Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Line Srelk. Von F. Ottmer. or Gott stand eine Seele. Leuchtend weiß war ihr Gewand, silberhell glänzte tzs inmitten allen Himmelsglanzes. Nur einen einzigen Flecken hatte es/ ganz unten an seinem Saum. „Herr," sagte die Seele, „laß mich ein zu Deiner Seligkeit, laß mich sitzen zu Deinen Füßen und Dir Halleluja" singen." Doch der Herr sah sie an mit seinen Angen, die tiefer sind als alle Meere, und er sprach: „Bist Du auch würdig meiner ewigen Seligkeit?" „Herr," sagte die Seele, „ich habe allen Schmutz gemieden und ben Unrat der Erde. Nimm mich auf!" „Woher kommt denn der Flecken auf Deinem Gewand, Seele?" fragte der Herr, und seine Stimme war dunkler als die Schleier der Nacht. „Herr," erwiderte die Seele, „ich weiß es nicht. Ich habe mich nicht vergangen, nie! Und als der, der mir zum Genossen gegeben war, aus Irrwege geriet, da bin ich von ihm geflohen, um mich nicht zu beschmutzen an seiner Sünde. Doch 'vielleicht war ich nicht schnell genug, denn von da ab sah ich den Flecken an meinem Gewand." . Da sprach der Herr: „Ich kann Dich nicht aufnehmen in meine ewige Seligkeit, bevor Dein Gewand fleckenlos ist. Geh und reinige Dich!" Da wandte sich die Seele und ging zurück auf die Erde. Und . sie wandelte unter den Menschen in ihrer irdischen Gestalt. Allen weltlichen Genüssen entsagte sie, und alle weltlichen Güter tat sie von sich. Sie legte ein härenes Kleid an und kasteiete ihren Leib und sie lobpreisete den Herrn von früh bis spät. Als ihre Zeit um war, stand die Seele wieder vor Gottes ewigem Thron. ' * Der Herr sah sie an mit seinen Augen, die strahlender sind als der Glanz aller Sonnen, und er fragte: „Seele, ist der Flecken getilgt von Deinem Gewand?" Doch die Seele weinte: „Nein, Herr — aber laß mich dennoch ein zu Deiner ewigen Seligkeit. Ich habe alles Irdische von mir geworfen und habe Dich gepriesen von früh bis spät. Nimm mich auf — vor Deinem Glanz wird er weichen!" „Nein," sprach der Herr, und seine Stimme war härter als der Diamant der Berge, „ich kann Dich nicht aufnehmen in meine ewige Seligkeit. Geh und reinige Dich!" Da wandte sich die Seele und ging zurück auf die Erde in ihrer alten Gestalt. Und sie lebte nur den Armen und Enterbten. Die Blinden führte sie, und sie stützte die Lahmen, sie Pflegte die Aussätzigen und begrub die Toten — nichts als gute Werke tat sie und hoffte aus den Himmel. Und als ihre Zeit um war, stand sie vor dem Herrn. Die Augen des Herrn, die klarer sind als die Wasser aller Quellen, sahen sie an. -Da wartete die Seele feine Frage nicht ab. „Herr", schluchzte sie, „nimm mich aus in Deine ewige Seligkeit. Ich habe die Blinden geführt und die Lahmen gestützt, die Siechen gepflegt und die Toten begraben, und ich habe auf den Himmel gehofft. Laß mich zu Deinen Füßen sitzen und Dir Halleluja singen. Vor den Strömen Deines Lichts wird der Flecken vergehen. Nimm mich auf." Doch der Herr sprach, und seine Stimme war dumpfer als das Grollen des Gewittersturmes: „Ich nehme Dich nicht auf in meine Seligkeit. Zum letztenmal. Geh und reinige Dich, sonst sollst Du verstoßen sein." Und wieder kam die Seele aus die Erde zurück. Da sah sie den, der ihr als Genosse gegeben gewesen war, tief im Schlamme waten.. Unglück und Schmutz nmstarrten ihn, Sünde und Laster krallten sich an ihn. So ging er dahin, einsam und nngestützt, ein Verlorener. Doch die Seele vergaß alles bei seinem Anblick. Sie dachte nicht des Himmels und achtete nicht ihres weißen Gewandes; mitten hinein sprang sie in Schmutz und Unflat. Ihr Gewand schleppte durch den Schlamm, denn mit beiden Armen hielt sie den Elenden umfangen. Sie stützte ihn und ging mit ihm durch Sünde und Not, durch Schmach und Jammer, alles hatte sie vergessen, Himmel und Seligkeit, Reinheit und Weiße vor dem einen: ihn nicht verlassen. Und plötzlich stand sie vor Gottes Thron. Fleckenlos war ihr Gewand — das doch geschleift hatte im tiefsten Schlamm — und an der Hand hielt sie den Geliebten. Doch der Herr, dessen Augen milder sind als der Schein des Mondes, sprach — und in seiner Stimme klang die Harmonie der Sphären: „Nun sollst Du eingehen zu meiner ewigen Seligkeit, und er, um den Du Sünde und Not getragen hast, soll Dein Gefährte sein." Sgretzsasl. Sehr geehrter Herr Redakteur! . <^n Nummen 39 befindet sich ein Aufruf von Herrn Dr. Artur Kahn, Charlottenburg, Englischestrabe 30, in dem dieser für einen jungen Mann eine Stellung in einem landwirtschaftlichen Betr'ebe sucht. Wir erlauben uns, darauf aufmerksam zu machen, dab wir stets in der Lage sind, derartige Stellungen zu vergeben und daß wir, nach Einrichtung der Anstalt auf dem, einer uns nahestehenden Gesellschaft gehörenden Gute Steinhorst (Provinz Hannover), jetzt auch selbst geeignete junge Leute zur Landwirtschaft ausbilden können. Wir gestatten uns. auf diese Tatsache hiuzlnveisen, da es immer noch nicht genügend bekannt ist, daß die Vermittlung landwirtschaftlicher Lehr- und Arbeitsstellen für junge Israeliten zu unseren wichtigsten Aufgaben gehört. Hannover. A. und F. Simon'sche Stiftung. Der Syndikus: Dr. Eugen Katz. Die Herren Mitarbeiter dieses Blattes bitte ich gleich beim Beginn meiner Tätigkeit um Nachsicht. Es hoben sich -so viele Beiträge wissenschaftlichen, theologischen, pädagogischen,belletristischen Inhalts vorgefunden —teilweise mit recht altem Datum — daß eine geraume Zeit vergehen wird, ehe die von G. Karpeles angenommenen Beiträge alle abgedruckt sind. Bei dem täglich zuströmenden Stoffe, bei der Notwendigkeit, die Zeitereignisse zu berücksichtigen, müssen viele Beiträge immer wieder zurückgelegt werden. Mögen die Getreuen sich darum mit Geduld wappnen und ihre Teilnahme diesem Blatte weiter bewahren. Ich kitte die Herren Mitarbeiter, ihre Beiträge bis zum 22. Oktober inklusive an die Redaktion Jerusalemerstr. 46/49, vom 23. ab an meine untenstehende Privatadresse zu senden. Berlin, Ende September 1909. Professor Dr. Ludwig Geiger, M. 50, Schaperstr. 8. Geheimer Regierungsrat. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für di« Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.