Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228896--65948-3278102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Provinz Posen". Der Herr Vortragende gab ein außerordentlich anschauliches durch genaueste statistische Daten illustriertes Bild von der Abwanderung der Juden/ gewissermaßen eine Geschichte der Abwanderung. Er wies einmal nach, daß die Perioden der Abwanderung zeitlich säst immer mit der stärkeren rechtlichen Bedrückung der Juden, mit den Perioden der Zurücksetzung zusammenfallen. Anderseits führt er den Nachweis, daß die Juden überall da, wo das Deutschtum ihrer im Kampfe gegen das Polentum nicht bedarf, das heißt, wo die Deutschen christlichen Glaubens stark genug seien, um erfolgreich die Polen zu bekämpfen, sie dort rücksichtslos die Rechte der Juden mißachten, und sie dadurch und durch die wirtschaftlichen Schädigungen zur Abwanderung treiben. Eine Reihe weiterer Gründe wirken gleichfalls fördernd auf die Abwanderung. Abgesehen von der Ausnahmestellung, die der Provinz Posen das Recht zuwies — so fand die Stein-Hardenbergffche Gesetzgebung keine Anwendung auf Posen, — kamen allerdings in beschränkterem Maße auch andere Gründe für die Abwanderung in Betracht. Nach einer kurzen Darlegung der jetzigen unhaltbaren Zustände dortselbst, stellte der Herr Referent eine Anzahl Forderungen zur Herbeiführung einer Besserung auf, die in der später angenommenen Resolution ihre Zusammenfassung mit den Forderungen des zweiten Herrn Referenten gefunden haben. Auch Herr Justizrat Wolff-Lissa, Mitglied des Abgeordnetenhauses, der dann über „Die Juden der Ostmarken — was haben sie dem preußischen Staate und was hat er ihnen geleistet?" referierte, stellte dann besonders auch auf dem Felde der gesellschaftlichen Zustände gewisse Forderungen. Er begann mit dem Hinweis, daß gerade in der Hauptstadt Schlesiens diese Frage verhandelt werden müsse, da ein Uebergreifen der Verhältnisse der Provinz Posen auf Oberschlesien in bedenkliche Nähe gerückt sei. Herr Abgeordneter Wolff-Lissa gab zunächst einen historischen Rückblick auf die Geschichte der deutschen Juden in Posen und wies darauf hin, daß die Juden seit dem Mittelalter ihre treue Anhänglichkeit zur deutschen Sprache und deutschen Kultur bewährt haben, sie auch von den Behörden in kritischer Zeit stets als Stützen des Deutschtumes anerkannt worden sind. Hierauf sei die Abwanderung zurückzuführen, was man nun wieder als mangelnde Bodenständigkeit der Juden .zu bezeichnen unternehme. Die Gründe der Abwanderung charakterisierte der Vortragende in sehr interessanter Weise und unterwarf dann die Tätigkeit der Ansiedluugskommission und die Einwirkung derselben auf die Lage der Juden einer scharfen kritischen Beleuchtung. Er gab ohne weiteres zu, daß ein direkter antisemitischer Zug nicht feststellbar sei, aber unbewußt schädige man die jüdische Bevölkerung in allen ihren vitalen Interessen. Die amtlich gestützten Genossenschaften konkurrieren mit oft nicht unbedenklichen Mitteln die jüdischen Gewerbetreibenden nieder, jüdische Anwälte, Aerzte, Apotheker können sich oft gegen die feindliche Haltung, die die Bevölkerung durch Ostmarkenverein und Ansiedlungskommission annimmt, nicht behaupten und wandern ab. Eine gründliche Aenderung auch in der amtlichen Behandlung der Verhältnisse tue not, wenn die Juden der Ostmark, die dem Deutschtum dort so außerordentlich nützliche Dienste leisten, nicht überhaupt aus dem Osten verschwinden sollen. Sehr eingehend beschäftigte sich der Herr Vortragende auch mit der bekannten Broschüre eines höheren Beamten des Ostmarkenvereins „Ostmärkische Städtepolitik", die er einer vernichtenden Kritik unterzieht. (Lebhafter Beifall.) Nachdem der Vorsitzende auch den beiden letzten Referenten den Dank der Versammlung ausgesprochen hatte, gelangte folgende Resolution einstimmig zu Annahme: „Der preußische Staat hat ein dringendes Interesse an der Erhaltung der stets vaterländisch gesinnten jüdischen Bevölkerung in den Ostmarken. Daher fordern wir 1. in politischer Beziehung: a) Gerade iu den Ostmarken sollte die Regierung die gesetzliche Gleichberechtigung der Staatsbürger aus allen Gebieten des Staatslebens auch für die Juden verwirklichen und namentlich auch bei der Besetzung der öffentlichen Aemter die Juden nicht zurücksetzen. b) Bei Gestattung des Aufenthaltes und bei Verleihung der Staatsangehörigkeit an die vom Auslande zugezogenen Juden nicht nach anderen Grundsätzen zu verfahren, als gegenüber den einer anderen Religionsgemeinschaft zugehörenden Ausländern. II. In gesellschaftlicher Beziehung: Alle Beteiligten sollten darauf hinwirken, daß in den Ostmarken im geselligen Verkehr keine Absonderung nach dem Verufsstand oder nach der Zugehörigkeit zu bestimmten Religionsgemeinschaften stattfindet. III. In wirtschaftlicher Beziehung: Die Behörden, insbesondere auch die Ansiedlungskommission sollten a) bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen in den Ostmarken ausnahmslos die Juden im gleichen Maße berücksichtigen wie die übrige Bevölkerung. b) öffentliche und private Anstalten sowie Genossenschaften und Vereine in den Ostmarken nicht unterstützen oder empfehlen, wenn diese die Juden von der Verwaltung ausschließen oder im Geschäftsverkehr zurücksetzen." In der Diskussion über die Referate wies Herr Justizrat Placzel-Posen auf die ungleiche Behandlung russischer und österreichischer Untertanen hinsichtlich Aufenthaltserlaubnis und Naturalisationsbegehren, je nachdem es sich um. Juden oder Nichtjuden handle, hin und verlangte,, daß hiergegen auch etwas unternommen werden sollte. Herr Justizrat Berger-Königshütte ermahnt, sich die Politik des Ostmärkenvereins genau anzusehen. Herr Rabbiner Dr. Eppenstein- Briesen schildert den gesellschaftlichen Antisemitismus besonders unter den Lehrern und unter Beamten. Herr Landtägsabgeordneter Geheime Justizrat Cassel warnt davor, zu generalisieren. Anderseits vertritt er den StandpunÜ, daß man sich sein Recht unter keinen Umständen nehmen lassen solle, man möge keine Beschwerde scheuen. Auch dieser Redner kann aus eigenen Erlebnissen aus frühester Jugend und den heutigen Tagen den Wandel der Verhältnisse in bezug auf die gesellschaftliche Stellung der Juden schildern. Nachdem noch Herr Justizrat Breslauer die interessante Mitteilung gemacht hatte,' daß in letzter Zeit fünf Naturalisierungen ausländischer Juden durchgesetzt seien und zwar eine im Elsaß, eine in Baden und drei in Preußen und nachdem schließlich Herr Justizrat B. Geiger-Frankfurt a. M. in bekannter humoristischer und doch ehrlich gemeinter Weise der Versammlungsleitung den. Dank des „Hauses" ausgesprochen hatte," schloß der Vorsitzende den 3. Verbandstag der deutschen Juden. Abends 7 Uhr fand dann noch ein Festessen im Konzerthaus statt; auch hier wurde das opulente Mahl, das die Breslauer Gemeinde den Gästen gab, durch eine Anzahl von Toasten gewürzt. Am Montag erfolgte schließlich eine Besichtigung der humanitären Wohltätigkeits- und sonstigen Institutionen der Gemeinde und Vereine unter sachkundiger Leitung. Breslau, 18. Oktober. A. J,