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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 506 (sequence 2)
Language
German
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inehr sind — oder sollen wir ihnen die Überzeugung beibringen, daß es noch ein anderes Judentum gibt als das der strengen Satzungen,?ja daß dieses andere, das innerliche und lebeMvvlle, das eigentliche Judentum, das Judentum an sich:-ist? : ' .l" Es ist bereits in den Programmatischen Ausführungen des neuen Leiters dieses Blattes hervorgehoben worden, daß wir keinen Kampf wollen, daß wir nur da zu den Waffen greisen, w.o wir in unserem guten Rechte bedroht werden; aber es mag hier noch-einmal ausdrücklich festgestellt werden, Paß uns lediglich die Zukunft des Judentums am Herzen liegt, daß wir niemals einen Juden, der orthodox fühlt und denkt/ in seinen' Gefühlen stören oder kränken wollen. Wahrlich, wir wollen dem Häuflein, das heute noch in alter Weise zu Gott betet und alle Erschwerungen des Lebens willig auf sich nimmt, keinen Abbruch tun; wir beugen uns in Ehrfurcht vor der echten Herzensfrömmigkeit, wo und in welcher Form sie sich zeige; aber wenn es eine Tatsache ist, daß konservative Väter heute kaum mehr imstande sind, auch nur ihre eigenen Kinder bei ihren Anschauungen und Lebensgewohnheiten festzuhalten, so muß der Liberalismus auf den Plan, um dem Abfall vorzubeugen, die Gleichgültigen aufzurütteln, die Widerstrebenden mit neuer Freudigkeit zu rüsten. Darum sind wir liberal und vertreten den Liberalismus vor der Oeffenttichkeit, weil wir nur von ihm eine Erneuerung des Judentums, eine Sammlung aller Matten und Müden, aller Entfremdeten und Fernstehenden erwarten dürfen. Welches sind denn nun die Grundanschauungen des Liberalismus, von denen wir eine Heilung der Schäden der Gegenwart erhoffen? Wie kommen wir zu diesen Grundanschauungen, und wie können wir sie verteidigen? Drei Momente wollen wir in den Vordergrund stellen und an ihnen die Berechtigung der freisinnigen Auffassung des Judentums Nachweisen: die Anerkennung der Entwicklung, die Regulierung des Verhältnisses von äußerer und innerer: Religion und die Betonung der Wissenschaft. Daß es im geistigen Leben nichts Unveränderliches gibt, daß auch die Religion den Gesetzen der Entwicklung unterliegt, ist heute eine allgemein anerkannte Wahrheit. Jedes Geschlecht geht in irgendeiner Weise über das hinaus, was ihm als Erbschaft überkommen ist, es sucht nach neuen Lösungen der Welträtsel, es sucht seine Lebensnormen auf die veränderten Verhältnisse zu übertragen und gelangt so zur Bereicherung und Erweiterung seiner inneren Erfahrung. Auch das Judentum hat seine Wandlungen durchgemacht, Und feine Urkunden ermöglichen uns, diesen Wandlungen Schritt für Schritt nachzugehen. Auf Mose und die Propheten folgen die Psalmisten und die Weisheitslehrer, mit dem Abschluß der Bibel beginnt die Tätigkeit der Schriftgelehrten und Rabbinen; daneben sproßt das Reis der Philosophie und treibt herrliche Knospen und Blüten, auch der Baum der Dichtung grünt von neuem, und manch süße Frücht reift an seinen Zweigen. Wenn wir sie aber vergleichen, die großen Männer des Judentums und ihre Leistungen, wieviel Verschiedenheiten zeigen sie doch bei allem Gemeinsamen, wieviel Selbständiges bei allem Respekt vor der Tradition, wieviel Eigenartiges bei allem Festhalten an der Kette der Ueberlieferung! Eine unendliche Wellenlinie mit. Höhen und Tiefen führt von den ersten Anfängen unserer ' Religion bis hinab in die unmittelbare Gegenwart, und an uns liegt es, daß diese Linie nicht plötzlich abbricht oder: scharf nach unten sich senkt, sondern daß sie von neuem einen kräftigen Aufschwung nimmt. Von besonderem Werte erscheint es, daß bereits unsere Alten auf solche Zeichen der Entwicklung und des Wachstums in der Geschichte des Judentums hingewiesen haben. -'Sie sagen: „Nicht zwei Propheten der Bibel weissagen in derselben Weise." „Alles, was Jesaja gesehen hat, hat auch Ezechiel ' gesehen, aber Jesaja.gleicht in seinen Reden dem Städter, der an den Anblick des Königs gewöhnt ist, Ezechiel dagegen dern Dorfbewohner, der den König selten sieht." Sie sagen ferner: „Jephta, der seine Tochter opferte, war. seinem Geschlecht dasselbe wie Samuel, der das Opfer verwarf, dem seinigen; der ». Mensch soll aus den Richter hören, der zu seiner Zeit, lebt, und nicht sprechen: wie kommt es, daß die früheren Ta^e besser waren!" Ja, dieselben Talmudweisen, die sich bemühten, einen Zaun um die Lehre zu ziehen und Gesetze auf Gesetze zu häufen, haben ihre Augen nicht verschlossen vor dem Wert der einschränkenden Zusammenfassung, jener auswählenden Uebersicht, die im Laufe der Entwicklung der Weiterbildung immer Parallel geht. So sagt Simlai, ein palästinensischer . Lehrer: „Die zahlreichen mosaischen Gebote hat David aus elf zurückgesührt, Jesaja kam und brachte sie auf sechs, Micha . brachte sie auf drei, der Prophet des Exils stellte nur'zwei Forderungen auf: „Wahret das Recht und übt die Liebe," ’ der Prophet Habakuk faßt alle Pflichten in >ine einzige zusammen: „Gerecht ist, wer in seinem Glauben lebt." Zu einem ähnlichen Resultat kommt man, wenn man unsere Religionsphilosophen befragt, welche Lehrsätze den Glaubensinhalt des Judentums ausmachen. Maimonides formuliert :• noch dreizehn Artikel, Chasdai Crescas schwankt zwischen sieben und acht, Joseph Albo kennt nur drei, und Moses Mendelssohn ist der Ansicht, die Verehrung des einig-einzigen Gottes genüge für die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion. Ohne uns auf die Widerlegung oder Erläuterung dieser Sätze einzülaffen, können wir doch eins aus ihnen lernen. Wenn; sich aus der Gährung der Gegenwart ein Judentum herausbildet, das unter Wahrung der historischen Treue den Bedürfnissen des Lebens Rechnung trägt, so haben wir es als Judentum änzuerkennen. Wir müssen uns gleich weit sernhalten von jener kritiklosen Engherzigkeit, die alles, was mit dem Rost der Jahre bedeckt ist, für heilig und unumstößlich ansieht, wie von jener radikalen Neuerungssucht, die durch viele Jahrhunderte der Geschichte einen dicken Strich machen möchte. Wir müssen uns liebevoll vertiefen in die Vergangenheit, die leitenden religiösen Ideen aller Zeiten zu erfassen suchen und mit ihnen das Leben der Zukunft befruchten. Dir Wlochr. Berlin, 19. Oktober. A^er soeben zum vorläufigen Abschluß gelangte Erpresser- Prozeß gegen D ahs e lundseine Komplizin Schuwardt warf, obwohl die wahren Schuldigen noch gar nicht einmal auf der Anklagebank saßen, ein grelles Licht auf die Praktiken und den abgrundtiefen Schlamm des Geschäftsantisemitismus. Zugleich aber erfuhr das Skandalblatt des antisemitischen Reichstagsabgeordneten Bruh n, die „Wahrheit", eine gerichtliche Charakterisierung, die den Verleger und Spiritusrektor dieses Revolverblättchens als einen durchaus würdigen Führer jener Bewegung erscheinen läßt, die Kaiser Friedrich so trefflich die „Schmach Deutschlands" nannte. Vielmehr als die krimi- * nelle und moralische Seite des Gerichtsdramas, das sich vor unseren Augen abspielte, beanspruchen die politischen und öffentlich-rechtlichen Momente, die sich aus dem Prozesse ergeben, das allgemeine Interesse. Herr Dahsel, den jetzt das

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