Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. £PIU.^ 73. Jahrgang. Nr. 43. Berlin, 22. Oktober 1909. Diese' Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Lhefredaktenr: Liedwig Geiger. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums". Berlin SW., Jerusalemer Siraße 4&/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. ®er Liberalismus im Judentum der Gegenwart I. — Die IJUijull. Woche. — Hauptversammlung des „Verbandes der Deutschen Juden". — Ueber den Entwurf eines Gesetzes betreffend die Verfassung der jüdischen Gemeinden in Preußen. Von Landgerichtsrat Loewe in Berlin. — Optimisten und Pessimisten im Judentum. Von Dr. Krauß-Berlin. — Ketten. Schauspiel in vier Akten von H. Reichenbach. — Feuilleton: .Die Kompagnons. Roman von Ernst Heil mann. — Der Gemeindebote: Beilage zur Allg. Zeitung des. Judentums. Berlin, Posen, Königsdorj - Jastrzemb, Hamburg, Ems, Aus Kurhessen, Speyer, Straßburg. Wien, Petersburg, New York. — Von Nah und Fern. Ser Liberalismus im Judentum der Gegenwart. j Berlin, 19. Oktober. ür jede geistige Bewegung, die sich in den Kämpfen des Lebens behaupten will, ist es notwendig, daß sie sich von Zeit zu Zeit auf die Motive besinnt, denen sie ihre Entstehung verdankt, und daß sie zugleich die Ziele klar herausstellt, denen sie dient. Sie verwahrt sich dadurch gegen Entstellungen und Zerrbilder, mit denen ihre Gegner zu operieren pflegen, sie hält aber auch die eigenen Anhänger davon zurück, sich in Abwege zu verlieren und über den Nebendingen die Hauptsachen zu vergessen. Alle politischen Parteien fühlen deshalb die Pflicht, im Laufe der Jahre ihre Grundsätze zu revidieren, ihr Programm neu zu formulieren, ihren Wählern Rechenschaft zu geben und sie auf künftige Aufgaben vorzubereiten. In der Religions- und Gemeindepolitik ist ein solches Verfahren noch viel eher geboten, denn ihre Objekte sind nicht die handgreiflichen und meßbaren Tatsachen des Wirtschaftslebens und der Finanzgebarung, sondern zumeist die unwägbaren Ueberzeugungen des inneren Menschen; wie schnell ist da Mißverständnissen und schiefen Auffassungen, Einseitigkeiten und Verdrehungen Tür und Tor offen! Gerade jetzt, wo die Leitung dieses Blattes in andere Hände übergegangen ist, wird es angebracht sein, wieder einmal die Kardinalfrage zu. erörtern: warum sind wir liberal? Wir suchen sie zu beantworten, indem wir auf zwei Unterfragen eingehen: welche gegenwärtigen Ursachen veranlassen uns, für den Liberalismus einzutreten? und welches sind die Grundanschauungen, denen wir mehr Wirksamkeit verschaffen möchten? Ein berühmter .Bibelforscher, dessen Schriften in der Geschichte der Wissenschaft einen Ehrenplatz einnehmen, wurde einmal in einer geselligen Unterhaltung von einem konservativen Staatsmann angefahren: „Warum lassen Sie die Bibel nicht in Ruhe?" worauf er stolz erwiderte: „Weil sie mich nicht in Ruhe läßt." Aehnlich könnten wir den Warnungen entgegnen, die an uns aus dem jüdisch-konservativen Läger gerichtet werden. , Wenn man uns beschwört: warum ■ laßt ihr das Judentum nicht in Ruhe? so rufen wir aus tiefbewegtem Herzen: weil es uns nicht in Ruhe läßt, weil wir an seinen Geschicken den innigsten Anteil nehmen, weil wir nicht still mitansehen können, wie eine große Kulturmacht, die unendlich viel Segen gespendet hat, sich innerlich auflöst und sang- und klanglos vom Schauplatz der Welt verschwindet. Eine alte lateinische Mönchsregeblautet: Tria faciunt mo* nachum: bene loqui desuperiore, breviarium legere taliter qualiter et sinere res vadere sicüt vadunt; drei Tugenden muß der Mönch besitzen: er muß Gutes reden über seinen Vorgesetzten, die vorgeschriebenen Gebete lesen und die Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Wäre uns die dritte dieser Tugenden zu eigen, so würden wir uns allerdings über die Zukunft des Judentums keine Gedanken machen, sondern gleichmütig zuschauen, wie Tausende unserer Brüder uns in jedem Jahre verloren gehen, wie unzählige andere nur nochwiderwillig bei uns bleiben und noch viel mehr unter den widerstreitenden Eindrücken und Anforderungen der Gegenwart ganz im unklaren sind, welche Wege sie zu beschreiten haben. Da aber die Mönchsnatur dem Judentum fremd ist, da wir eine starke Verantwortung fühlen vor der Geschichte und unserem Gewissen, so versuchen wir, die bessernde Hand anzulegen, um zu retten, was zu retten ist; wir versuchen, dem liberalen Gedanken Boden zu gewinnen, weil er allein imstande ist, dem Judentum neues Leben einzuflößen. Denn daß es der Orthodoxie nicht gelingt, die Juden dem Judentum zu erhalten, sieht ein Blinder. Der Kampf ums Dasein, die Schwierigkeiten des Erwerbs, der Zwang, der An- : Passung, den jede Majorität auf die unter ihr wohnende Minderheit ausübt, die Erweiterung des Gesichtskreises durch Verallgemeinerung der Bildung, durch Reisen und Weltverkehr, alle diese Ursachen machen dem Gros der westeuropäischen Judenheit ein Verharren in den Formen der überlieferten Frömmigkeit unmöglich. Blicken wir auf Berlin, wie-, viel der größeren von Juden geführten Geschäfte sind noch am Sabbat geschloffen, wieviel Aerzte und Rechtsanwälte bleiben wohl an Sabbaten und Festen daheim, .um nicht in die Lage zu kommen, Religionsgesetze zu verletzen, wieviel Angestellte, wieviel Handwerker und Arbeiter sind imstande,, ihren jüdischen Ruhetag zu halten und den Gottesdienst zu besuchen! Oder wieviel von den mehr als zwanzigtaustnd jüdischen Haushaltungen Berlins werden noch rituell geführt, wieviel Juden, die daheim die Speisevorschristenbeobachten, fühlen sich auch draußen gebunden, alle Unbequemlichkeiten der Verpflegung auf sich zu nehmen! Sollen wir sie alle als Abtrünnige ansehen, sie alle ausgeben,, sollen wir gleich der . Orthodoxie in ihnen das Gefühl bestärken, das ihnen selber manchmal kommt, daß sie nämlich eigentlich gar keine Juden