solchen Vertrag einging in dem Banne einer Schwäche, er genoß eine formale Freiheit, jedoch keine, die ihn in den Stand setzte, seinen Willen zur Geltung zu bringen. Und bei dem ersten Anlaß setzen Sie auch richtig Ihren Partner aufs Pflaster." ' „Der Richter wird darüber zu entscheiden haben, und ich unterwerfe mich, ganz seinem Urteil." „Ei, Sie glauben, daß der gestrenge Richter den Zusammenhang der Dinge, Ursache und Wirkung, das sogenannte Milieu nicht untersucht, sondern pure nach dem Buchstaben urteilt? Sie werden sich gewaltig irren. Man wird an Gerichtsstelle die Ursachen prüfen, aus denen der Kontrakt zustande kam.' Das Gesetz straft den Darleiher, der sich über 6 Prozent für sein Darlehn ausbedingt, das er einem Manne geliehen, der sich in einem Notstand befand. Haben Sie nicht für den Einsatz Ihres Kapitals von einem Manne, der im Augenblicke zuzugreifen gezwungen war, einen weit höheren Zins er. . . erzwungen? Sollte der Richter also nicht . . ." „Ich bitte Sie, Herr Doktor, mir nicht mit derlei Deutungen zu kommen, die meine Ehre verletzen und mich nötigen würden.