Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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bas währe Vaterland zu betrachten, etwa gär aufs neue* eine jüdische Nationalität zu begründen, denn, so wurde gelehrt, das Judentum sei nur eine Religion, unabhängig vom Volkstum. Die Wendung gegen den Osten aber bestand darin, daß, so tief auch die Verfolgungen namentlich in Deutschland beklagt wurden, die eine Auswanderung vieler Juden nach dem Osten zur Folge hatten, das Wirken dieser Rest im Osten, in Galizien, Polen und Rußland als ein unheilvolles dargestellt wurde, sowohl an sich als in seiner Rückwirkung aus Deutschland. Denn gerade im Osten sei durch den gewaltsamen Abschluß vor jeder anderen Kultur das starre Festhalten an den Gebräuchen, die Erschwerung der Lebensgewohnheiten, die Ueberbürdung mit rigorosen Vorschriften, Sitte geworden; diese jedem Fortschritt feindliche Ausfassung sei dann nach Deutschland herübergetreten und habe eine traurige rückläufige Bewegung inauguriert, die immer aufs neue eine verkehrte Auffassung des Judentums befördert habe. Lettin am Jom Kippur Betrachtungen eines alten Berliners. II. ine ganz eigene Physiognomie trägt am Jom Kippur die alte Synagoge in der Heidereutergasse, die älteste Synagoge der Berliner Gemeinde. Einst vor mehr als fünfzig Jahren die Synagoge der Patrizier, zog sich nach Erbauung der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße der von den liberalen Prinzipien der sechziger Jahre enthusiasmierte, stolz sein Deutschtum betonende Teil der Gemeinde — zumeist eine sozial gehobenere Schicht — dorthin, so daß die Neue Synagoge mit ihrer schönen Orgel und dem wunderbaren Gesang die eigentlich offizielle Synagoge der Gemeinde wurde. Die Vertreter der alten Tradition blieben zwar zum Teil, auch aus Familienanhänglichkeit, der schlichten alten Synagoge treu, aber mit der Entwicklung Berlins, mit der fortschreitenden sozialen Hebung siedelte auch der Stamm dieser Bewußt-Anhänglichen immer mehr in den Westen über und an seine Stelle trat das aus der Provinz zugezogene, in Berlin gut vorwärtsgekommene Element, eine neue Bourgeosie an Stelle der ursprünglichen, und die sich etwas darauf zugute tat, die Plätze der „alten Berliner Familien" einzunehmen und auch in der Gemeindeverwaltung ihren Mann zu stellen. Die alten Familien, von denen so viele nach dem Westen und leider ach gar so viele ganz jenseits des Judentums gezogen sind. Nur wenige von ihnen haben die angestammten Plätze, aus denen die Eltern und Großeltern „gestanden" haben, beibehalten. Da sie aber meist ihr Besitzrecht nicht ausüben, so fallen die Plätze im Laufe der Jahre meist einer sozusagen legitimen Usurpation anheim. Kommt dann solch ein „Standesherr" mal aus dem fernen Westen — und gerade am Jom Kippur zieht es manchen zu der alten Stätte, wo die Andacht der Ahnen wie ein köstlicher, zartverwehter Dust einer alten Balsambüchse uns entgegenhaucht, so überkommt ihn wohl zunächst eine ähnliche Empfindung, wie den Mönch von Heisterbach, als er nach hundert Jahren in sein Kloster zurückkam. An Stelle der alten, bekannten Gesichter, die alle wie zu einer großen Familie verschmolzen erschienen,, lauter Fremde. Viele derbere Gesichter unter den Männern anstatt der scharfen, durchgeistigten Physiognomien, wie sie unserer Erinnerung vielleicht etwas idealisiert Vorschweben, viel triviale, etwas unvermittelte Eleganz bei den Frauen anstatt der seinen diskreten Gediegenheit unserer Mütter und Tanten. Doch das alte Haus ist trotz geringer baulicher Veränderungen noch, ebenso anheimelnd und traulich wie ehedem. Es paßt so gut für seinen Zweck; die Aufmerksamkeit auf die Vorgänge des Gottesdienstes wird durch keinerlei bunten Flitter, durch keinerlei orientalische, oder maurische oder romanische Stilkünsteleien abgelenkt. Es erinnert uns nicht an das ethnographische Milieu unserer Abstammung, noch an das, was unsere Vorfahren, zu denen keine Brücke der persönlichen Erinnerung reicht, vor vielen hundert Jahren erlitten. Es ist so, ja nennen wir es nüchtern, mit demselben Recht des Stils oder der Stillosigkeit gebaut, wie die ungefähr gleichzeitig entstandene benachbarte Garnisonkirche, ohne jeden Schmuck, .ohne jeden Schnörkel bis auf die gemütlichen, auch etwas altpreußisch dreinschauenden Löwenüber dem Oraun hakaudesch und den patriotischen Erinnerungstafeln an der Querwand — aber in außerordentlich harmonischen und akustisch gut wirkenden Verhältnissen. Es ist so, wie die Zeit unserer Vorfahren, an die wir noch vom Hörensagen der ältesten Leute etwas gestreift haben, überhaupt baute, darum ist es historisch und in seiner Art zugleich modern, nämlich eine Bekräftigung, wie wir es selber im gegebenen Falle machen sollen, die Forderungen unserer Zeit zu beachten, anstatt nach allen möglichen alten Vorlagen zu greifen. In dieser praktischen genügsamen und doch stolzen Bescheidenheit liegt sicher das Geheimnis seiner Anmut. Hier und da trifft man doch noch irgendeinen uralten Bekannten oder erkennt an der Aehnlichkeit in einem jüngeren Gesichte den Sprößling einer Familie, die hier in der Gegend stecken geblieben ist, feine, etwas vergrämten Züge. Und, 'während man dem Gottesdienste folgt, entrollt sich auch dem inneren Auge das Buch alles Lebens und man wird jedes einzelnen Menschen Zug gewahr. Dort saß die fromme Witwe, die dem geliebten Gatten in allen möglichen Liebeswerken ein Denkmal setzte und dort stand der biedere politisch so radikale, religiös so konservative Junggesell, der die Kinder des Freundes anstatt eigener erzog, dort die schöne, reiche Käufmannstochter, die zuletzt doch den armen Studenten, den Hauslehrer ihrer ungezogenen Brüder heimführte, dort der junge Arzt, dem es in der Heimat nicht glückte und der schließlich im Auslande ein großer Professor wurde. Wo sind sie alle? Andere stehen hier, aber die typischen Gestalten, die alten Mütterchen mit den Jom Kippur-Häubchen und weißseidenen Umschlagetüchern scheinen ihre Stelle kaum verlassen zu haben, ebensowenig wie die alten, an den schönsten Stellen der Predigt hustenden Herren mit den silberbetreßten Käppchen und riesigem Talith. Und da steht richtig auch noch der alte - Schammes, der jedweden und jedwede kannte und den Damen beim Aufschlagen der Gebete behilflich ist. Und vor allem sind da die alten Gebete mit ihrer alten Innigkeit. Abwechselnd mit dem a eapella-Chor intoniert der Vorbeter die unvergänglich schönen Weisen, das flehend süße, demütig stolze Onu, dem die Knabenstimmen eine besondere kindliche Zartheit verleihen, die erhabenen Königsgesänge, und die Gemeinde singt mit, singt und sagt mit, daß manchmal die Fülle des Klanges die Wände zu sprengen droht. Ja, die Frauen und jungen Mädchen beteiligen sich säst stärker als früher am Gesänge. Auch hier wird noch, wie übrigens auch in den Synagogen der Kaiser- und Rhkestraße das alte Sündenbekenntnis gesagt, welches sich in den übrigen Synagogen so manche einschneidende Kürzung gefallen lassen mußte. Und doch war es eine seine psychologische Erkenntnis unserer' Alten, daß die geängstigte, schuldbeladene Seele, die so gern sich Luft machen möchte, dies am leichtesten in der Gemeinschaft anderer reuig Bekennender vollbringt, wo keiner das genaue Maß der Verfehlungen des anderen kennt, wo