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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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Lehren ist auch nicht zu verkennen,- und so wird mit einmal dasjenige vollendet, was anfangs noch als ein unbestimmtes Schwanken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu betrachten ist, später aber uns um so deutlicher als die Religion des Judentums im Exil entgegentritt. Während der Uebergangsperiode, jener Epoche des Pendelns zwischen glorreicher, nationaler Vergangenheit, die nun im Sterben lag, und jener ungewissen Zukunft mit ihren unbestimmten Idealen der hyperaltruiftischen Ethik, der irdischen Askese, des unerreichbaren Himmelreichs, des Logos und des jüngsten Ge-, richtes entsteht die Idee der Verwirklichung messianischer Verheißungen. Auf der einen Seite feiert der Optimismus wahre Triumphe, während man sich auf der anderen in melancholisch düsteren Gegenwartsstimmungen gefällt. Namentlich in der Periode des .Entstehens der christlichen Messiasidee begegnen wir dieser Mischung von Daseinsverachtung und Schwelgenin optimistischen Zukunftsträumereien. Die Vermengung der beiden Weltanschauungen ist eine so starke, daß man fast unmöglich einen Unterschied zwischen den beiden Strömungen finden kann, und man weiß wirklich nicht, wo daS Lustgefühl anfing, ob bei der Daseinsverachtung oder bei der freudigen Hoffnung auf die Zukunft. Der Hang zur Askese war so intensiv, daß man veranlaßt wird anzunehmen, die Kasteiung des Körpers löse bei Religionsschwärmern mehr Lustgefühle aus, als der Glaube an das Himmelreich. Man vergesse allerdings nicht, daß der zu jener Zeit aus Hellas eindringende Neu-Platonismus vermengt mit Skeptizismus auch das seinige zu den herrschenden Ideen beigetragen hat. Die zu der damaligen Epoche in Griechenland dominierenden philosophischen Lehren — Stoizismus, Epikuräismus usw. — konnten den Menschen nicht mehr von Leiden und Grübeln befreien. Der Gedanke, das Hindernis zur Glückseligkeit des Erdensohnes sei die Welt, griff immer mehr und mehr um sich; nur durch Erlösung von dieser Welt allein mit göttlicher Hilfe könne der Mensch vom Nebel des Diesseits befreit und im Jenseits selig werden. Man merkt, wie da platonische Elemente zu neuem Aufschwung gelangen. Die Philosophie oder vielmehr die Menschheit flüchtet aus der Welt, vor der sie Ekel empfindet, durch das Erlösungsbedürfnis und durch die Sehnsucht nach unerreichten Phantasieregionen angetrieben, in die andere, zukünftige Welt. Was die Ursachen all dieses Weltekels gewesen, ist zur Genüge bekannt: in Hellas und Rom ein allgemeiner Verfall der Sitten. Da tritt nun plötzlich die Verschmelzung mit orientalischen Religivnslehren hinzu, auf dem Wege über Alexandrien werden nach Judäa hellenisch-philosophische Ideen hineingetragen. Die Folge dieses Verschmelzungsprozesses ist die alexandrinisch-jüdische Religionsphilosophie, deren Hauptvertreter Philo war. Diese stark pessimistisch angehauchte Lehre hat dem Judenchristentume die Wege gebahnt, indem sie den damals so sehr beliebten mystisch^theosophischen Ideen Eingang verschaffte. Ein schroffer Dualismus (Gott und Welt) trat stark hervor. Die Welt wird als etwas Böses, und die Materie als der Teufel betrachtet, wovon der Mensch nur durch die Vermittlung zwischen ihm und Gott erlöst werden kann; die Idee der Mittlerschaft wird von jetzt ab das Leitmotiv der damaligen Religionslehren. Zunächst hilft der Logos, jene Kraft, welche die göttliche Jdealgestalt Personifizieren soll. Erlösung kann aber nur durch Askese, Buße und Kasteiung erreicht werden. Wer dies vollbracht, dem wird die Gabe der Vision, des mtjftifd^en Schauens, der Ekstase, der Verzückung und des Einblicks in das Mysterium Gottes zuteil. An Stelle der Moral tritt nunmehr die Askese, die sich mit dem Hang zu Zauberkünsten, dem Glauben an Wunder und Dämonen verbindet Vom „Logos" zum Gottmenschen war nur Lin Schritt, - zumal auch der Neu-Pythagoräismus das seinige zu jener shnkretiftischen Vermischung von Religionen und Philwsophemen beigetragen hat. Synkretismus auf der ganzen Linie — das ist der charakteristische Grundzug des zu jener Epoche dominierenden Zeitgeistes. Das Grundwesen der jüdischalexandrinischen Philosophie spitzt sich, wie schon erwähnt, in dem stoischen Begriff Logos zusammen. Für Philo ist der „Logos" alles das, was in Beziehung auf Gott, Welt und Mensch gebracht werden kann. Logos ist der Demiurg, der Weltschöpser, der Stellvertreter, Deuter, Dolmetscher, Statthalter und Vermittler Gottes: Logos wird später das Abbild, der Schatten, der Sohn des Gottvaters. Daraus folgt der Mensch-Gottes und der Gottmensch, und der Gedanke des Christentums ist gegeben. Folgt man diesem Jdeengang, so ist es nicht schwer, in dieser Sphäre die Keime für -die urchristlicheJdee zu finden. Die Entstehung des Christentums ist somit das Resultat jenes großenPessimismus, der zwei Welten (die jüdische und die heidnische) in Berührung brachte. Die alte Messiasidee wird während der Zeit der Entstehung der vorhin erwähnten Weltanschauung ihres politischen Charakters entkleidet und im religions-philosophischen Sinne vergeistigt. War der Messias früher als der Weltenkönig gedacht, der die Völker unter das Szepter Israels sammelt, so wird von üun ab der „Sohn Davids" der Träger der griechischen Logosidee, der fleischgewordene Gottmensch, der Vermittler zwischen Jahve und der sündigen Menschheit. Ein Optimismus im Sinne von Daseinsbejahung kann da natürlich nur schwer Platz greifen. Wo die Askese, die sündenreinigende Kraft, als höchster Daseinszweck hingestellt wird, da ist für eine weltliche Glückseligkeit im biblischen Sinne kein Raum. Die Idee des leidenden Gottesknechtes ist zwar auch bei den Talmudlehrern das Leitmotiv aller Trostsprüche im Exil. Trotz alledem sind die Schöpfer der Mischnah und Gemarah weit entfernt davon, Weltslucht zu predigen oder gar ihren Jüngern asketische Hilfsmittel zur Erlangung „göttlicher Reinheit" zu empfehlen. Solchen begegnen wir nur später bei einigen Zeloten der Kabbalah — einem Ausfluß jener Mvstikdie sich fast in sämtlichen Religionssystemen breit machte. Neben den vielen Gesetzen, die Entbehrungen auferlegen, und trotz aller ethischen Lehren von Gottergebenheit, Genügsamkeit, Bescheidenheit und sogar zeitweiser Kasteiung ist und bleibt der Talmudjude in seinem innersten Wesen Optimist; er hält Sammlung und Einkehr, freut sich der irdischen Schönheiten und findet seinen Trost darin, daß für Israel, wenn das Maß seiner Leiden voll ist, einst noch glückliche Tage beschieden sein würden. ketten. > lljährlich, wenn tout Berlin die Reichshauptftadt verläßt, und das Theaterpublikum sich aus der noch immer stattlichen Anzahl der Zurückgebliebenen und der großen Masse der Durchreisenden zusammensetzt, rücken die fremden Schauspieler in die meisten Theater ein. Die Provinz und das deutsche Ausland, d. h. Oesterreich, das ja ein so überaus reiches Kontingent zur Zahl unserer Schauspieler liefert. Es sind keineswegs die schlechtesten, die da spielen, vielmehr ist das Ensemblespiel selbst bei den zusammengewürfelten Truppen merkwürdig gut, und die Kost, die gereicht wird, ist, wenn auch *) Schauspiel in 4 Akten von H. Reicheubach.

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