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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-08 · Heft 41 (8.10.1909) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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soll.' Wir wollen den stenographischen Bericht des Anwaltstages abwarten; nach übereinstimmenden Zeitungsberichten aber hat man : dort dem.anwesenden Vertreter des Reichsjustizamts zngerufen: „Eine ..ganze-Familie wurde, weil unter dem Volk sw ahn eine Voruntersuchung geführt wurde.. ohne Zuziehung der Verteidigung, verhaftet und ruiniert..Es ist bezeichnend, daß die „Tägliche Rundschau" in ihrem Bericht über den-Anwaltstag diese Stelle gestrichen hat. — Berlin, 3. Oktober. Heber die Bevölkerung Berlins nach der Konfession gibt das „Statistische Jahrbuch der Stadt Berlin für die Jahre 1906 bis 1907" interessante Aufschlüsse. Danach betrug die Zahl der hiesigen Juden im Berichtsjahre 98 893, das ist fast Vso der Gesamtbevölkerung. Die Juden sind aber hinter der allgemeinen Bevölkerungszunahme Berlins, welche 8,01 Prozent betrug, zurückgeblieben. Ihre Zunahme betrug nur 6,72 Prozent. Tie Unterschiede in der Vertretung der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Standesamtsbezirken sind erheblich. Im Spandauer Viertel waren von der gesamten Bevölkerung 21,0 Prozent Juden, in der Altstadt (Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Tvrotheenstadt) 12,0 Prozent, in der Friedrichstadt 9.3 Prozent, im Westen (Friedrichs- und Schöneberger Vorstadt) 8,9 Prozent, dagegen auf dem Wedding und dem Gesundbrunnen und im östlichen Teile der Luisenstadt jenseits des Kanals nur 0,8 und 0,4 Prozent. IV. Posen, im September. Unter zahlreicher Beteiligung fand hier die Beerdigung des städtischen Lehrers Michael Bernstein statt. Der Verstorbene wurde am 17. Juli 1853 geboren, hat also nur ein Alter von 56 Jahren erreicht. An der Lehrerbildungsanstalt zu Berlin vorgebildet, trat er am 1. Juli 1879 in den Schuldienst der Stadt Posen und gehörte ununterbrochen drei Jahrzehnte lang der hiesigen Comenius-Schule an. Nebenamtlich war er als Lehrer an der. jüdischen Ncligionsschule tätig. Bis zum Beginn der Sommerferien ging er seinem Amte nach, wurde aber alsdann durch einen . krebsartigen Auswuchs auf der rechten Halsseite zu einer Operation gezwungen und ist nach zweimonatigem Krankenlager . seinen Leiden erlegen. Herr Rabbiner Dr. Bloch rühmte die Rechtlichkeit und gewissenhafte Pslichterfülluug, das bescheidene und freundliche Benehmen des Verblichenen, der sich dadurch ein dauerndes, freundliches Andenken gesichert habe, und tröstete seine Angehörigen, die durch den Tod des Vaters und Gatten den Ernährer verloren haben. . Ein Gesang von seiten der Schüler schloß die Trauerseier. — Borek. Infolge Ablaufs seiner Amtsperiode schied der Kaufmann Adolf Lauser als Vorstand der jüdischen Gemeinde Hierselbst am 1. März d. I. aus. Aus diesem Grunde fand eine Neuwahl statt, bei der die Herren Kaufmann Samuelsohn zum Korporationsversteher und Hermann W eißbarth zum 1. Verwaltungsbeistand gewählt wurden. Da diese Wahlen vom Regierungspräsidenten bestätigt wurden, erfolgte nunmehr die. Einführung dieser Herren. — Pakosch. Unter großer Beteiligung wurde hier der Kaufmann Samuelsohn zur letzten llkühe begleitet. An dem Trauerzuge beteiligte sich auch der Landwehrverein und die freiwillige Feuerwehr, an deren Gründung ' der Verstorbene regen Anteil genommen hat. Seit 23 Jahren gehörte Herr Samuelsohn den Magistratsmitgliedern an und vertrat den Bürgermeister während dessen Abwesenheit. Er bekleidete mehrere Ehrenämter und machte sich um daS Wohl der Stadt verdient. Unter anderem war er auch Vorstand der hiesigen Synagogen gemeinde und hat zu deren Entwicklung viel beigetragen. — Breslau, 24. September. Ausländer sind als Hilfsvorbeter zuzulassen. Sv hat am 10. September das Breslauer Schöffengericht entschieden. Der Fall hat dasselbe Gericht schon am 10. März beschäftigt und damals zu einer Vertagung geführt. An hohen jüdischen Feiertagen haben die Gemeindesynagogen nicht Platz ' genug für die Menge der Andächtigen. Der Vorstand der Synagogen- : gemejnde pflegt darum für diese Tage noch Säle zu mieten, in denen ebenfalls Gottesdienst stattfindet. Unter anderen wird auch der Kammermusiksaal des Konzerthauses seit einigen Jahren gemietet. In diesem fungierte seit 1906 der beim Sta.dttheater angestellte Chorsänger Heimann Paglin, der russischer Untertan ist, als Vorsänger. Nachdem durch einen Zufall die Staatsanwaltschaft davon Kenntnis erlangt hatte, erhob sie gegen ihn Anklage auf Grund § 71 des Gesetzes vom 23. Juli 1847, betreffend die Niederlassung der Juden im Königreich Preußen, wonach ein Ausländer zur Uebernähme eines Kultusamtes erst die Genehmigung des Ministers des Innern einholen muß und Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmung mit Geldstrafe von 20 bis 300 Talern geähndet werden. Da Paglin die Erlaubnis nicht besaß, erfolgte die öffentliche Anklage. In der Sache stand, wie wir seinerzeit berichteten, schon am 10. März dieses Jahres vor dem Schöffengerichte Termin zur Hauptverhandlung an. Damals wurde aber Vertagung beschlossen, weil der Verteidiger auf Grund eines Gerichts-Erkenntnisses mitteilte, das; wenige Tage vorher vom Landgericht I Berlin ein freisprecheudes Urteil in einer ganz gleichliegenden Sache gefällt worden sei, dessen Begründung er sobald wie möglich vorlegen wolle. Heute erfolgte hier die Entscheidung. Der Angeklagte machte unbestritten geltend, daß er alljährlich von der Synagogengemeinde zu den hohen Festtagen als Aushilfsfänger und -Vorbeter engagiert werde. Diese Tätigkeit sei aber keineswegs die Ausübung der Funktion eines Kultusbeamten. Der Gesang diene nur zur Verschönerung des Gottesdienstes. Das Schöffengericht sprach den Angeklagten frei, indem es, übereinstimmend mit dem Berliner Gerichte, annahm, das; unter einem Kultusbeamten im Sinne des genannten Gesetzes ein fest angestellter Beamter zu verstehen sei, der durch seine amtliche Tätigkeit und durch sein Zusammenleben mit der Gemeinde einen Einfluß auf deren sittliches und sonstiges Verhalten auszuüben in der Lage sei. Das treffe aber bei dem Angeklagten, den man lediglich für die hohen Feiertage engagiert, und der an diesen nur eine künstlerische Tätigkeit entfaltet habe, nicht zu. Stuttgart, 26. September. Die „Neckaer-Zeitung" schreibt anläßlich der Manöver in Württemberg: Geradezu rührend herzlich und aufopfernd ist in diesem Krieg in Fricdenstagen die Haltung der Bevölkerung gewesen. Das wehrhafte Geschlecht, das im Taubertale, längs dem Kocher und der Jagst und'in den Bergen nach dem Odenwald hin sitzt und von Landsknechtzeiten her dem Waffenhandwerk hold war, hat einen gar trefflichen Manöver-Resonanzboden abgegeben. Willig, ja mit einer Begeisterung, die sich in über das vereinbarte Maß weit hinausgehender Verpflegung des einzelnen Mannes ausdrückte, hat das liebenswerte, frohe Völkchen jener Weingegend die Einguartieruugslasten getragen. Auch der starke jüdische Bevölkerungseinschus; dort an der badischen und württembergischen Landesgrenze, hat trotz der gerade fallenden hohen Feiertage, in der bereiten Gastfreundlichkeit der Ausnahme mit seinen christlichen Mitbürgern gewetteifert. Zwei niedliche kleine Episoden seien in diesem Zusammenhang hier registriert: In Mergentheim, wo es ein koscheres Hotel gibt, wies die unter den hebräischen Schildzeichen hängende Quartiertafel die Kreideankündigung auf: „Einguartiert, Vizefeldwebel Christ". Und wenige Schritte weiter ließ, direkt unter der Firmentafel „S. Rothschild, Bankgeschäft", der Name „Militärische Pumpstation" allerhand lustige Deutungen zu. J. W. Straßburg (Elsaß), 15. September. Die israelitische Gewerbeschule, die seil hundert Jahren jüdische, meist unbemittelte junge Leute vom Lande, dem Handwerk znführt, veröffentlicht ihren Bericht über die Jahre 1906 bis 1908. Zum Gedächtnis des verstorbenen langjährigen Vorsitzenden Dr. Gustav Levh bringt der Bericht das Bild des um die Anstalt hochverdienten Wohltäters. Zur Widerlegung des Vorwurfs, daß die meisten Zöglinge sich später anderen Berufsarten zuwenden, wurde eine Umfrage veranstaltet, die ergab, daß von 151 Zöglingen, die von 1896 bis 1907 ausgebildet wurden, 112 in ihrem Handwerk arbeiten, 24 sind zu anderen Berufsarten übergegangen, 3 sind gestorben und von 12 konnte der Aufenthaltsort nicht ermittelt werden. Das neue Heim in der Julianstraße hat sich praktisch bewährt und hatte sich zahlreicher Besuche zu erfreuen, so auch von der deutschen Kaiserin am 11. Mai 1908. Ein Brüsseler Besucher schenkte 800 Mark zur Anbringung einer Turmuhr. Doch hat die Anstalt Geldsorgen, da die Ausgaben ständig zunehmen. Die früheren Schüler zeigen sich dankbar und senden Jahresbeiträge, sobald sie auf eigenen Füßen stehen. So sind solche ans New Aork, Cincinnati, Buenos Aires, Kalifornien usw. verzeichnet Besonderes Lob verdient der Anstaltsleiter I. Picard, der die Schule vorzüglich führt und dem Handwerk von jüdischer Seite einen kräftigen Nachwuchs herbeiführt.

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