Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-15 · Heft 42 (15.10.1909) · p. Seite 494

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228895--65928-3278081
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

494 Da heißt es nun arbeiten, nicht die Hände in den Schoß legen, nicht zusehen, jammern, klagen und — predigen. Alle Mann an Bord, unser Schiff ist in Gefahr! Und zielbewußt arbeiten. In die Bresche muß eingetreten, nicht planlos nach dem und jenem gegriffen werden. Unser religiöses Leben muß gefestigt, unser historisches Bewußtsein gekräftigt werden. Aber, das erste nicht mit der Orthodoxie und nicht das zweite mit dem politischen Zionismus, denn beide führen geraden Wegs in das freiwillige Ghetto. Wir wollen mit allen unseren Kräften teiln.ehmen an den Arbeiten der Kultnrwelt im Dienste des Vaterlandes und der Menschheit und dabei ehrliche, gute, religiöse, stolze Juden bleiben. Das ist das große Ziel, das wir uns stellen müssen, für das selbstlos und voll Energie zu wirken keiner zu groß und keiner zu gering sich fühlen darf. Allen voran müssen die Literaturvereine dieser großen Doppelpflicht sich widmen. Das Vermächtnis des verewigten Karpeles an die deutsche Jndenheit ist die unausgesetzte Pflege der jüdischen Literaturvereine. Nur dürfen sie nicht ins kleine, sumpfige Fahrwasser hinein geraten; sie sollen großzügig bleiben, unentwegt ihr klares Ziel vor Augen haben: Religion einerseits — wir denken hier natürlich nur an jene Religiosität, über die es unter uns keine Meinungsverschiedenheit gibt — anderseits historisches Bewußtsein zu wecken und zu beleben. Soviele Gemeinden, soviele Literaturvereine müßten sein. Wo sie nicht möglich sind, gehe das Werk von den Gemeinden selbst aus: durch Wissen zum Judentum! Die Leitung des Verbandes der Literaturvereine erachte es als ihre Pflicht, zu Beginn der jährlichen Vortragszeit eine Reihe von Themen zu veröffentlichen, über die allerorts zu sprechen angelegentlichst empfohlen werde; der Verband bestimme auch zwei oder drei hervorragende Redner und Gelehrte, die als seine Abgesandte da und dort Vorträge zu halten hätten, um zumal in kleinere Vereine Leben und Freudigkeit zu bringen. Schließlich möchten wir dem Verbände dringend empfehlen, in jeder Vorträgssaison, das ist von Oktober bis April jeden Monat einen auch literarisch wertvollen Vortrag in Druck zu legen- und den Mitgliedern sämtlicher Vereine zum Teil gratis, zum Teil um den denkbar kleinsten Betrag einzusenden. Vieles könnte mit dieser Neuerung erreicht werden. Die Mitglieder der Vereine erhielten dadurch in leichtfaßlicher Form Aufklärung über die wichtigsten Themata unserer Geschichte. Sodann können diese Vorträge Anlaß zu Diskussionsabenden, zu anregenden Debatten geben, indem sie vorgelesen und zur Besprechung gestellt würden. Nicht zuletzt wären diese Veröffentlichungen Ansporn für den Vortragenden selbst, sich weniger mit nichtssagenden Stoffen zu befassen, sondern mehr beit letzten, höchsten Zweck der Vereine im Auge zu behalten, Wohl können wir nicht mit einmal Großes leisten. Die protestantische Theologie und Philosophie hat eine mächtige Literatur hinter sich, ihr kann die Popularisierung nicht schwer fallen. Wir sind am Anfang des Anfangs. Manches Wertvolle besitzen wir schon, und unsere Gelehrten, denen Professuren das Schaffen nicht erleichtern, arbeiten trotz alledem mit der zähen Willenskraft unseres Stammes für Religion, und historisches Bewußtsein. So haben wir keine Ursache, die Flinte ins Korn zu werfen. Ist auch das Ergebnis des Rückblicks nicht sehr trostreich, der Ausblick ist ebensowenig' hoffnungslos. Wenn wir nur wollen. Darum sei unsere Mahnung wiederholt: Alle Mann in den Dienst des Judentums! Keiner zu groß, keiner zu gering! „England expects, that every man shall do his duty,“ hat Nelson seinen Seeleuten zugerusen. Dieselbe Mahnung richtet das Judentum an seine Bekenner: „Das Judentum erwartet, daß jedermann seine Pflicht tue." Dann wird unser altes, stolzes Schiff, mit den modernsten Mitteln ausgerüstet, sicher und erfolgreich auch über die Klippen des 20. Jahrhunderts hinwegkommen. Rabbiner Dr. Ziegler-Karlsbad. Die Woche. Berlin, 12. Oktober. ie erinnerlich, hatte bei der viel erörterten Kriegsgerichts- Verhandlung gegen den Grafen v. Gersdorff wegen vorschriftswidriger Behandlung des jüdischen Einjährig-Freiwilligen Bloch, der sich aus Verzweiflung das Leben genommen hat, der Vertreter der Anklagebehörde, Kriegsgerichtsrat Walther, gesagt: „Nun ist aber die jüdische Abstammung noch nie ein Vorzug gewesen." Der Zentralvereiu Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wandte sich wegen dieser Aeußerung beschwerdeführend an den damaligen Kriegsminister und erhielt, wie er in seinem Organe mitteilt, jetzt von dem neuen Kriegsminister nachstehenden.Bescheid: „Kriegsgerichtsrat Walther hat die Untersuchung mit großer Gründlichkeit und Objektivität geführt und sich dabei insbesondere von jeder Voreingenommenheit gegen das Judentum freigehalten. Auch bei der Vertretung der Anklage in der Hauptverhandlung am 19. April 1909 hat er sich ernstlich bemüht, die Straferschwerungs* und die Strasverminderungsgründe vorurteilslos gegeneinander abzuwägen. Bei einem Versuche, die Handlungen des Angeklagten psychologisch zu erklären, hat er dann neben anderem allerdings auch ausführen zu sollen geglaubt,, „als einen Vorzug haben wir Deutsche die jüdische Abstammung doch auch noch nie gehalten". Die staatsrechtliche Gleichstellung der Religionsbekenntnisse hat er damit nicht in Frage stellen und die Begehung strafbarer Handlungen gegen Angehörige jüdischen Glaubens nicht milder beurteilen wollen. Er hätte sich aber sagen müssen, daß die Aeußerung geeignet war, das Empfinden jüdischer Staatsbürger zu verletzen. Ich habe ihm daher das Geeignete eröffnen lassen. Der Kriegsminister gez. v. Heeringen." Die durchaus korrekte Stellunguahme des neuen Kriegsministers findet natürlich nicht den Beifall der „Deutschen Tageszeitung", die den Bescheid „aufrichtig bedauert und nicht versteht". Hoffentlich wird der Minister v. Heeringen noch öfter in die Lage kommen, durch ähnliche Maßnahmen das Mißfallen des Bündlerblattes zu erregen. $ Die Broschüre „Ostmärkische Städtepolitik", die wir in der letzten Nummer besprochen hatten, hat zweifellos nur deshalb einige Beachtung gefunden, weil die Ansicht verbreitet war, daß der Verfasser ein höherer Negierungsbeamter sei. Unter dieser Voraussetzung war die Erregung über die eigenartigen Anschauungen in der Broschüre, die eine überaus große Unkenntnis in politischen Dingen verraten, nicht unberechtigt. Der Schleier über den Anonymus, von dem die Broschüre herrührt, scheint sich jetzt zu lüften. Der Verfasser soll, wie die „P. N'. N." schreiben, ein junger Assessor sein, über dessen in der Broschüre niedergelegten politisch nicht ernst zu nehmenden Auffassungen sich niemand weiter aufregen wird. Gleichwohl verdient noch folgende kritische Auslassung zu der Privatarbeit des strebsamen Herrn Assessors, die die genannte Zeitung veröffentlicht, wegen der darin enthaltenen prinzipiellen ' Gesichtspunkte Beachtung: .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.