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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-15 · Heft 42 (15.10.1909) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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Die Kompagnons. Noman von Ernst Heilmann. XV. / rossen schob dem Doktor einen Fauteuil hin und versenkte sich selbst in das Polster eines Lutherstuhles, den er dem Sitz seines Gastes näher rückte. „Zigarre gefällig?" Sieders akzeptierte dankend. „Und nun verzeihen Sie es meiner Ungeduld, wenn ich die freundlichen Präliminarien beende. Also zur Sache: Der Vater von Frau Agathe Steinsels und ihrer Schwester Else, der Sanitätsrat Dr. Friedsohn, war mein Landsmann und Studienfreund und hinterließ mir als ein wertvolles Erbe die Anhänglichkeit an seine Hinterbliebenen, an seine Kinder. — Sie selbst haben lange Zeit die freundlichsten Beziehungen zu ihnen unterhalten, und solange Steinfels in Ihren Diensten stand, sich in hohem Grade für diese Familie interessiert." „Nicht Dienste, sagen Sie vielmehr, solange Steinfels in dem Verhältnis eines Sozietärs meines Geschäfts zu mir stand, das ich . bis aus diese Stunde tief zu beklagen habe." „Sie greifen mir vor, Herr Grosser, ich bitte Sie, mich nur geduldig anzuhören. Von der sorgsamsten Liebe umgeben, in dem idyllischen Heim einer glücklichen Familie ausgewachsen, wurde Agathe Friedsohn, nach dem Tode ihres Vaters in die Unruhe des Lebens hineingeschleudert. Des jungen Geschöpfes Energie, später die Anstrengungen ihres Gatten vermochten die Familie in Ehren zu erhalten. Den Ringenden warfen Sie aber mit freundlicher Hand ein Rettungsseil zu und weckten später mit Ihren Unternehmungen im Auslande Hoffnungen und Pläne in der Familie Ihres Sozius, durch die sie sich in eine Sicherheit einwiegte, die sie endlich dahin führte, ihre ganze Lebenshaltung auf eine breitere Basis zu stellen. Plötzlich änderten Sie Ihren Plan." „Ist das meine Schuld, daß Herr Steinfels und seine Frau an eine dauernde Verbindung mit mir glaubten, und daß sie so unvorsichtig waren, ihre Erwartungen so hoch zu spannen?" Sievers rückte unruhig auf seinem Sessel hin und her. Vor seiner Seele schwebte in diesem Augenblick die Wichtigkeit der Aufgabe, die er heute übernommen und zu erfüllen versprochen hatte. „Bitte, wir werden uns verständigen, so wie sonst." „Das hoffe ich und erkläre Ihnen daher: Das Bild, das Sie eben entworfen, paßt gar nicht auf mich und meine Handlungsweise. Ich habe keine Neigung, vor Ihren Augen als Ritter jener Familie zu gelten, ich weise deshalb auch die Andeutung zurück, daß ich willkürlich gehandelt habe. Als ich das Geschäft aufzulösen beschloß, lagen gewichtige Gründe vor." — „Beachten Sie wohl, daß meine Seele in der Tiefe erregt ist von der Szene, die ich eben erlebt habe und beurteilen Sie danach meine Worte. Mit tränenden Augen, mit Schluchzen und Wehklagen rollte Frau Agathe vor einer halben Stunde in meiner Wohnung den Vorhang vor einem Drama auf, in welchem Sie, Herr Grosser, eine gewichtige Rolle, besonders im Schlußakt, spielen. Ich durchlebte während weniger Minuten den ganzen Jammer der vernichteten Existenz .braver, arbeitsamer Menschen. Sie bauen auf den Erfolg meiner Vermittlung, den meine langjährige Freundschaft mit Ihnen zu^sichern scheint. Man glaubt an meinen Gerechtigkeitssinn, man appelliert an den Ihrigen. Haben Sie also Geduld, den Vermittler anzuhören." * „Bitte!" „Sie vertrauten Steinfels die Leitung eines neuen Unternehmens in Rußland an, die er in Entsagung aller Genüsse, fern von den Seinen, wie in einem Exil, mit dem Aufwand aller seiner geistigen und körperlichen Kräfte, in Händen hielt- Das Unternehmen wollte nicht glücken. Sie, mein Lieber, sind gewöhnt und verwöhnt, in raschem Tempo Ihre Geschäfte auszuführen und in raschem Tempo einzuheimsen. Neue industrielle Unternehmungen gleichen aber den Kindern, deren Erziehung die Geduld der Umgebung in hohem Grade in Anspruch nimmt, die viele Kinderkrankheiten durchmachen müssen, ehe sie aufsprießen und die Mühe der .Erzieher mit einer reisen Frucht, mit einer gesegneten Ernte lohnen. Sie konnten und mochten die langsame Entwicklung Ihrer .jungen Schöpfung nicht abwarten und versagten ihr eine nachdrückliche Hilfe. Auf einmal verloren Sie vollends die Geduld, machten einen dicken Strich durch die ganze Rechnung, schneiden ohne jede Vorbereitung das Tischtuch zwischen sich und Ihrem Vertreter entzwei. Sie kündigen ihm." „Damit hat nun die Sache ein Ende erreicht, und ich wüßte nicht, wie ich dazu käme, 'in dem Leben der Familie Steinsels noch weiter eine Rolle zu spielen, wie Sie es vorher andeuteten." „O, noch eine sehr bedeutende, lieber Herr Grosser, eine sehr.bedeutende, die Sie selbst geschaffen haben, als ob Sie bestimmt wären, dem Drama einen gewaltigen Schlußeffekt zu geben." „Sie wollen sagen, daß ich von meinem früheren Sozius auf dem Wege der Klage verlange, daß er die Buchstaben des Vertrages getreu erfüllt, den wir abgeschlossen haben, als ich ihm beim Eintritt in das neue Unternehmen ein großes Vermögen zur Verwaltung anvertraute?" , „Gewiß! Sie fordern von Steinfels eine Entschädigung für die Verluste, die das Unternehmen erlitten hat, wenn ich nicht irre, eine Summe von 54 000 Mark. Das ist ein Betrag, der als Besitz seinen Besitzer über die Sorgen des Tages weit hinwegheben würde, als Schuld aber den Schuldner, der nichts weiter als die Arbeitskraft sein eigen nennt, diese letzte Quelle der Existenz erschöpft und unterbindet." „Finden Sie denn meine Forderung ungerecht? Sie rühmten sich oft als Vertreter der öffentlichen Meinung nur der Gerechtigkeit zu dienen. Mir steht aber in dem vorliegenden Falle das Recht zur Seite." „Sie stützen sich auf den Pfeiler des Rechts, das der tote Buchstabe eines Vertrages errichtete; dieser Pfeiler ist aber nicht stark genug, um den Ansturm der Billigkeit, der öffentlichen Gerechtigkeit auszuhalten." „Aha, ich verstehe Sie, Herr Redakteur, Sie deuteln am Rechte — verzeihen Sie das harte Wort — wie ein Rabulist, wie ein in der Schule der modernen Sophiftik erzogener Advokat der Menschheit. Wir kennen ja diese Art der Menschentümelei. Die Presse hat damit einen Resonanzboden gewonnen, aus dem ihre Stimme, sonorer und hörbarer klingt. Die Vertreter derselben erscheinen dann in den Augen des Vo.lkes wie Priester, die allein das heilige Feuer der Humanität wahren und zu unterhalten berufen sind. Damit aber, mein verehrter Doktor, kommen wir zuletzt doch nicht weit nicht zehn Schritt weit in dem praktischen Leben, das dergleichen Theorien verspottet." Sievers blickte ihn verwundert an. Er hatte in Grosser stets einen leichtlebigen, in der Gesellschaft mit leichten <

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