Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228895--65933-3278086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
m Zurückweisungen der Anschauungen Fremder. Trotz dieser Popularität war es keine Arbeit aus zweiter oder dritter Hand, keine Anlehnung an fremde Untersuchungen, sondern ein Werk selbständiger Forschung. Natürlich benutzte es für die biblische und nachbiblische Periode die „Urschrift" und die damit im Zusammenhänge stehenden eigenen Untersuchungen, für Mischnah und Talmud, für Maimonides, die französische Exegetenschule, die jüdischen und spanischen Dichter, Studien, die einen so wesentlichen Teil der selbständigen wissenschaftlichen Arbeit der vergangenen Jahrzehnte ausgemacht hatten, aber es vertiefte diese und verarbeitete eigenartig die von anderen gebotenen Hinweise. Man kann das Verdienst dieser Vorlesungen, die das gelesenste und beliebteste Buch des Autors wurden und blieben, gar nicht hoch genug einschätzen. Der Titel „Vorlesungen" gibt einen falschen Begriff. Denn diese Reden wurden nicht abgelesen, sondern frei vorgetragen. Nicht etwa improvisiert, sondern nach gründlicher Vorbereitung und genauester Disposition, aber so, daß kein Buchstabe vorher ausgeschrieben und kein Blättchen dem Redner als Hilfe oder Wegweiser diente. Dadurch bekam das Werk, das nach einem Stenogramm, das anzufertigen ich das Glück hatte, freilich nach sehr sorgfältiger Durcharbeit gedruckt wurde, etwas Frisches, Unmittelbares, * das eine ausgearbeitete Rede nie haben kann und wies doch nur wenige Mängel eines freien Vortrages auf: die Wiederholungen, die ungleiche Verteilung des Stoffes, die größere Breite am Anfang, den gedrängten, wenn nicht geradezu überhasteten Schluß. Aber damit sind die Vorzüge des Werkes keineswegs abgeschlossen. Es sind: Die edle Popularität neben der vollen Beherrschung des Materials, der große Wurf, die Gesamtanschauung, die das Werk durchzieht. Diese Gesamtanschauung kann man als eine apologetische und als eine reformatorische bezeichnen. Jene bekundet sich in dem Streben, das Judentum von den Vorwürfen zu reinigen, die alte und neue Feinde so zahlreich auf es gehäuft hatten, und in der zu wiederholten Malen gepredigten Ansicht, daß das Judentum seine Aufgabe noch nicht erfüllt habe, sondern den Beruf in sich trage, allumfassende Weltreligion zu werden. Diese, die reformatorische Tendenz, in dem Gedanken von der Entwicklung, in der Ueberzeugung, daß im Judentum bis auf wenige Grundlehren stets eine Verjüngung der Meinungen geherrscht habe und, daß ein Aufhören dieser inneren Fortbildung Verknöcherung und Erstarrung erzeugen müsse. Die Verteilung des Stoffes ist einigermaßen durch die Zahl der Vorlesungen bedingt, und durch die Jnnehaltung, der beschränkten Zeit selten mehr als eine Stunde. Sie wäre offensichtlich eine andere geworden, wenn der Autor das Ganze in Abhandlungen oder Büchern dargelegt hätte. Aber auch so bietet jeder Band ein ziemlich abgeschlossenes. Ganze, und jede Vorlesung ein abgerundetes Bild. Der wesentlichste Unterschied des Werkes von allen früheren besteht darin, daß es nicht politische, sondern Kulturgeschichte enthält. Es setzt die Ereignisse als bekannt voraus, erwähnt sie entweder gar nicht oder nur insoweit, als dies Gedenken für das Verständnis des Zusammenhangs unerläßlich ist. Kulturgeschichte ist freilich mehr in der älteren als in der neueren Bedeutung des Wortes auszufasfen. Das, was man heute unter diesem Worte versteht: Darstellung der ökonomischen Zustände, des häuslichen Lebens, der Verfassung wird wohl gestreift, aber nicht eingehend dargestellt, im wesentlichen ist es eine Vorführung der inneren Ausbildung des Judentums, seiner geistigen Entwicklung. Aber nicht etwa eine bloße Literaturgeschichte wird geboten. Nicht eine Reihenfolge einzelner Schriftsteller wird hintereinander behandelt und noch weniger nach der Unart vieler Literaturhistoriker, nicht bloß jüdischer, die Lebensereignisse dieser einzelnen breit dargestellt. Denn nicht das Aeußere ist hier die Hauptsache, sondern das Innere. Lichtvolle Analysen großer philosophischer Werke wechseln mit sinnigen von geläutertem ästhetischem Geschmack getragenen Würdigungen von Dichtungen, von denen oft formvollendete Verdeutschungen gegeben werden; Charakteristiken von Völkern und Zeiten, z. B. der Araber und des Mittelalters stehen neben glänzenden Schilderungen hervorragender Persönlichkeiten. Vor allem: der große Zusammenhang der geistigen Bewegung wird dargetan; Einzelheiten werden geschickt zur Zeichnung der Gesamtentwicktung verwertet, das geistige Leben einer ganzen Zeit im Zusammenhang mit der Weltanschauung wird mit breiten Strichen dargestellt. So viele Einzelheiten auch behandelt werden müssen, sie machen nie den Zusammenhang vergessen. Sie dienen vielmehr nur dazu, den Blick auf große Gesichtspunkte zu lenken. Der Hauptgesichtspuukt ist die der Fortentwicklung des Judentums. Es ist die Lehre des geschichtlichen Fortschritts, die nicht in die Ereignisse hineingetragen wird, sondern aus ihnen sich ergibt; der Satz, daß es in der Geistesgeschichte wie in der Entwicklung der Natur keinen Stillstand gibt und keinen Rückschritt. Mit diesem jede Vorlesung durchziehenden Grundgedanken steht der andere im Zusammenhang, daß das Judentum in seinem Fortschreiten noch nicht die höchste Stufe erreicht hat, daß es vielmehr berufen ist, noch weiterhin eine große Aufgabe zu erfüllen, zur Weltreligion, zum einigenden Bande der Menschheit sich zu entwickeln. Eines könnte man bei diesem Werke bedauern, daß es in der Mitte abbricht, nämlich am Ende des 16. Jahrhunderts, denn die am Schluß gegebene Uebersicht kann für das Fehlen der Restpartien nicht entschädigen. Ein anderes muß man bemängeln, daß die Darstellung des Christentums einseitig und ungerecht ist. Denn nicht als Weltmacht, nicht als Kulturträger, nicht als eine Religion, die die Barbarei verdrängte, die Humanität verbreitete und die Menschheit förderte, wird es dargestellt, sondern als kulturfeindlich, als eine undankbare und ungeratene Tochter des Judentums, die wie sie den Geist der Mutter verkannt, so ihre Aufgabe geschädigt und zurückgedrängt habe. Aber diese Anschauung, mitunter in schärfsten Worten zum Vortrag gebracht, hing so eng mit der Auffassung des Redners zusammen, daß sie in diesem großen geschichtlichen Gemälde nicht fehlen durfte. Mit dieser Anschauung im Zusammenhang steht die parteiische Wendung gegen das Mittelalter. Der eifervolle Jude, der der entsetzlichen Leiden zu gedenken hatte, die seine Vorfahren in jener Zeit erduldeten, wenn er diese auch seinem Zwecke gemäß nicht ausführlich schildert, blieb in dem Vorurteil befangen, jene ganze Epoche sei eine Zeit der Barbarei gewesen, verdammte sie aus diesem Grunde und konnte oder wollte die Keime einer höheren Bildung, die stille Vorbereitungsarbeit jener Jahrhunderte nicht erkennen; seine Abneigung gegen das Christentum machte ihn unfähig zur Würdigung dieser speziell christlichen Zeit. Wurde eine solche Parteilichkeit von den Historikern und den christlichen Lesern und Beurteilern schwer empfunden und gerügt, so erregte eine andere bei den Juden mannigfaches Bedenken. Das ist die häufige Wendung gegen den Osten, die Warnung vor einer romantischen Verklärung Jerusalems. Wie in den das Gebetbuch betreffenden Ausführungen und Vorschlägen, so wurde auch in den Vorlesungen die Ansicht vertreten, daß jeder Versuch zurückzuweisen fei, Jerusalem als Ifc. m