Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Es dürfen nicht, wie auf dem Gemeindetage, Vertreter von mittleren 5 Gemeinden erklären, daß bei ihnen alles wohlbestellt sei und daß sie deshalb keiner Organisation größerer Verbände bedürften. Nicht um diese verhältnismäßig wenigen mittleren Gemeinden handelt es sich, die.übrigens auch in dreißig Jahren zusammengeschrumpft sein können.sondern um Hunderte von leistungsunfähigen kleinen Gemeinden, in denen jedes jüdische Leben erstirbt, nieil Gottesdienst und Religionsunterricht micht aufrecht erhalten werden können. Erfreulich isy daß die Mitglieder der Kommission und die Redner aut dem Gemeindetage, welche den Verwaltungen der größten Gemeinden angehören, dem Entwurf sich freundlich gegenübergestellt haben, obwohl diese Gemeinden einen großen Teil der Lasten für die kleineren Gemeinden zu tragen und ebenfalls Einschränkungen ihres Selbstbestimmungsrechts zu übernehmen haben würden. — Daß den drei :oder vier größten Gemeinden eine besondere Vertretung in den »oberen Verwaltungsbehörden eingeräumt wird, ist nicht mehr als billig und kommt kaum in Betracht, da eine Majorisierung der anderen durch diese Gemeinden im Entwurf ausgeschlossen ist. — Unter Heranziehung aller Kräfte sind die Juden Preußens, wie ich glaube, leistungsfähig genug, um die Bedürfnisse aller für Gottesdienst und Religionsunterricht zu befriedigen. Dazu bedürfen -wir aber einer Organisation von Provinzialgemeinden und Landesgemeinde, welche alle vorhandenen Kräfte zusammenfaßt, um sie den schwachen Synagogengemeinden und nicht genügend leistungsfähigen. Bezirks- und Provinzialgemeinden zuzuwenden, und welche auch den-Behörden gegenüber nach Abwägung aller Interessen einen einheitlichen Willen der Judenheit Preußens zu äußern imstande ist. Es muß aber auch schließlich dafür gesorgt werden, daß die Stimme der preußischen Juden über den Entwurf III. Lesung ungetrübt gehört werde. Die Versammlungen des Gemeindebundes in ihrer bisherigen Gestalt sind hierzu nicht recht geeignet, weil dort nicht alle preußischen Gemeinden vertreten sind, dagegen eine Reihe außerpreußischer, also bei der Sache nicht interessierter und nicht genügend Unterrichteter Gemeinden mitstimmen. Es wird notwendig sein, einen preußischen Judentag einzube- "rufen, und hierzu erscheint einstweilen der Verband der Deutschen Juden "geeigneter als der Gemeindebund, weil der Verband eine Organisation ' hat, in welcher die sämtlichen preußischen Gemeinden zu Wahlen für eine außerordentliche, lediglich preußische Verhältnisse behandelnde 'Hauptversammlung aufgerufen werden können. — Selbstverständlich *muß auch der Gemeiudetag des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes vor der Einreichung des Entwurfs III. Lesung an die Staatsregierung nochmals gehört werden. — Einer solchen Versammlung der preußischen Juden wird der in III. Lesung unter Berücksichtigung der eingehenden Bemerkungen, der sämtlichen Anträge und Beschlüsse des II. Gemeindetages herzustellende Entwurf zur Beratung und Beschlußfassung vorzulegen sein. Nötigenfalls wird hier auch eine gesonderte Abstimmung von seiten der Abgeordneten aus den altpreußischen Provinzen und aus denProvinzen Hannover,Hessen-Nassau und Schleswig-Holstein stattfinden müssen, damit, wenn nur die überwiegende Mehrheit aus den alten Provinzen für die Einführung der Organisation ist, wenigstens für diese. Provinzen, falls die bei der Staatsregierung herrschende Richtung und die Partei- Verhältnisse im Abgeordnetenhaus« die Einreichung des Entwurfs opportun erscheinen lassen, die Neuordnung beantragt wird, und wir daran nicht gehindert werden durch Stimmen aus denjenigen Provinzen, in welchen ein uns gänzlich fremdes Rechtssystem herrscht. Es würde zwar dann, wenn, wie ich hoffe, noch Frankfurt und der Regierungsbezirk Wiesbaden sich dem Votum der alten Provinzen anschließen, vorläufig nur ein Stückwerk zustande kommen, das aber immer noch ersprießlicher wirken würde, als wenn wir in dem.bisherigen Zustande verharren. Ich glaube, daß es den Mitgliedern der Kommission ein Ansporn für die weitere Arbeit sein würde, wenn ihr Verein den Entwurf II. Lesung als eine geeignete Grundlage für diese Arbeit bezeichnen und ein eingehendes Urteil über den Entwurf abgeben würde. Optimilten und Oelli mitten im Judentum.'' Von Tr. S. Krauß-Berlin. II. Die vorchristliche Zeit. ^{n einem ersten Aufsatze haben wir es versucht, auf Grund biblisch-historischer Untersuchung den Nachweis zu führen, daß es im Judentum, soweit sein Werdegang rein geschichtlich als Volk im Getriebe der Nationen in Betracht kommt, sowohl Optimisten als auch Pessimisten gegeben hat, und daß das Vorherrschen der einen oder der anderen Weltanschauung bei der Masse des Volkes von der jeweiligen sozialen Lage und der Art der Daseinsbedingungen abhing; Lebensfreude und Daseinsverachtung waren sozusagen die Gradmesser des sozialen Wellenganges, des Auf- und Niedersteigens nationaler Glückseligkeit. Folgt man dem Pulsschlag dieser jüdischen Volksbewegung in der Sturmflut historischer Katastrophen und Umwälzungen, so hat man deutlich das Fazit jener Massenempfindung, die aus dem Zustand des Kampfes ums Dasein resultiert, und die zuweilen in den Schriften der Lehrer, Führer und der Propheten recht klar zum Ausdruck gelangt. Soweit das Volk und seine Weltanschauung. Nicht also steht es mit der Religion. Mit besonderem Nachdruck haben wir auf den Fehler hingewiesen, der vielfach in bezug aus das Judentum als Religion begangen wird, indem man aus einzelnen Grnndzügen im jüdischen Volkscharakter Schlüsse auf das religiöse Leben ziehen will, Idealismus und Pessimismus demzufolge bunt durcheinander mengt, falsche Axiome aufstellt, die schon zu mancher Verwirrung Anlaß gegeben haben, und also Mißverständnissen Tür und Tor öffnet. Auf diese Weise ist eine Anzahl sogenannter historischer „Lügen", auf die wir noch zurückkommen, entstanden, die sich in bezug auf die Religion Mosis jahrhundertelang fortgepflanzt haben und noch heute von übelwollenden Gelehrten kolportiert werden. — Der Grundzug der mosaischen Religion, wie er im Judentum und im Volkscharakter der nachexilischen Juden wurzelte, ist, sozial genommen, wohl ein pessimistischer — ethisch aber ein das eins freudiger. Dies zu beweisen soll hier unsere Aufgabe sein. Zunächst einen kurzen Ueberblick über die Zeit während des zweiten Tempels und der nachexilischen Epochen^ Mit dem Aufhören der Prophetie und der Herrschaft der Priesterkaste tritt auch der große Wechsel in den Geistesströmungen ein. Die nationale Wohlfahrt und Selbständigkeit hören auf, Zweck des Daseins zu sein, sobald die Gebundenheit an die Scholle durch innere Wirren und äußere Kämpfe in Frage kommt: man geht mehr in sich und sieht das Ideal im Forschen und Erfüllen des Gesetzes. Die beiden hier in Frage stehenden Weltanschauungen sind nicht mehr das Spiegelbild sozialer Zustände. Was von da ab als Pessimismus oder Optimismus zum Vorschein kommt, ist nichts weiter als das Ergebnis der religiösen Ethik; denn alles, was im Volke als Idee, als geschichtliches Nationaldenkmal gelebt hat, verdichtet sich jetzt zur Religion; — kein Volksmythos, sondern praktischer Kultus, der nur ethischen Zwecken dient. Priester und Propheten machen dem Talmudlehrer und Gesetzesforscher Platz; das Volk Israel wird zur jüdischen Gemeinde. Schon unter römischer Herrschaft vollzieht sich dieser Uebergang, und wir sehen, wie allmählich Tradition zur Theologie wird. Ein gewisses Eindringen fremder Elemente, der Einfluß persischer, syrischer und hellenischer y Siehe „Allgemeine Zeitung des Judentums", Nummer 46 vom jh. November 1907. .