Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'sjfTsy** - — 50? --- Gericht der Erpressung schuldig erkannte, war nacheinander Redakteur der Antisemitenorgane „SLaatsbürger-Zeitung". „Freiheit" und „Wahrheit". Er unterhielt, bevor er zur Ahlwardtschen „Freiheit" überging, Beziehungen zu hohen Regierungsstellen, insbesondere zum ehemaligen Fin anzminister Miquell Was Wunder, wenn sich der Antisemitismus der Protektion hoher Kreise erfreute und sich manches herausnahm, ohne daß er in die ihm gebührenden Schranken zurückgewiesen wurde. Derselbe Bruhn, dem später ein jüdisches Inserat den Mund zu schließen vermochte, nahm sich heraus, in der Konitz-Assäre neben der staatsanwältlichen, der amtlichen, eine Separatuntersuchung im ausgesprochenen Sinne antisemitischer Propaganda anzustellen. Die „teutsche" Ehrlichkeit, die er bombastisch der „orientalischen Hinterhältigkeit" gegenüber als höchste Tugend pries, erlaubte ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, seinen Redakteur Böttcher für einen Artikel, den er geschrieben hatte, eine lange Gefängnisstrafe erdulden zu lassen. Seine „Wahrheit", deren die Oeffentlichkeit gefährdenden Charakter der Staatsanwalt als gerichtsnotorisch bezeichnete, blieb unbehelligt, und ihr geistiger Vater durfte, ohne von der Entrüstung fortgefegt zu werden, in der Vertretung des deutschen Volkes als par inter pares an der Rechtsschaffung für das Volk, an dessen Steuerbelastung, ja an politischen Aktionen teilnehmen, die den Reichskanzlerrücktritt zur Folge hatten. Wie groß aber wäre wohl das Entrüstungsgeschrei bei den Antisemiten gewesen, wenn Schack, Dahsel oder Bruhn — Gott behüte — Juden gewesen wären! Die. „Rhein- und Ruhrzeitung" erinnert daran, daß der Abgeordnete Bruhn, der Herausgeber der „Wahrheit", noch am 3. .September d. I. zu Konstanz am Bodensee in einer Zentrumsversammlung folgendes hochgemutes Glaubensbekenntnis ablegte: „Ich Lin auch hierher gekommen, um Zeugnis mit abzulegen daß mir die politische Konstellation, die sich jetzt ergeben hat, mehr zusagt wie Ote vorige . . . Ich habe mich auch zum Wort gemeldet, weil mein Kollege Dr. Pfeiffer hier so schöne Worte gesprochen hat, die mir als evangelischem Christen so wohl getan haben. Ja, es tut einem wohl, wenn er sagt: „Wir katholischen Christen müssen einig sein mit den Christen, die nicht katholischen Glaubens sind, um das Christentum zu verteidigen gegenüber denjenigen, die es befehden. — Diese gemeinsame Weltanschauung ist es, die mich neben den wirtschaftlichen Gründen zum Zentrum hindrängt." Man kann dem Zentrum diesen Bundesgenossen gönnen; es wird ihn ihm niemand streitig machen. aSn Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Man weiß, daß in den letzten Jahrzehnten jeder Jude, den Beruf. Neigung und Befähigung in die akademische Karriere trieben, jede Hoffnung auf das^ Ordinariat „draußen lassen" mußte, es sei denn, er „löste" das noch, immer erforderliche „Entreebillet in die europäische Kultur". Der frühere Kultusminister Herr Studt, der es schon nicht gerne sah,, wenn Juden im Vorstand einer zahnärztlichen Vereinigung'saßen und Gelegenheit nahm, die antisemitische bessernde Hand anzulegen, wird gewiß das jüdische Bekenntnis nicht „als einen besonderen Vorzug" bei der Besetzung von Ordinariaten betrachtet haben. Wie der jetzige Herr Kultusminister über diesen Kasus denkt, wissen wir nicht, wohl aber liegt nicht eine Tatsache vor, die eine Abweichung von der alten Tradition verriete. Da ist es denn interessant und zugleich hocherfreulich, daß sich in den Kreisen der Universitätslehrer selbst der Ruf erhebt, es dürften bei der Zulassung zum Hochschullehrerberuf keinerlei konfessionelle Rücksichten irgendwie maßgebend sein. Aus dem III. deutschen Hochschul lehrertag, der dieser Tage in Leipzig abgehalten wurde, stellte Professor Wach-Leipzig diese Forderung auf. die von keiner Seite bestritten wurde. „Es muß", so heißt es in der ersten These «UL: ^„ -4 J ^_-- Wachs, „von den entscheidenden Instanzen gefordert werben, daß sie sich bei der Erteilung der venia leZLnäi nicht' durch Umstände bestimmen lassen, die, von formalen Voraussetzungen abgesehen, .weder die wissenschaftliche Qualifikation noch die Lehrfähigkeit oder persönliche Würdigkeit des Bewerbers betreffen, insbesondere nicht durch seine religiöse oder politische Ueberzeugung." — Daß es sich bei der religiösen Ueberzeugung. von der hier Professor Wach spricht, nicht etwa nur um die bei den christlichen Konfessionen handelte, sondern speziell auch vom Judentum, geht daraus hervor, daß er ausdrücklich Bezug nahm auf den „sogenannten Antisemitismus". Dieses Adjektiv: „sogenannter" ist nebenbei bemerkt, recht interessant, da in ihm schon eine nicht mißzuverstehende Verurteilung liegt. Im übrigen führt Professor Wach über die'Berücksichtigung des religiösen Moments bei der Bestallung von Universitätslehrern etwa aus: „Wenn ich von derartigen (Theologen) sich aus der Natur der Lehrtätigkeit ergebenden Einschränkungen absehe, frage ich, welche Bedeutung hat die religiöse Haltung eines Kandidaten für die Habilitation? Und darauf antworte ich, wenn wir die Ueberzeugung betonen: keine!" Und er schließt mit den Worten: „Weg mit jeder Beschränkung in dieser Richtung!" Der Bericht bemerkt bei dieser Stelle: „Lebhafter Beifall". Wir können in diesen Beifall nur einstimmen und den Wunsch hinzufügen, daß die Fakultäten der deutschen Universitäten nach den hier auf dem deutschen Hochschultag proklamierten Grundsätzen verfahren, und der Herr Kultusminister ein solches Verfahren gleichfalls gutheißen und belieben möge! Den Justizmord Ferrer s in Spanien mit dem Judentum jn einen Jdeenzusammenhang zu bringen, blieb dem Berliner Hauptorgan des Zentrums, der „Germania" Vorbehalten. Spanien, das seit der „radikalen" Judenaustreibung im Jahre 1492 zwar das „judenreinste" Land bis zum heutigen Tage geblieben ist, dafür aber auch eines der kulturrückständigsten und politisch, sozial und wirtschaftlich heruntergekommensten, das im Banne und unter der unlösbaren Herrschaft klerikalen Fanatismus geblieben ist, hat durch die kriegsgerichtliche Prozedur an den Gegner des bestehenden kirchlichen Schulsystems, Ferrer, der Laienschulen errichtete und moderne Aufklärung zu verbreiten unternahm, die Entrüstung der ganzen Kulturwelt erregt. Die „Germania", die sich ja auch sonst häufig im Ahlwardt-Stil versucht und psychologisch durchaus erklärlich das der katholischen Kirche allertreueste Spanien mit seiner Klerikerallmacht in Schutz zu nehmen verpflichtet ist, bringt es nun fertig, den Logen und besonders dem Judentum zuzuschreiben, daß sich die Kulturwelt über den Justizmord an Ferrer hell entrüstet. Sie schreibt: „An diesem Falle kann auch der Blinde erkennen, wie drohend und beängstigend die Macht der Loge und des ihr so. oft verbrüderten Judentums geworden ist. Soll nicht endgültig in der Presse die Lüge, die. bewußte, planmäßige Lüge den Sieg über die Wahrheit davontragen, dann bedarf es der äußersten Kraftentfaltung aller Gutgesinnten." Wenn die „Germania" hier von Wahrheit spricht, so handelt es sich wohl um jene moderne und aktuelle „Wahrheit", wie sie Herr Bruhn verzapft. Das Judentum hat mit dem „Fall Ferrer" nichts zu tun, höchstens so viel als Menschen, wie die Menschlichkeit mit der Vergewaltigung aller Gerechtigkeit, die sich Spanien, das treu katholische, im Fall Ferrer zuschulden kommen ließ. hsuptoerlsmmluns des „Vrrbsndes der Deutlchen Juden". ^^ie dritte Hauptversammlung des „Verbandes der Deutschen Juden" wurde am Sonnabend in Breslau durch eine Vorberatung der Delegierten und einen sich daran schließenden Begrüßungsabend in den Festräumen