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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-15 · Heft 42 (15.10.1909) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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der Hohepriester betete für die Bewohner des Tales Saron, daß ihre Häuser nicht ihre Gräber werden möchten. Aber gleich mächtig stellte sich auch hier die Leistung des Vorbeters neben die des Rabbiners. Wer einmal in seiner Jugend die Owinn Malkehms des alten Lichtenstein gehört hat, der entsinnt sich sein Lebtag der inbrünstigen Dringlichkeit, mit der er der Gottheit ans Herz legte: „Tu es nicht um uns, tu es um deinetwillen, um deines großen heiligen Namens willen, um derer, die geschlachtet wurden, um derer, die durch Feuer und Wasser gingen, um deinen Namen zu heiligen, hilf uns, vergib uns, entsühne uns!" Inbrünstig flehend wiederholte die Gemeinde seine Worte immer stärker, bis beim Schema und der siebenmaligen Nennung des heiligen Gottesnamens eine wahre Sturmflut der Begeisterung himmelan schwoll. Dann noch einen Augenblick heilige Stille, um den wie eine Antwort erklingenden Schofarhall zu vernehmen, und dann in himmlischer Herzenssröhlichkeit der allgemeine Aufbruch. Jeder wünschte dem Nachbar, „sich was Gutes ausgebetet zu haben.". Die Gesichter strahlten, trotz der Anstrengung des Tages schritt man gehoben und elastisch rasch dem Ausgang zu. Nur ganz vereinzelte Fromme blieben noch zum Nachtgebet. Draußen auf dem Schulhof aber staute sich die Menge, denn es war nicht leicht, sich einen Ausgang durch den Engpaß des Torweges zu bahnen. Es dauerte eine geraume Weile, bis sich die einzelnen Familienmitglieder in dem Gewühl zusammenfanden. Ein allgemeines Begrüßen, Glückwünschen, Händedrücken hob an- und im Lichte des wachsenden Halbmonds schwebte wie mit silbernem Fittich der sanfte Neikbsrieden über Groß und Klein. Manches hat sich jetzt geändert. Wie das Gas dem kühleren elektrischen Licht gewichen ist, so scheint mir, als wäre auch die Stimmung früher noch wärmer, noch inniger gewesen. Aber vielleicht ist es nur, weil die Inbrunst meiner Jugend um die geliebte Stätte schwebt und die Vergangenheit mit dem Wehmutszauber des Unvergleichlichen zu erklären trachtet. III. Und doch würde man sehr fehl gehen und der Gegenwart großes Unrecht tun, wenn man Berlin am Jom Kippur nur aus dem Gesichtswinkel des laudator temporis acti betrachten wollte. Wie gut die gute alte Zeit auch immer war, ein Vorwurf ist ihr nicht zu ersparen: die Vernachlässigung umfassender, bewußter Pflege des religiösen Gefühls der Heranwachsenden Generation. Das wurde in gutem Vertrauen auf die Macht des eigenen Beispiels, auf die Selbstverständlichkeit einer guten Entwicklung vielfach sich selbst und damit dem Wildwuchs oder der Verkümmerung überlassen. Wohl gab es einige, die mit allem Nachdruck dagegen austraten, aber lange Zeit verging, bis allgemein an den öffentlichen Schulen auch die jüdische Jugend mit Religionsunterricht versorgt und noch längere, bis auch für sie gottesdienstliche Feiern geschaffen wurden. Dies ist vielleicht der schönste, tröstliche Zug im Jom Kippurbilde Berlins: nicht nur die Einrichtung des Jugendgottesdienste an sich, sondern die Begeisterung, mit der die Jugend an ihnen sich beteiligt. Wie relativ gering auch die Kenntnis der Liturgie, des spezifisch Jüdischen sein mag, die die Jugend mitbringt und wie sehr auch der Gottesdienst nach diesem Maß sich richten muß: das ist nicht das Wesentliche. Mag den Kundigen das geringe Maß des Wissens betrüben und ihm nahelegen, auf Einrichtungen zu sinnen zuic Erhöhung und Vertiefung dieses Wissens. Das Wesentliche ist: der Wille zum Judentum, den die heutige Jugend mitbringt, der sie oft die gleichgültigen und amalgamierungslüsternen. Eltern zwingen läßt, sie nicht - am schriftlichen Religionsunterricht teilnehmen,/nicht am Jom Kippur die Schule besuchen zu lassen, wie dies in den siebziger Jahren selbst bei den Kindern von . Vätern geschah, die hohe Ehrenämter in der Gemeinde bekleideten — ja, der sie sogar positiv die Teilnahme am Jugendgottesdienst durchsetzen läßt. Man muß bedenken: viele dieser Kinder kommen nicht aus guten jüdischen Familien, in dem Sinne, daß die Eltern irgendwelche aktiv jüdische Gesinnung hegten. „Denken Sie, meine Kleine hat sich zu Weihnachten jüdischen Religionsunterricht gewünscht." Das ist leider nicht bene trovato, sondern eine in Wirklichkeit vernommene Aeußerung einer jüdischen Mutter Ja, diese Kinder kommen aus der Wüste und drängen wieder zu den lebendigen Brunnen. Ob der Ursprung ihres Eifers so ideal ist, wie das Ziel, dem sie zugeführt werden können, ob ihr Ehrgefühl nicht durch zionistisch-chauvinistische Tendenzen angeregt wurde, da sie ja von dem eigentlichen Kern des Judentums kaum etwas ahnen, darauf kommt es für die Fruchtbarmachung dieser Begeisterung nicht an. Die Hauptsache ist ihr Daseim und was daraus gemacht wird. Wie dies religiöse Gesühl nicht der Pietät im üblichen Sinne entstammt, so kann man sich derselben auch nicht als Motiv zu seiner Stärkung bedienen. Aber etwas Besseres, tiefer Grundlegendes als das Bauen auf bloß persönliche Motive kann der Jugend ins Herz gesenkt werden: die Begeisterung für die sittlichen Ideale des Judentums, die zwar aus uralter Zeit stammen, aber noch so modern, so unerfüllt sind, daß sie jeder noch so aufgeklärte, für neueste Ethik begeisterte Student beiderlei Geschlechts auf sein Zukunftsprogramm stellen kann. Und gerade der Jom Kippur ist ein wahres Kompendium der höchsten allgemeinen sittlichen Forderungen, die sich an die Allheit der Menschen und an das Individuum frei von jeder nationalen Besonderheit wenden. Welche Fülle feinster psychologischer Einsicht in den ^.I-Obets, welche Kenntnis der Schwäche des menschlichen Herzens und doch welches- Vertrauen zu seiner sittlichen Regenerationskraft! Die Thoravorlesungen und Prophetentexte, beginnend mit der Verwerfung des Menschenopfers und fortschreitend bis zur Abschaffung aller anderen Opfer und mythologischen Kasteiungen und als Ersatz die Erfüllung aller Menschheitspflichten oder wie es heute heißt „soziale Hilfstätigkeit!" Und schließlich die herrliche Apotheose von dem Einen Menschheitsbunde, dem Bunde aller Guten, dem Fortschritt der Erkenntnis und Wissenschaft, der den Frevel austilgt. Da lernen die jungen Herzen auch den Glaubensmut der fernen Ahnen begreifen, die das. Besitzrecht solchem Ideale mit dem Tode besiegelten. Um solche Ideale wird sich dann wie um einen festen, ragenden Stamm aufs neue die Ranke der pietätvollen Tradition mit ihren Blüten schlingen, anstatt wie heute oftmals den morschen Stumpf zu ersticken und mit ihm selber abzusterben. Aber wir brauchen derartige Prognosen nicht zu fürchten. In unseren heutigen Schulen und Religionsschulen wird sich die Erziehung unserer Jugend zum Judentum vollziehen. Und die Schule wird wieder das Haus schaffen. Auf den von den trefflichen Religionslehrern und Rabbinern der Gemeinde geschaffenen und geleiteten Jugendgottesdienst kann man aber als auf ein Werkzeug blicken, das einst dazu beitragen wird, daß der Jom Kippur, das Wahrzeichen unserer Religion, auch in der Hauptstadt in einem Umfange gehalten und beobachtet wird, wie es dem zahlenmäßigen Bestände unserer Gemeinde entspricht.

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