Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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auch der Edle, Reine und vorbildlich Wandelnde durch das demütige Mitbekennen ihm fremd gebliebener Verfehlungen den schwächeren, verirrten Bruder in feiner Buße unterstützt und ihm so ohne äußere Beschämung den rechten Weg wiederzugewinnen hilft. Das war auch ein Arewim se böse — ein Bürgen des Einen für den Andern — und wenn freilich auch die vielen Wiederholungen gerade so bedeutsamer Stücke ihnen viel von ihrer gemütsbewegenden Wirkung raubten und zu Unaufmerksamkeit und spöttelnder Kritik verleiteten, so mögen sie doch manchem bedrängten Gewissen die Erleichterung seiner Qual gebracht haben. Immer mehr füllen sich die Reihen, denn bald beginnt die Predigt, der allgemein mit der größten Aufmerksamkeit gefolgt wird. Vielleicht heut in noch größerer Stille, doch war auch in früheren Jahren das Interesse der Gemeinde ein äußerst reges. Durch die auch heut noch bestehende Einrichtung, daß die Rabbiner abwechselnd in den verschiedenen Synagogen predigen, war Gelegenheit, die verschiedensten Anregungen und Eindrücke in sich aufzunehmen und es war erstaunlich, welche Fülle kritischer Nüancen den Beurteilern zu Gebote stand: zu modern oder gar zu. altmodisch, pathetisch wie ein Schauspieler oder nüchtern wie ein Pastor, zu orientalisch bilderreich oder zu akademisch trocken. Besonders empfindlich war das Ohr der Zuhörer gegen jeden von dem gewohnten norddeutschen Dialekt abweichenden Tonfall, der kurzweg als Jargon perhorresziert ward. Als eine unerreichbare Höhe der Kanzelberedsamkeit pries die Erinnerung der älteren Generation den unvergeßlichen Michael Sachs, während die Jugend auch den zeitgenössischen Rabbinern sich mit Interesse zuwandte, besonders dem allzu früh seiner Wirksamkeit entrissenen allseitig verehrten Frankl. Aber auch die Leistungen des Chasan wurden kritisch und mit feinstem musikalischen Verständnis gewürdigt, und man erkundigte sich mit dem lebhaftesten Interesse, wer zu Nussaph und gu Neilali, den Glanzpunkten der Liturgie, tätig sein würde. -Langsam steigt der Tag zur Höhe der Awaudoh. Auch wie einstmals erscheinen jetzt noch Gläubige, besonders Damen, ganz erschöpft vom weiten beschwerlichen Gange, die aber diese Mühsal selbst schon als eine Art von Gottesdienst betrachten denn auch die Mehrzahl der gegenwärtigen Gemeinde lebt meist noch rituell und beobachtet besonders alles auf den Versöhnungstag Bezügliche getreulich. Doch lassen sich zartere Konstitutionen, wenn sie den Anschluß an Unessaime taukef glücklich erreicht haben und der Erzählung von dem Gottesdienst im Tempel beigewohnt haben, manchmal daran genügen und es kommt zu einer Wechfelbenutzung der Plätze auf Grund friedlicher . Vereinbarung mit Nachbarn und Familienangehörigen. So trat und tritt auch heut noch gegen Schluß der Awaudoh, toenn die wunderbaren Chöre des wekol maaminim verklungen sind, ein Wechsel in den Reihen der Betenden ein. Auch die Mystik des Zählens, des immer wiederholten achas we aehas fesselt nicht alle Zuhörer. Die Lücken mehren sich, und ich selbst kann der Versuchung nicht widerstehen, ein wenig auf den „Schulhof", den die Synagoge umgebenden Hof zu schlüpfen, der in seinerlauschigen, ummauerten Abgeschlossenheit mit seinen wenigen Bäumen und etwas Strauchwerk recht wie der Rahmen einer Kleinstadtidylle erscheint. Und richtig, da kommen wie in alter Zeit die schöngeputzten Kinder mit nelkenbesteckten Zitronen und Veilchensträußen, um die fastenden Mütter zu erlaben. Männer erkundigen sich nach dem Ergehen ihrer Frauen, Söhne nach dem ihrer Mütter, Jünglinge erforschen, wie die ihnen befreundeten Jungfränlein die Anstrengungen des Tages überstehen und obgleich alles in hochehrbarer Feierlichkeit vor sich geht^ lagert doch wie ein Abglanz jener Jom Kippurficeube, da die Töchter Jerusalems sich in den Weinbergen mit Reigentanz ergötzten, auf den jungen Gesichtern. Auch über die Eindrücke des Gottesdienstes, selbst wird eifrig debattiert und, obwohl man weniger Jugend sieht, als in früherer Zeit, hat es den Anschein, als ob der religiöse Anteil heut ein lebhafterer sei, eine Erscheinung, auf die noch zurückzukommen ist. Früher begnügten sich gar viele der Jüngeren eben nur mit dem Besuche des Schulhofes oder nahmen nur aus Rücksicht auf irgendein älteres Familienmitglied kurze Zeit am Gottesdienste teil; sie legitimierten ihre Bildung lieber durch einen Abstecher in die nahegelegenen Museen. Und die Eltern, obwohl selber den Versöhnungstag minutiös beobachtend, machten seltsamerweise wenig Anstrengung, auch die Kinder dafür zu gewinnen. So konnte man denn auch auf dem Schulhofe manch ketzerisches Wort vernehmen, manch entrüsteten Einspruch, wie z. B. gegen die naturwissenschaftliche Unmöglichkeit von Jonas Walfisch oder gegen die Roheit der Akeidoh, weil eben den naiven jungen Kritikern jedes'Verständnis für das Symbolische dieser unvergleichlichen Dichtungen einzuflößen verabsäumt wurde. Langsam ist?sNiachahzeit geworden. Auch in der Synagoge selbst macht sich eine Abspannung fühlbar, als breitete ein Geist der Ermattung seine grauen Schwingen über die Andacht der Gemeinde. Alte Leute, die schon von der ersten Morgenfrühe, an ihren Pflichten obliegen, verfallen unbewußt in einen sanften Halbschlummer, andere gönnen sich freiwillig, besonders die Damen, ein ganz leises Erholungsschwätzchen, junge Mädchen eilen nach Hause, um alles für die Rückkehr der Familie zum Anbeißen vorzubereiten, vom Fasten Erschöpfte ziehen sich zurück. Unter der Teilnahme der stets hilfsbereiten, gutherzigen Nachbarinnen wird eine Ohnmächtige hinausgeleitet und der Fürsorge des Arztes anvertraut. Die kleine Emotion belebt die eigene Widerstandskraft und verwebt sich mit eigenem Schauer in die Stimmung des Tages. Man flüstert sich wunderbare Geschichten zu von der zähen Frömmigkeit einer Großtante, die neun Kinder gehabt hatte, so zart wie ein Licht war und von des Morgens um sieben bis des Abends um sieben stehend und ohne ein Wort mit einer Nachbarin zu wechseln auf ihrem Stand betete. Unwillkürlich wird jetzt öfters die Uhr befragt, aber auch die Ebbe der Minchah geht vorüber und der schönste Teil des Gottesdienstes hebt an: der Chasan stellt sich zum Neilahkaddisch. Da ist es, als drängte sich noch ein letzter Strom der Andacht in das Gotteshaus. Männer, die sich den ganzen Tag keine Stunde abmüßigen konnten, kommen jetzt doch oder nach Stunden der Unterbrechung zum zweitenmal, selbst die Türhüter spüren eine Regung des Erbarmens und lassen auch ohne Eintrittskarte herein, jedes Plätzchen wird besetzt. Früher, als die hohen Fenster noch nicht matt verglast waren, sah man auch, wie die Dämmerung langsam zwischen dem welken Laub der Bäume draußen heraufklomm. Wie ergreifend klang dann der Gesang: „Die Sonne wendet sich, der Tag entweicht". Ein Schauer der Wehmut ging durch die Betenden, und der Atem ging schwer, als schwebten all die Seelen derer, die Hier nicht gebetet, mit herein, um an der heiligen Neilah Anteil zu haben. Langsam wurden die Gasflammen entzündet, die Lust 'wurde immer schwüler, aber keiner achtete dessen. Das ^eilahgebet, die Reüahpredigt hielt alles in ihrem Bann. Hier -strebte auch jeder Prediger, sein Bestes und Tiefstes zu geben, um die Herzen zu rühren/ehe er sie wieder dem Alltag überantworten mußte. Vielleicht entsinnt sich noch einer oder der ändere der ergreifenden Wirkung einer Predigt, welcher der Ende der siebziger Jahre hier einmal kandidierende, der Wissenschaft auch in der Blüte seines Lebens entrissene David Kaufmann (Budapest) hielt über die Stelle des Jom Kippurmachsors: