Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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mittelmäßig, nicht eben viel schlechter, als in den Monaten der eigentlichen Saison/ . Auch in dem verflossenen Winter 1908 und 1909 hatten wir ganz oder teilweise jüdische Stücke, nicht etwa bloß in den Jargon-Schauspielhäusern — Herrnfeld und Kasino — sondern auch im Berliner Theater, woKalisch's unverwüstliche Posse „Einer von unsre Leut" sehr häufig erschien, ein Stück, - das freilich durch seine Auffrischung und Zustutzung nicht eben sehr viel gewonnen hat. Aber im Frühling 1909 und in den Sommermonaten trieb das jüdische Stück üppige Blüten: die Truppe, die das Berliner Theater gepachtet hatte, brachte die Operette „Herbstmanöver", die wie das Schauspiel „Ketten" im Deutschen Theater der Kunst diente. Jene erlustigte besonders die Oesterreicher und diejenigen, die an Hosenrollen (eine junge Dame in Offiziersuniform) besondere Freude empfinden. Dieser ungarische Generalseldmarschall in seiner Mischung von Strammheit und Trottelei, der den Reichsdeutschen als unmögliche Figur erscheint, ver-. körperte den Oesterreichern heimatliche Zustände. Für uns bedeutet ein jüdischer Bizefeldwebel (Leutnantsaspirant), wenn er überhaupt vorkommt, keinen besonderen Typus: unsere jüdischen jungen Leute, die wirklich im Militär weiterkommen, bemühen sich, den christlichen Kameraden nicht nachzustehen, sondern suchen eher es ihnen an Schuldigkeit zuvorzutun. In unseren Augen ist daher dieses Herr Wallerstein, der schlampig einhergeht, allerlei Unarten zeigt, kordial bis zur Uebermäßigkeit, unterwürfig bis zum Ekel ist, von seinem Unteroffizier sich Kommandos vormachen läßt, und hilflos bis zur Lächerlichkeit dasteht, absolut undenkbar. War daher durch die Autoren auch keineswegs eine Karikatur jüdischen Wesens mit diesem Jüngling beabsichtigt oder jedenfalls keine größere als bei den sonstigen Figuren des k. k. österreichischen Heeres, so war sie mir, wenn ich auch an keiner überinäßigen Empfindlichkeit leide, unsympathisch, sie verdarb mir den Eindruck des lustigen, unterhaltenden und flott gespielten Stückes. Ganz anders steht es mit dem Schauspiel, dem diese Betrachtung gilt. Es ist ein ernstes Stück, schildert deutsche Verhältnisse und führt uns in starke Konflikte ein, die tragisch enden. Siegmund Lehmann, der Sohn eines braven, alten Anschauungen ergebenen, alten Gebräuchen huldigenden jüdischen Ehepaars, des Abraham Sender und der Lea Lehmann muß sein Jahr abdieneu. Am Freitag abend, der stimmungsvoll gezeichnetwird, wenn auch das Gebetbuch, aus dem der Hausvater das Sabbatgebet verrichtet, unmögliche Dimensionen hat, besucht der Sohn das väterliche Haus. Er macht die vorgeschriebenen Gebräuche mit und versichert, wenn er auch den: besorgten Vater nicht auf alle Fragen befriedigende Antworten zu erteilen vermag, daß er dem väterlichen Glauben treu geblieben sei. Die wackeren Eltern können sich vor Freude kaum lassen, daß ihr „jüdisch Kind" die Knöpfe erhalten hat, d. h. Gefreiter geworden ist. Während der Sohn den Eltern die Wahrheit verheimlicht, gesteht er seiner geliebten Cousine Nahet, die von den Alten an Kindesstatt angenommen ist, daß er sich habe taufen lassen, daß er Offizier werden wolle, und bereitet durch dieses Geständnis dem liebenden Mädchen furchtbare Qualen. Das von ihm angestrebte Ziel, Offizier zu werden (nicht etwa in der Reserve, sondern im stehenden Heer), erreicht er wirklich. Freilich nicht in dem vornehmen Kavallerieregiment, in dem er sein Jahr abgedient hat, sondern in einem Infanterieregiment einer Grenzgarnison. Hier beginnen nun freilich die Bedenken des Lesers und Hörers. Glaubt der Dichter wirklich, daß derartiges möglich ist? Zugegeben, daß durch besondere Protektion/ auf Grund eines Ausspruches des Kaisers, daß das Glaubensbekenntnis bei Offizieren keinen Unterschied machen solle, ein frisch getaufter Jude Offizier werden kann, wenn er wirklich, was eben auch nicht alltäglich ist, ausgesprochene Neigung zum aktiven Dienste zeigt, so erscheint es mir völlig undenkbar, daß über den Neuankömmling keine Personalakten existieren sollten, in denen sein Ursprung ganz genau verzeichnet ist. Infolgedessen müßten der Regimentskommandeur, und, da dieser zum Stillschweigen gar nicht verpflichtet sein kann, auch die Kaineraden vollständig über die Antezedentien des Neulings unterrichtet sein. Derartiges also, was sich nun ereignet, istwie jeder, der die Verhältnisse kennt, ohne weiteres zugestehen muß, geradezu unmöglich. Die Kunde von dem Uebertritt Siegmunds zum Christentum, wovon das Regiment also nichts wissen soll, das in ihm vielmehr nur einen der seinen sieht, hat sich in seinem Heimatort verbreitet. Auf briefliche Anfragen, wenn solche überhaupt an ihn gelangenantwortet der junge Mann nicht; daher entschließen sich Vater und Onkel (der letztere kurz Salomo genannt, die humoristische Figur des Stückes, dessen jüdische Manieren und Sprechweise wiederzngeben der Schauspieler vortrefflich verstand) nach der Garnisonstadt zu fahren, um die Wahrheit zu erkunden. — Der Wahrscheinlichkeit dürfte es nun mehr entsprechen, daß die Verwandten den jungen Leutnant auf seinem Zimmer aufsuchten und zur Rede stellten; der Verfasser zieht es vor, einen echten Theatercoup auszuführen, und die beiden Provinzler in das Bierlokal gehen zu lassen, in welchem nach dem getrennt abgehaltenen Festmahl zu Ehren von Kaisers Geburtstag Offiziere und Zivilisten — unter den letzteren ein Stadtrat und ein Oberlehrer — zu einein nicht eben sehr heiteren Abendschoppen versammelt sind. Nicht sehr heiter, weil der dem Leutnant Lehmann aufsässige Major v. Thann einen vertraulichen, nicht ganz zuverlässigen Bericht von dem Ursprung des Leutnants Lehmann erhalten hat, und diese Nachricht seinem Vorgesetzten und den unter ihm stehenden Offizieren zutuschelt. In diesem Momente erscheint zuerst der Onkel Salomo, wird aber von seinem Neffen einfach verleugnet. Als er wiederum, nun aber in Begleitung des alten Lehmann erscheint, macht der Junge aufs neue Versuche, die Eindringlinge zu ignorieren. Von den flehentlichen Aeußerungen des Vaters jedoch hingerissen, von dessen Schwur in Anwesenheit der Offiziere, die Wahrheit zu erfahren, erschüttert, gesteht er seinen Ursprung und seinen Uebertritt. Wörtliche und tätliche Beleidigungen des Ueberläufers seitens eines adligen Kameraden sind die natürlichen Folgen dieser Geständnisse. Ehe es zum Duell kommt, in dem Leutnant Lehmann zu fallen entschlossen ist, reist er nach Hause, um die Verzeihung dos Vaters zu erlangen. Aber vergebens! Der Vater, der den Sohn verflucht, ihn als Toten betrauert, der seine eigenen Ehrenämter niedergelegt hat, weil er sich infolge des Vorgefallenen für unwürdig hält, eine vorbildliche-Stellung inne zu haben, und sich in diesem Entschlüsse durch Zureden der übrigen Gemeindevorsteher und des Rabbiners nicht irre machM läßt, beharrt auf feinem starren Entschluß. Die Reue des Sohnes, das beredte Bitten der Mutter, das stumme Flehen der Geliebten vermögen nicht den harten Mann in seiner Absicht wankend zu machen. Das Unvermeidliche geschieht. Es kommt zum. Duell, Leutnant Lehmann schießt in die Lust und wird von seinem Beleidiger tätlich getroffen. Er stirbt, im Krankenhaus.