Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 7Z. Jahrgang. Nr. 42, Berlin, 15. Oktober 1909. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) b.>zogen vierteljährlich 3 M. Lhefretzäkteür: Ludwig Seiger. Rabbiner : Begründet von Dr. Ludwig Philiz'pson. 8tr. 48/49. 'Alle Zusendungen für. Redaktion und' Expedition, sind an die Adresse: Verlag.der „Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin 6^., Jerusalemer Siräße ^S/49, zu richten/ Verlag von Rudolf rNoffs, Berlin. Rückblick und Ausblick.. Von Rabbiner Dr. Ziegler-Karls- Ä. bad.Die Woche. — Ueber den Entwurf eines Gesetzes betreffend die Verfassung der jüdischen Gemeinden in Preußen. Von Land' gerichtsrat Lvelue in Berlin. — Abraham Geigers Vorlesungen über das. Judentum und seine Geschichte. — SSerliii am Jom Kippur II. Betrachtungen eines alten Berliners. — Feuilleton: Die Kompagnons. Roman von Ernst Heil mann. — Literarische Mitteilungen.' — Sprechsaal. Der Gemeindebote: Beilage zur Allg. Zeitung des Judentums. Berlin, Tlus der Provinz Posen, Breslau, Hamburg, Bruchsal, München, Wien, Saloniki. — Von Nah und Fern. Ajjckbtick und Ausblick. Berlin, 12. Oktober. ^M^ie Festtage sind vorüber und ein eigener Zwang — der / kritische Zug unserer Zeit — drängt uns die Frage auf: Was haben sie gebracht, was gegeben? Gewiß, einer überaus großen Zahl Juden Erquickung und Seelenfreude, frohe Herzenserleichterung und innige . Gemütsbewegung. Freuen wir uns mit allen, denen dieser Monat ein wirklicher Weihemonat. gewesen ist, seien wir dankbar dem, Religionsgenie der Ahnen, das solche Feste geschaffen hat. Aber wir dürfen uns auch vor der Tatsache nicht verschließen, daß tausende Juden außer an diesen Tagen die Synagoge nie besuchen, daß abermals Tausende nur noch der Seelenseier wegen an Passah und Schabuoth in den Tempel eilen. Haben die drei Tage des ernsten religiösen Jnsichkehreus diesen Vielen genügende sittliche Kraft für das. ganze Jahr geliehen? Und wieviele haben diese Feste begangen, nur eben, um sie begangen zu haben, aus Pietät, oder Aberglauben, oder Herdentrieb. Und wieviele gehen selbst an diesen Tagen der Synagoge weit aus dem Weg, da sie in ihr keine seelische Befriedigung finden. Und wieviele begnügen sich nicht mit. der Abkehr vom Gottesdienste; sie höhnen und spotten, .sündigen und verleiten zur Sünde, machen Propaganda für ihren Unglauben und freuen sich königlich, schwankende Seelen in ihre Netze zu ziehen. Wie steht es um das religiöse Leben all dieser Ungezählten? Soll es weiter sich selbst, dem Verfall überlassen bleiben? Soll, nichts geschehen, um sie zu religiösem Denken und Fühlen zurückzuführen? Sollte nicht zum mindesten der Versuch immer wieder erneut werden, zu retten und aufzurichten? Nicht besser bestellt ist es mit dem historischen Bewußtsein eines großen Teils der Judenheit. Das Wissen von der geistigen. und sittlichen Potenzunseres Stammes, von den Männern, führenden Geistern, die wir seit jeher der Kulturwelt geschenkt, von den Idealen und Ideen, die wir verkündet Und verbreitet haben, von dem Wert unserer Leistungen für das soziale und wirtschaftliche Aufblühen des Vaterlandes und der Menschheit, von unserer Bedeutung als Förderer der Kunst-, £k Wissenschaft und Humanität, das Wissen von all dem ist unseren Glaubensbrüdern noch lange nicht zu Fleisch und Blut geworden, zur Stütze des stolzen Selbstbewußtseins, ein Glied dieser kleinen, aber welthistorischen Gesamtheit sich nennen zu dürfen, die Judentum heißt. Diese Schwächen'haben unsere Feinde nur zu gut erkannt und richten ihre Pfeile zielbewußt gegen unsere Religion und gegen unfern Stamm. Insbesondere von feiten der protestantischen Theologie und Philosophie wird seit Kant dem Judentum das Recht abgesprochen, sich Religion zu nennen, o der es wird seine Inferiorität als nationale Gesetzesreligion in grellen Farben gezeichnet. Der soziale und wirtschaftliche Judenhaß wieder geißelt sogenannte jüdische Rassenfehler, den gemeinen Erwerbssinn, den . mangelnden Idealismus, die Feigheit und Kriecherei, die Zudringlichkeit und prvtzenhafte Genußsucht, die, so heißt es, denJuden unausrottbar eigen wären. Ist so das Judentum als Religion und Stamm totgeschlagen, erhebt sich in strahlendem Gewände die christliche Religion als die Religion und das Germanentum als die Rasse. Wer könnte es leugnen! Es ist bewundernswert, was protestantische Theologen und Philosophen leisten, erfüllt von dem zweifellos hingebungsvollen Streben, das Christentum von seinen heidnischen Zutaten zu befreien, diese zu symbolisieren, in das denkbar schönste Licht zu stellen. Sicherlich, ihr gutes Recht und wohl auch ihre Pflicht. Man lese nur die Schriften von Männern, wie Wundt, Paulsen, Eucken, um nur die hervorragendsten moderner deutscher Ethik und Philosophie zu nennen. Eine Flut von Zeitschriften und populären. Werken überschwemmt den Büchermarkt, die alle dem Preise des Christentums gelten. Zu dem kommen Vorträge, Enunziationen hoher und höchster Personen, dann die Umschwärmung des Christentums und seines gewaltigen Kulturwerkes in den verschiedensten Tageszeitungen. — Nicht anders wird das Germanentum in den Himmel gehoben/ Was Chamberlains „Grundlagen" an Rassenübermut- und Dünkel verbrochen haben, wird nicht in Jahrzehnten gut gemacht. Und das alles dringt auch zu den Juden, wird vo n ihnen gelesen, von der Jugend, von den Frauen, von all den Juden, deren jüdische Religiosität und historisches Bewußtsein auf. so überaus schwächen Füßen stehen. Wie müssen diese Schriften wirken, wie zersetzend beeinflussen! Und nun kommt der letzte Ansturm: Der Staat, die G e - sellschaft. Dem Juden alles verschlossen, dem Getauften alles geöffnet. Und wenn schon nicht ühm selbst, dann seinen christgeborenen Kindern, Wer staunte da über Abfall — und auch die Indolenz ist schon Abfall. — bei so geringer Widerstandskrast und so mächtig imponierender Lockung, , bei - dieser Freudlösigkeit am Judentum, die wie ein fressender Wurm unseren Stamm zernagt?! . " ' j;:!;;