Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 508 --- der „Gesellschaft der Freunde" eröffnet. Gleichzeitig fand eine festliche Begrüßung der Damen der Delegierten im Saale der Lessing-Loge statt, woselbst außer einem einfachen Abendessen eine Reihe musikalischer, deklamatorischer und auch dramatischer Darbietungen geboten wurde. Am Begrüßungsabend für die Herren Delegierten, an dem auch vier Damen teilnahmen, begrüßte Professor Wohl au er -Breslau in einer schwungvollen Rede >ie Delegierten, worauf Herr Professor Philipp son nach'einem kurzen historischen Rückblick auf Werden und Bedeutung der Breslauer Gemeinde in ebenso herzlicher Weise dankte. Zur Hauptversammlung im Konzerthause waren gegen 2000 Personen erschienen. Der Vorsitzende Justizrat Hörwitz- Berlin eröffnete die Versammlung mit einigen geschäftlichen Mitteilungen und beantragte nach Bildung des Bureaus, ein Huldigungsielegramm an den Kaiser abzusenden. Die Versammlung stimmte dem zu, und es wurde folgendes Telegramm an den Kaiser abgesandt: .; „An Seine Majestät den Kaiser. Eurer Majestät bringen 400 Abgesandte deutscher jüdischer Gemeinden und Vereinigungen aus allen Teilen des Reiches, geeint im „Verbände der Deutschen Inden", von dessen Hauptversammlung in Schlesiens Hauptstadt ihre alleruntertänigste Huldigung und das Gelöbnis unwandelbarer Treue dar. (gez.) Horwitz." . Sodann begrüßte der Vorsitzende die Delegierten und insbesondere den Vertreter des Herrn Regierungspräsidenten, Regierungsrat v. Lippa, der seinerseits im Namen des Herrn Regierungspräsidenten seine besten Wünsche für die heutige Arbeit und seinen Dank für die liebenswürdige Begrüßung aussprach. Vorweg sei bemerkt, daß kurze Zeit darauf auch der. Oberpräsident der Provinz Schlesien, Staatsminister a. D. Freiherr v. Zedlitz-Trützschler erschien und bis zum Schluffe der Referate der Versammlung beiwohnte. Hierauf begrüßte Herr Geheimrat Gold schm idt die Versammlung namens der Breslauer Gemeinde unter besonders warmer Anerkennung der Verdienste des Verbandes und seiner Leitung. Dann erstattete der Vorsitzende den Geschäftsbericht, der ein erfreuliches Bild rühriger Tätigkeit auf allen Gebieten des jüdischen Lebens darbot. Er berührte den Gemeindeorganisationsentwurf, dessen Diskussion aber noch nicht angebracht erscheine, da noch alles im Werden begriffen sei. Er wies aüf die Wichtigkeit der apologetischen Kommission hin unter Darlegung alles dessen, was im letzten Jahre auf dem Gebiete der Apologetik geleistet, worden ist. Er erläuterte im einzelnenwelche Schritte man getan habe, um die Staatszuschüsse auch zu israelitischen Kultuszwecken zu erlangen, machte Mitteilung von der Herausgabe der durch Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer in verdienstvoller Weise gesammelten „Neue Gutachten über das jüdischrituelle Schlächtverfahrett", berührte die Bemühungen des Verbandes, die jüdischen Geschäftsleiter, die am Sonnabend geschlossen halten, vor den Schädigungen einer verschärften Sonntagsruhe zu schützen, verweilte in ausführlicherer Weise bei den Bestrebungen, das neue preußische Volksschulgesetz auch den jüdischen Schulen nutzbar zu machen und verwies schließlich auf. die Arbeit, die der Verband geleistet hat, um eine Besserung in den bekannten russischen Paßverhältnissen, in der Verleihung der Staatsangehörigkeit an Ausländer herbeizuführen, und die. beschämende Zurücksetzung der Juden im Heere, Justiz- und Verwaltungsdienst zu bekämpfen. Bei der Einleitung des Geschäftsberichtes gedachte .er in ehrenden Worten der im. letzten Jahre verblichenen Mitglieder des Verbandes, des hochverdienten bisherigen Vorsitzenden Justizrat Dr. Lachmann, Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Pinn er und Sanitätsrat Dr. Neumann. Auch über die Veränderungen in der Zusammensetzung des Ausschusses, über die erfolgreichen Versuche, die Einnahmen des Verbandes zu erhöhen, von dem erfolgten Umzuge des Verbandsbureaus nach der Potsdamer Straße 45 und von dem weiteren erfreulichen Wachsen des Verbandes, dem jetzt 195 Gemeinden, 14 Verbände, darunter auch der „Jüdische Frauenbund" und der „Verband jüdischer Jugendvereine in Deutschland" angehören, machte er Mitteilung. Dann folgte das Referat des Herrn Rabbiner Dr. Guttmann-Breslau über: Die Idee der Versöhnung im Judentum. „Der Versöhnungsgedanke des Judentumes gründet sich auf dem Glauben an die Liebe Gottes. Weil Gott ein Gott der Liebe ist, darum hat er den Menschen nach seinem Ebenbilde und mit der Fähigkeit erschaffen, sich immer mehr zu einem Gleichnis Gottes herauszubilden, zu höherer sittlicher Vollkommenheit zu gelangen." Er stellte diese Auffassung der Versöhnung im Vergleich zu der Auffassung dieses Begriffes im Christentume dar. Er verwies auf die Lehre Augustins von der Erbsünde, die für die ganze Entwicklung der christlichen Dogmatik maßgebend geworden, und die merkwürdigerweise von Kant, als sie vom Rationalismus des 18. Jahrhunderts fallen gelassen worden war, wieder ausgenommen worden sei. „Und da wagt man es, dem Judentum den Glauben an einen Gott des Zornes und der Rache zum Vorwurf zu machen." Er verwies dann auf die großen Unterschiede, die sich dadurch für das Judentum und für das Christentum ergeben. „Das Judentmn kennt keine Gebundenheit des Willens, wie sie sich als zwingende Konsequenz aus der Lehre von der Erbsünde ergäbe. Das Judentum hat Natur und Sittlichkeit zu einer idealen Einheit zusammenfassend, sich nicht von der Berührung mit der Außenwelt, mit den Regungen unseres Sinnenlebens stets fern gehalten. Jeder Mensch muß und kann sein eigener Erlöser sein, wir bedürfen keines Mittlers, keines irdischen und keines überirdischen, um zur Versöhnung mit unserem Gotte zu gelangen. Nicht der Messias erlöst die Menschheit von der Sünde, sondern, wenn die Menschheit sich durch ihr eigenes Ringen von der Sünde befreit und zu sittlicher Vollendung durchgerungen hat, dann sei der Messias für sie gekommen." Er polemisierte zugleich gegen einige Ausführungen Pfleiderers und Harnacks und stellte zum Schluß den Verband .der Deutschen Juden.als ein Bild der Versöhnung dar, in dem alle idealen Kräfte in der deutschen' Judenheit Zusammenwirken. Nachdem der lebhafte Beifall sich gelegt hatte, begrüßte der Vorsitzende den inzwischen erschienenen Herrn Ober- Präsidenten Graf v. Zedlitz-Trützschler und spricht ihm den herzlichsten Dank für sein Erscheinen aus. Der Herr Oberpräsident erwiderte, die beiden Vorträge über die Lage der Juden in der Ostmark behandelten ein Thema, das von so allgemeiner Bedeutung und Einfluß auch auf die allgemeinen politischen Verhältnisse sei, daß er es als eine Forderung seines Amtes und seiner Pflicht erachte, hier zu erscheinen. Er sei dankbar, daß man ihm hierzu Gelegenheit gegeben habe. „Aber", so führte der Herr Oberpräsident weiter aus, „ich bin nicht nur Beamter, ich bin auch Mensch, und da muß ich angesichts des Vortrages, den wir soeben gehört haben, bekennen, daß ich überzeugter auf dem Boden des neuen und alten Testamentes stehender Christ bin. Ich glaube wiederholt bewiesen zu haben, daß ich frei von jeder verketzernden Ueberzeugung bin, aber ebenso fühle ich mich gedrängt, meinen Christenstandpunkt zu betonen. Ihren Arbeiten aber wünsche ich den besten Erfolg." Sodann ergreift Herr Justizrat Breslauer das Wort zu seinem Vortrage „Die Abwanderung der Juden aus